Von Ludger Lütkehaus

Ist ein Restaurator von Berufs wegen eine unglückselige, vielleicht sogar eine tragische Existenz? Sein größter Ehrgeiz bei der Wiederherstellung eines entstellten oder der Auffrischung eines gealterten Bildes wird es sein, daß man seine eigene Tätigkeit im Angesicht des Originals vergißt. Bescheidenheit, demütige Treue, Verzicht auf jede Subjektivität scheinen seine hervorragendsten Tugenden. Doch da sind auch andere Motive. Der Restaurator weiß, „wie es eigentlich gewesen“. Womöglich wird er sich so mit dem Künstler identifizieren, daß er mit seinen Händen das Bild gleichsam noch einmal malt. Vom Restaurator zum Schöpfer ist es psychologisch nur ein Schritt.

Das Werk von Henning Boetius ist in dieser Spannung anzusiedeln. Bis vor kurzem war es das eines guten, ja hervorragenden Restaurators. Doch mit seinen beiden jüngsten Romanen will der Restaurator auch Originalkünstler sein; die Frage nur, wieweit er einer ist.

Boetius, 1939 im hessischen Langen geboren, war nach seiner Promotion über Hans Henny Jahnns Roman „Fluß ohne Ufer“ sechs „unglückliche Jahre lang“ im Freien Deutschen Hochstift Redaktionsleiter der großen, historisch-kritischen Brentano-Ausgabe. Er kennt also das philologische Handwerk von Grund auf. Nur mochte er es auf die Dauer nicht mehr traditionell germanistisch betreiben. Mit den „Resten an gesundem Menschenverstand“, die er sich „durch frühzeitiges Ausscheiden aus dem Club der Philologen bewahren konnte“, hat er in seinem Buch „Der andere Brentano. Nie veröffentlichte Gedichte. 130 Jahre Literatur-Skandal“ einiges für die Nestbeschmutzung seiner Zunft getan. Ausgaben wie die Brentano-Edition tendierten dazu, ihren Gegenstand nach Art eines Mausoleums in das „Niemandsland des Wahren, Schönen und Guten“ zu entrücken, ihn zu „vergoethen“. Knochen, nichts als Knochen, heiliggesprochen zu Reliquien. Der verwilderte Brentano sei unter lauter brave germanistische Förster gefallen. Oder, einer der Kalauer, mit denen der Renegat auf die Exkollegen einschlägt: Die Germanisten „pomadisieren“, wo die Dichter „nomadisieren“. „Verliteraturwissenschaftlichen“ heißt verwalten, Texte stillegen. Hinter den philologischen Kardinaltugenden Genauigkeit und Vollständigkeit stehe nichts anderes als Philistertum. Die entscheidende berufliche Qualifikation: „ein abnormes Maß an Phantasielosigkeit“.

Nun, das ist antiphilologischer Sturm und Drang. Schwer zu sehen, was in Sachen Philologie plausibel gegen das Ethos der Genauigkeit und Vollständigkeit einzuwenden wäre. Im übrigen profitiert Boetius hier, wie in „Der verlorene Lenz. Auf der Suche nach dem inneren Kontinent“, selbst weidlich von einer genaueren und vollständigeren Lektüre der „graphischen Überbleibsel“, als seine zünftigen Vorgänger sie betrieben hatten. Nur ist das Restauratorenhandwerk unter seinen Händen erfreulicherweise alles andere als restaurativ. Unter den Übermalungen einer Rezeptionsgeschichte, die sich als Entstellungsgeschichte entpuppt, legt er vielmehr den nicht verphilisterten, den nicht mumifizierten Lenz oder Brentano frei. Boetius’ Lenz, nachdem er den „Brief eines lebenden Germanisten aus dem Diesseits an den toten Dichter“ erhalten hat: „Mein Gott, ist es nicht eine Form der Gerechtigkeit, daß Eure Schubladen klemmen!“ Der Restaurator paktiert mit dem Bilderstürmer. Die „Vereinigung progressiver und konservativer Elemente“, die Boetius im Nachwort zu seinen „Selbstgedichten“ einem guten Gedicht zuschreibt, ist der verbindende Impuls.

Im Brentano- und im Lenz-Buch hat Boetius seine Helden gefunden – Außenseiter, Unklassische, Wortbildwidrige –, allerdings noch nicht seine Form. Die Melange zwischen Textdokumentation und Kommentar markiert noch seine Ablösungsphase von der strengen Philologie. Anders die beiden folgenden Werke: der Roman „Schönheit der Verwilderung. Das kurze Leben des Johann Christian Günther“ und der Lichtenberg-Roman „Der Gnom“. Die Darstellung orientiert sich zwar an den historisch belegten Lebensläufen und den überlieferten Texten. Einiges davon geht unmittelbar in die Romane ein. Aber der Autor verfügt frei über sein Material.

Der genialische schlesische Lyriker, dem nach Goethes hochseriösem Wort sein Dichten wie sein Leben zerrann, weil er sich nicht zu mäßigen wußte, war tatsächlich so, wie Brentano es in einem Gedicht von 1834 einer nicht minder seriösen Dame in den Mund legt: „Nie hat er Maß gekannt.“ Das Bild des Göttinger Gnoms spricht ohnehin allen normativen Vorstellungen Hohn. Boëtius’ Lichtenberg-Roman ist sein bisher schönstes, ein geradezu herzerwärmendes Werk. Bewundernd, ohne in Demut zu ersterben, liebevoll, aber keineswegs liebedienerisch, zeichnet er das Portrait jenes großartigen Zwerges, dem die deutsche Literatur einige ihre witzigsten, scharfsinnigsten und vor allem ehrlichsten Texte zu danken hat.