Von Ulla Lachauer

Über Nemmersdorf kann man nicht sprechen“, sagt Karl F. Trotzdem sitzen wir einen ganzen Tag lang zusammen – in der guten Stube eines Weingutes im südlichen Hessen, das einen ostpreußischen Namen trägt, gut 1200 Kilometer von Nemmersdorf entfernt und achtundvierzigeinhalb Jahre von dem Ereignis. Karl F. hat damals nichts gesehen, er war nicht einmal in der Nähe. Es gibt keine unmittelbaren Augenzeugen.

In jener Oktobernacht des Jahres 1944 war dichter Nebel. Er schützte jene, die zu fliehen vermochten, und verdeckte die Sicht auf die Zurückbleibenden, und von denen kam niemand lebend davon. Überliefert wurde das Geschehen von Menschen, die Stunden oder Tage später den Ort betraten. Der bekannteste Bericht ist der des Volkssturmmannes Karl P. aus Königsberg, aus dem Gedächtnis aufgezeichnet im Januar 1953:

Meine Volkssturmkompanie erhielt den Befehl, in Nemmersdorf aufzuräumen. Schon kurz vor Nemmersdorf fanden wir schon zerstörtes Flüchtlingsgepäck und umgeworfene Wagen ... Auf dem ersten Gehöft, links von der Straße, stand ein Leiterwagen. Auf diesem waren vier nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt.... weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren, die sämtlich tot waren, fast ausschließlich bestialisch ermordet, bis auf wenige, die Genickschüsse aufwiesen. Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter, denen mit einem harten Gegenstand der Schädel eingeschlagen war. In einer Stube fanden wir auf einem Sofa in sitzender Stellung eine alte Frau von 84 Jahren vor, die vollkommen erblindet (gewesen) und bereits tot war. Dieser Toten fehlte der halbe Kopf, der anscheinend mit einer Axt oder Spaten von oben nach dem Halse weggespalten war.

Diese Leichen mußten wir auf den Dorffriedhof tragen, wo sie dann liegenblieben, weil eine ausländische Ärztekommission sich zur Besichtigung der Leichen angemeldet hatte ... Am vierten Tage wurden dann die Leichen in zwei Gräbern beigesetzt. Erst am nächsten Tag erschien die Ärztekommission, und die Gräber mußten noch einmal geöffnet werden. Es wurden Scheunentore und Böcke herbeigeschafft, um die Leichen aufzubahren, damit die Kommission sie untersuchen konnte. Einstimmig wurde festgestellt, daß sämtliche Frauen wie Mädchen von 8 bis 12 Jahren vergewaltigt waren, auch die blinde Frau von 84 Jahren.

„Nemmersdorf“, beharrt Karl F., „war schon vorher bekannt. Ein ganz altes Kirchdorf!“ Der gebürtige Nemmersdorfer behauptet das ganz normale Recht des Menschen auf Lokalpatriotismus. Seine Ahnen waren im 18. Jahrhundert aus der Schweiz und aus Salzburg zugewandert. Seiner Familie gehörten zwei Güter von je um die tausend Morgen. Als Ältester wäre er der Erbe gewesen.