Das war ein langer Abschied, seit den heißen Tagen dieses strahlenden Sommers, bis die Blätter fielen. Als wollte der Freund einen an den Gedanken gewöhnen, daß er seinen 79. Geburtstag nicht mehr erreichen würde. Als wollte er helfen, die Summe eines reichen und erfüllten Lebens zu ziehen, im Bewußtsein, daß er die letzte Strecke des Weges begonnen hatte, würdig, Vorbild bis zuletzt. Mir schien es, als rücke er näher, je weiter er sich entfernte. Das Ende, das nicht überraschen konnte, überraschte und war dennoch eine Brücke, die den Blick klärte für das Unverlierbare.

Da war zunächst das erstaunliche Erlebnis, daß in dem geschäftigen Trubel am Tage nach dem Tod und bei aller routinierten Kälte, mit der die Medien sich daran gewöhnt haben, auch den Tod zu vermarkten, Menschen, die Willy Brandt nie persönlich begegnet sind, das Gefühl vermittelten, sie hätten einen persönlichen Verlust erlitten. Woher kommt es, daß junge Menschen ihre Betroffenheit für einen demonstrierten, dessen Erfolge als Bundeskanzler zwanzig Jahre zurückliegen?

Was war sein Geheimnis, das ihn befähigte, Menschen gefangenzunehmen, Alte und Junge zu mobilisieren, Intellektuelle und deren Gegenteil für öffentliche Parteinahme zu gewinnen? Er war ein Freund des leise differenzierenden Tons, der in einer lärmenden Zeit gehört wurde. „Das war so schlecht nicht“, lautete das fast äußerste Lob. „Nichts ist so gut, als daß es nicht noch etwas besser sein könnte“, nannte er einmal die politische Übersetzung der Relativitätstheorie. Ein mäßiger Rhetor, dem große Reden gelangen; ein blutvoller Mann, der die Gleichberechtigung der Frau über Bebel, an dem er sich als Parteivorsitzender maß, wirklich „ein gutes Stück voran“ bringen wollte. Ein Homo politicus, für den Politik von morgens bis abends über sechs Jahrzehnte hinweg alles war, aber eben doch nicht alles, sondern der Freude an Leben, Essen, Trinken kaum verbarg, was einige übelnahmen. „Ihr müßt mich nehmen, wie ich bin. Ich bin kein Säulenheiliger.“ Er war ein Politiker, der sich nicht als Mensch verbiegen lassen wollte. Aber das reicht nicht, um die Wirkung Willy Brandts zu enträtseln.

Nach dem größten Erfolg in der Geschichte der SPD, 1972, als die überanstrengten Stimmbänder geschält wurden und die Ärzte das Rauchen verboten, sagte er mir einige Wochen später, er hätte gemerkt, daß er jeden Tag mehrere Fehler mache und es nicht verhindern könne.

Er mochte nicht befehlen. Nicht alle verstanden, daß seine Formulierung: „Meinst du nicht, daß...“ eine Weisung war, in die Form der Frage gefaßt. Ganz anders, gestrickte Charaktere kritisierten mit der Ungeduld, die seine Sache nicht war, daß er ihrer Meinung nach und vielleicht sogar objektiv Törichte, Kurzsichtige, Unwillige, Spinner nicht zusammenstauchte, in den Hintern trat oder früher auf den Tisch haute. Aber er wußte, daß weder eine Partei noch eine Koalition mit einer militärischen Formation zu vergleichen sind, die Order pariert. Er mußte nicht nur integrieren, er wollte auch. Ein Mensch, der oft verletzt worden ist, wollte nicht verletzen. Ein Demokrat wollte nicht befehlen, sondern gewinnen.

Aber auch das reicht nicht, um Willy Brandt zu erklären. Da gehört das Geschenk einer robusten Natur dazu, die sich unbekümmert und schonungslos ein Leben gestatten kann, über eine sehr lange Zeit hinweg, als ob es keine Grenzen der eigenen Kräfte gäbe. Da ist das Selbstvertrauen unentbehrlich, trotz aller Sensibilität, den richtigen Moment zu sehen und mit Instinkt zuzugreifen, gegen alle Bedenkenträger, so wichtig und intelligent sie auch sein mögen, und dann diese einsame Entscheidung unbeirrt durchzusetzen. Diese Eigenschaften kulminierten in der Wahlnacht 1969; ohne sie hätte es die sozial-liberale Koalition nicht gegeben. Er kannte das Machtwort zur rechten Zeit und nutzte es sparsam. Dazu war nicht zuletzt Mut nötig, der die Risiken kennt. Selbstbewußtsein in Kenntnis eigener Mängel: Der Vorwurf, von Wirtschaft nichts zu verstehen, verband ihn mit Adenauer und Kohl. Und da fand er sich ganz gut aufgehoben mit dem Blick auf Erhard und Schmidt, die nun unbestritten von Wirtschaft eben sehr viel wußten, als sie Kanzler wurden.

Als der Bundespräsident Willy Brandt nach dessen 75. Geburtstag mit einem Essen ehren wollte, folgte eine unglaubliche Zahl von Staats- und Regierungschefs und bedeutender Persönlichkeiten aus aller Welt der Einladung nur zu diesem Anlaß und ehrte auf diese einmalige Weise mit dem Mann das Land. In seinem Dank, verschmitzt lächelnd, meinte Brandt, die Rede des Bundespräsidenten sei noch gut für den Nachruf zu brauchen. Das ist schon selten, daß jemand von seinem Staatsoberhaupt ein Stück bleibender Würdigung im voraus verlesen erhält.