Von Hans Harald Bräutigam

Sie ist eine attraktive Erscheinung: schlank, blond und elegant in dem strahlend blauen Jackenkleid mit goldenen Knöpfen. Der erste Eindruck ist so überwältigend, daß sich ein Kompliment fast von selbst versteht. Aber so etwas ist riskant bei Bernardine Healy, der macht- und selbstbewußten Direktorin der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) in Bethesda/Maryland. Sie könnte ärgerlich werden. Denn die Chefin der weltgrößten Wissenschaftsorganisation mit 16 000 Forschern und Technikern unterscheidet mit empfindlicher Genauigkeit, ob sie als Frau taxiert oder ob sie auch als Person ernstgenommen wird.

Mit männlichem Machogehabe hat sie vor zehn Jahren an der Johns Hopkins Universität in Baltimore schmerzliche Erfahrungen gesammelt. Sie arbeitete dort als Kardiologin und wurde auf einem Saufabend der Kollegen – sie selber war nicht dabei – unter brüllendem Gelächter zum „cardiology girl“ ernannt, Anspielung auf das von der Männerzeitschrift Playboy jeweils als Poster präsentierte „Calendar girl.“ Sie empfand das damals als dreiste Herabwürdigung und wehrte sich, aber ihr wurde nur achselzuckend und verständnislos bedeutet, daß „Männer eben Männer“ seien, das gelte auch für die scientific Community. Da sie sich damals gerade von ihrem Mann getrennt hatte, war sie als alleinstehende Mutter mit einem Kind relativ wehrlos.

Im April 1991 wurde sie von Präsident Bush zur Leiterin der NIH bestellt. Seitdem hat sie ein jährliches Budget von zehn Milliarden Forschungsdollar zu vergeben und vor dem amerikanischen Kongreß im nahen Washington auch zu verantworten. Mehr als das beschäftigt sie jedoch die schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, die Wissenschaftslandschaft in den Vereinigten Staaten neu zu gestalten – ein ehrgeiziges Ziel. Die nie um flotte Sprüche verlegene Bernardine Healy begründet es mit den Worten: „Das NIH von heute ist nicht mehr das unserer Väter.“

Von solchen Aussagen fühlen sich viele Wissenschaftler, insbesondere die Älteren, vor den Kopf gestoßen. Wenn sie die neue Chefin sehen, trauern manche von ihnen um die „gute alte Zeit“, als sie unter der milden Leitung eines älteren Kollegen über Krebs- oder Infektionskrankheiten diskutierten – harmlose Debatten im Vergleich mit den Themen, die heute im NIH aktuell sind. Das betrifft vor allem die Entwicklung der Molekularbiologie und die immer wichtiger werdende Ausrichtung der biomedizinischen Wissenschaft.

„Heute“, so meint Frau Healy optimistisch, „gleicht der Wissenschaftler dem Christoph Kolumbus auf seiner Entdeckungsfahrt in die Neue Welt. Das menschliche Genom, unsere Erbanlage, lernen wir fast täglich besser verstehen, und unsere Wissenschaftler weisen uns den Weg in ein unbekanntes Land, das uns bessere Mittel und Methoden verspricht, Gesundheit zu erhalten und Krankheiten zu heilen.“ Argentinischen Wissenschaftlern erklärte Bernardine Healy kürzlich, Kolumbus sei von Isabella von Spanien auf die Reise geschickt worden, einer Frau, die imstande war, ihren Blick über den Horizont hinaus zu richten. Die Botschaft der katholischen Isabella sei auch für sie, als in New York geborene katholische Irin, ein Vermächtnis: eine Wegweisung in die Neue Welt der biomedizinischen Wissenschaften. Sie denkt eben groß von sich – aber das ist auch das Imponierende an ihr.

Nach langen Diskussionen mit Wissenschaftlern innerhalb und außerhalb des Campus hat die Direktorin ihren „strategischen Plan“ zur Eroberung der neuen Welt der Medizin jetzt der Öffentlichkeit vorgelegt. Neben Zustimmung habe sie auch manche, oft beleidigt klingende Kritik gehört, findet sie. Sie rede, so wurde ihr von männlichen Kollegen vorgeworfen, wie ein Geschäftsmann, nicht wie eine Ärztin oder Wissenschaftlerin. Mit solchen Vorwürfen könne sie gut leben, erklärt sie: „Die Kritik ist nur so ätzend, weil ich eine Frau bin und deshalb nie zum inneren Zirkel der Wissenschaftsgemeinde gehört habe. Heute ist mir das egal.“