ZDF, Montag, 26. Oktober, 19.25 Uhr: „Herzlich willkommen“

Ah, ja, das ist dumm: Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um“, so sang Wolf Biermann, als Mut noch für eine Tugend galt. Inzwischen scheint es eher so zu sein, daß innere Festigkeit für eine Krankheit gehalten wird, für eine seelische Verhärtung, die es aufzulösen und fortzuschwemmen gilt in einem Meer von Tränen. Braucht es noch die Kraft, zu überwinden, zu bestehen, zu widerstehen? Oder genügt es, sich dergleichen im Fernsehen anzuschauen, Geschichten von damals, als es noch hart zur Sache ging in Deutschland?

Da kam man als Halbstarker nach Bautzen in den Knast – wegen einer halbstarken politischen Aktion – und wurde erst zehn Jahre später wieder entlassen. Was nun? Sein Lebtag den Gebrochenen und Gezeichneten spielen, der man ja auch war? Oder gleich noch die nächste Knastmauer überwinden und nachts durch den Grenzfluß, vor den MP-Salven her in den Westen? Der Kumpel bleibt bei der Flucht auf der Strecke, soll man aber zurück? Soll man sich sein Lebtag umschauen nach diesem Bild, soll man sich eine eigene Schuld daraus keltern, einen Leidensvorrat anlegen aus dem, was man glücklich bestand?

Friedrich (Uwe Böhm) ist von der Sorte nicht, und seine Zeit will ihn anders. Lebensgierig kommt er aus der Anstalt und stürzt sich in alle neuen Gewässer wie ein Verdurstender. Leben, was für ein wunderbares Gesöff! Die elternlosen, verwahrlosten Kinder des Nachkriegs soll er erziehen und kann ihnen nicht viel mehr beibringen als seine ungebremste Lebenslust. Als er in der Klasse radschlägt und Schuhplattler tanzt, werden sie zum ersten Mal still, nehmen ihn wahr als einen der Ihren, einen, der auch verrückt ist, der auch nichts Gültiges herüberreiten konnte aus der alten in die neue Zeit.

Der kleine Fritz (David Böhm), der mit dem „zweifelhaften Erbgut“, wie es der Heimdirektor (Hark Böhm) nennt, macht ihm Avancen auf seine Art: Er stichelt und piesackt die Zuwendung aus dem Älteren heraus, die er von den Erwachsenen gewohnt ist, nämlich Wut und harte Worte. Immerhin – man rennt ihm nach, man faßt ihn an, man befaßt sich mit ihm. Und weil sich Friedrich immer mehr mit Fritz befaßt, wandelt sich auch die Art, sich miteinander zu befassen; das ist für beide Neuland und wird prompt mißverstanden. Doch beide sind nicht von der Sorte, die aufgibt, ausreißt, abbricht. Auch die schöne Ellen Kramer (Barbara Auer) ist von der Sorte nicht; sie will den Friedrich haben und bekommt ihn schließlich dort, wo es am allergefährlichsten und allerschönsten ist: auf dem Schreibtisch des Direktors, auf der Akte, mit der er sie kleinkriegen wollte.

Darin ist der Film von Hark Böhm genau und gut: in der Schilderung des Eros, der Lust, des Mutes, mit dem Menschen einander binden. Einer rigorosen Kraft, die Rücksichten verscheucht wie Fliegen, die auch den Tod nicht respektiert und deshalb das Leben selbst bedeutet. Die Menschen in diesem Film leben gefährlich, doch merken sie kaum etwas davon. Was ihnen nicht geschehen kann: in den Gefahren umzukommen, vor denen sie sich scheuen. Martin Ahrends