Von Wolfgang Hoffmann

Die Distanz zur alten Bundesrepublik ist wieder größer als zu Beginn der Einheit geworden“, sagt Manfred Kolbe, einer der engagiertesten Bundestagsabgeordneten der Ost-CDU. Er ist nicht der einzige. Immer mehr Ostdeutsche zweifeln an der Einheit. Neben Arbeitslosigkeit und Perspektivarmut kehrt vor allem eine Klage immer wieder: der Verlust der sozialen Institutionen der ehemaligen DDR.

Die sozialen Einrichtungen waren zwar durch die SED-Herrschaft diskreditiert, sie hatten im tristen Alltag der DDR aber auch Funktionen. Margit Venner, Fachärztin für internistische Psychiatrie an der Universitätsklinik Jena, sagt: „Wir haben uns alle in den Strukturen bewegen müssen, wir haben uns in ihnen aber auch bewegt, um Schlupflöcher zu finden, um Staat und SED ein Schnippchen zu schlagen. Wir haben letztlich die Einrichtungen, die zur Überwachung dienten, genutzt, uns der Bewachung zu entziehen.“

Die Auflösung der alten Strukturen bedeutet für die ehemaligen DDR-Bürger daher auch Verlust. Die Ausdünnung der Jugendclubs etwa: Ausweichquartiere – Straße, Geldspielautomaten, Billardtische und Videos in Kneipen – fördern die Entstehung rivalisierender Banden. Getränkeverkauf, zu denen die vorhandenen Clubs zwecks Eigenfinanzierung gezwungen sind, verstärken Alkoholprobleme und Gewalt.

Dabei ist die Ausdünnung sozialer Einrichtungen längst nicht abgeschlossen. Viele, darunter Altenclubs, Kindertagesstätten, psychosoziale Betreuungsstellen, stehen noch zur Disposition. Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: „Im Herbst wird noch viel zusammenbrechen, weil die befristeten ABM-Maßnahmen auslaufen. Es wird schlimm werden.“

Der Appell von Familienministerin Hannelore Rönsch, die Ostdeutschen sollten sich mehr ehrenamtlich engagieren, klingt im Osten wie Hohn. Manfred Kolbe sagt: „Die ganze Sozialstruktur war anders als im Westen. Subsidiarität gibt es hier noch nicht. Die Leute haben jetzt anderes zu tun. Allein deshalb hätte der Staat noch länger einspringen müssen.“

Das ganze Dilemma mit dem Umbruch in den Sozialinstitutionen zeigt sich besonders deutlich am Schicksal der alten DDR-Polikliniken. Ende Juli erklärte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer: „Der Aus- und Umbau des Gesundheitswesens in den neuen Bundesländern ist praktisch abgeschlossen.“ Zwei Jahre nur hat es gedauert, die 45jährige „sozialistische Kommandowirtschaft durch ein freiheitlich-pluralistisches Gesundheitssystem“ zu ersetzen. Die ambulante ärztliche Versorgung in 218 Polikliniken, 1032 Ambulatorien und 1625 staatlichen Arztpraxen gibt es nicht mehr. Statt dessen haben 25 000 Mediziner, davon 10 000 Zahnärzte, das Wunder der Wende genutzt und eine freie Praxis gegründet.