Von Christian Tenbrock

Hätte Bill Clinton nicht gute Chancen, nächster Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, der Kot, das Fett und die Innereien von 200 Millionen Hühnern hätten kaum nationale Prominenz erlangt. So aber sitzt Archie Schaffer auch an diesem Freitagmorgen Anfang Oktober wieder unter gleißendem Scheinwerferlicht und beantwortet geduldig die Fragen einer Fernsehcrew des amerikanischen Natur- und Umweltmagazins National Geographie. Am Mittag steht er dem Gast aus Deutschland Rede und Antwort. Und für den Nachmittag hat sich ein Team des schwedischen Radios angesagt.

Archie Schaffer ist Pressesprecher von Tyson Foods, dem weltgrößten Hühnerverarbeiter und größten Arbeitgeber in Arkansas, dem Bundesstaat, den Bill Clinton als Gouverneur seit 1982 regiert. John Tyson, der Chef des Unternehmens, gilt als in der Wolle gefärbter Anhänger der demokratischen Partei und hat Clinton schon seit Jahren wohlwollend unterstützt – auch finanziell. Nun ist der Geflügelgigant aber ins Gerede gekommen, weil sein Hühnerdreck für die Verschmutzung von Quellen, Flüssen und Seen in Nordwest-Arkansas verantwortlich sein soll. Präsident George Bush sprach während einer Wahlkampfreise von „Fäkal-Bakterien“ in den Gewässern und schalt seinen Herausforderer, der Natur vor der eigenen Haustür nicht genügend Beachtung zu schenken. Hat Clinton also den Umweltschutz seiner Freundschaft zu Tyson und den 22 000 Jobs geopfert, die er anbieten kann?

Fragen wie diese muß nicht nur Archie Schaffer beantworten. Seitdem sich Clinton aus Arkansas’ verschlafener Hauptstadt Little Rock auf den Weg ins Weiße Haus machte, sind die Medien in Horden über den zuvor kaum wahrgenommenen Südstaat hergefallen. „In den vergangenen Monaten wurde über uns mehr geschrieben als zuvor während der gesamten Geschichte der Menschheit“, seufzt ein enger Mitarbeiter des Gouverneurs. Die Fragen sind immer gleich: Hat Arkansas von Clinton profitiert? Waren seine Wirtschafts- und Sozialpolitik und seine Bildungsreform erfolgreich? Und wie steht es wirklich um den Umweltschutz in Arkansas?

1978 wurde Clinton dort zum ersten Mal zum Gouverneur gewählt, zwei Jahre später wieder aus dem Amt gejagt. 1982 kehrte er in das Kapitol in Little Rock zurück. Er übernahm einen Staat, der seit jeher zu den zurückgebliebensten Regionen Amerikas gehört. Besiedelt von Menschen, die als eigenbrötlerisch, störrisch und stolz beschrieben werden, schloß sich das von der Landwirtschaft dominierte Arkansas lange vom übrigen Amerika ab. Noch vor dreißig Jahren, so eine Regierungsangestellte, versicherten viele Lehrer ihren Schülern, daß man im Grunde auch ohne den Rest der Vereinigten Staaten existieren könne.

Arkansas war – und ist – auch einer der ärmsten Bundesstaaten Amerikas. Thank God for Mississippi. Gott sei Dank, daß es den (noch ärmeren) Nachbarn Mississippi gibt, spöttelt mancher Bewohner. Und auch zehn Jahre Clinton-Herrschaft haben nicht vermocht, Arkansas in der Statistik, wirtschaftlicher Indikatoren wesentlich nach vorn zu bringen. Das Pro-Kopf-Einkommen betrug im vergangenen Jahr 14 629 Dollar, fast 4500 Dollar weniger als der Durchschnitt der Vereinigten Staaten. Die Stundenlöhne sind rund zwanzig Prozent niedriger, fast jeder fünfte der 2,35 Millionen Einwohner lebt unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Vor allem den Schwarzen, die sechzehn Prozent der Bevölkerung stellen und die überwiegend in den Baumwollanbaugebieten entlang des Mississippi wohnen, geht es noch immer schlecht. Aber diese Statistiken allein reichen für eine Bilanz Bill Clintons nicht aus. Gespräche mit Beamten, Umweltschützern, Unternehmern und Wissenschaftlern aus beiden politischen Lagern fördern das Bild eines langfristig denkenden, in vielen Fachbereichen bewanderten Politikers zutage, der Arkansas eine Vision gegeben und es wirtschaftlich gegenüber der Welt geöffnet hat. Im Bestreben, seine notleidende Heimat zu reformieren, ging der Gouverneur eine enge Allianz mit den mächtigen Industriebaronen von Arkansas ein – und wurde dafür vor allem im Bildungswesen und bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze mit spürbaren Fortschritten belohnt. „Auf einer Skala von eins bis sechs verdient Clinton mindestens die Note zwei“, findet John Shelnutt, Ökonom an der Universität von Arkansas in Little Rock.

Immerhin hat Arkansas die Rezession in Amerika besser überstanden als weite Teile der übrigen Nation. Seine Arbeitslosenquote liegt zum ersten Mal seit Jahren unter dem Landesdurchschnitt, die Investitionen übersteigen diejenigen in vergleichbaren Bundesstaaten. Seit sieben Jahren wächst das Arbeitsplatzangebot schneller als im Rest Amerikas. Während dort immer mehr Jobs im verarbeitenden Gewerbe verlorengingen, ist ihre Zahl in Arkansas seit 1987 um neunzehn Prozent gestiegen.