Zur Lage der Hochschulen ist seit zwanzig Jahren nichts Neues mehr gesagt worden. Der Bericht zur Situation der Hochschulen, mit dem Bildungsminister Ortleb in der letzten Woche ins Kabinett zog, macht da keine Ausnahme: Wir müssen die Studienzeiten verkürzen, die Qualität der Lehre verbessern, die Studiengänge entschlacken, die Ausweitung des Numerus clausus verhindern, das Hochschulmanagement effizienter gestalten und dergleichen mehr. Bemerkenswert ist allenfalls, daß heute offensichtlich salon- oder kabinettsfähig ist, was einst Proteststürme auslöste. Als der Wissenschaftsrat nach langwierigen Debatten Mitte der achtziger Jahre sein „Vier Plus“-Modell zur Umstrukturierung der Hochschulen vorlegte, sahen viele darin den Untergang der deutschen Universität. Als die Rektorenkonferenz Ende letzten Jahres dieses Modell, das eine rigorose Einteilung des Studiums in ein achtsemestriges „grundständiges“ und ein spezialisiertes Aufbaustudium vorsieht, wiederbelebte, erhob nur noch der Hochschulverband, die Standesorganisation der Professoren, halbherzig Einspruch. Und jetzt hat das Kabinett dem Modell offensichtlich ohne viel Federlesens zugestimmt. So ändern sich die Zeiten – aber ändern sie sich zum Besseren?

Eine Umstrukturierung der Hochschulen ist gewiß notwendig. Damit mußten sich allmählich auch alle diejenigen abfinden, die an dem hingen, was die deutschen Universitäten zwar nie wirklich waren, aber vielleicht hätten sein können: Oasen der Lehre und Forschung, Zentren und Initiatoren gesellschaftlicher Impulse.

Die Masse jedoch, die an die Hochschulen drängt, hat ganz andere Ausbildungsansprüche, will vor allem einen vielversprechenden Start in den künftigen Beruf. Schon seit Ende der sechziger Jahre war diese Tendenz erkennbar; damals wurde sie ignoriert, weil eine rigorose Reglementierung und Funktionalisierung des Studiums politisch nicht durchsetzbar war. In den achtziger Jahren fehlte dann jeder politische Wille, sich überhaupt mit den Problemen der Hochschulen zu befassen.

Jetzt aber, da der Druck auf die Hochschulen so groß ist und das politische Klima im Lande sich so verändert hat, daß strenge Regelstudienzeiten bis hin zur Zwangsexmatrikulation konsensfähig zu werden scheinen, da könnte schon manches zu spät sein. Viele Fächer sind unter heutigen Bedingungen in acht Semestern gar nicht mehr studierbar. Daran wird sich in absehbarer Zeit wenig ändern lassen, trotz der strengen Aufforderung an die Hochschulen, entsprechende Maßnahmen nunmehr „zügig umzusetzen“. Auch der notwendige und dringlich geforderte Ausbau der Fachhochschulen ist augenblicklich kaum zu finanzieren. Dasselbe gilt für den Hochschulbau, die Verbesserung der Personal- und Sachausstattung, die Straffung des Hochschulmanagements.

So entschlußfreudig sich der Bericht des Bildungsministers in allen Fragen künftiger Studien-Reglementierung gibt, so sibyllinisch äußert er sich zu Themenbereichen, die derzeit politisch heikel sind. Die Hochschuleingangsprüfungen, die „abzulehnen sind .. ., wenn damit das Abitur als zentrale Hochschulzugangsberechtigung relativiert würde“, gehören dazu. Dürfen wir daraus auf eine vorsichtige Befürwortung des Zentralabiturs schließen?

Wahrscheinlich ist es zuviel verlangt, neue Einsichten oder gar Lösungen vom Bericht zur Lage der Hochschulen zu erwarten. Die Androhung strengen Reglements bei gleichzeitiger Aufforderung an die Hochschulen, ihre Selbstreinigungskräfte zu mobilisieren, ist nicht nur altbekannt, sie ist auch ziemlich entmutigend. An Besserung vermag man da kaum zu glauben. Sabine Etzold