Von Wilfried Kratz

Ian Clayton, der Manager der dem Tod geweihten Zeche mit dem schönen Namen Silverhill, deutet schräg nach unten. „Ungefähr 200 Meter von hier und dann etwa 350 Meter tief, dort sitzt oder liegt er. Er ist hier nicht beschäftigt. Also behandele ich ihn wie einen Besucher und lasse ihm Sandwiches schicken.“

Der Mann, der sich in den Bauch der Erde verkrochen hat, ist Roy Lynk, Präsident der Union of Democratic Mineworkers (UDM), einer Gewerkschaft, die er hier in Nottinghamshire während des denkwürdigen Kohlestreiks von 1984/85 mitbegründete. Das Motto democracy reborn 1985 erinnert an den Ursprung der Gewerkschaft, den Protest gegen die undemokratischen Praktiken der National Union of Mineworkers unter ihrem Präsidenten Arthur Scargill in dem damaligen hochgradig politischen Arbeitskampf gegen das Zechensterben.

Protest ist auch diesmal Lynks Antrieb. Aber jetzt sind die Adressaten die konservative Regierung John Majors und in zweiter Linie der staatliche Kohlekonzern British Coal Corporation. Von seinem Versteck aus gibt Lynk Radiointerviews und schreibt Leserbriefe an Zeitungen, in denen er die „völlig verrückt gewordene Energiepolitik der Regierung“ attackiert.

Diese Regierung, erbost sich Lynk, „predigt, daß man die Energiewirtschaft den Marktkräften aussetzen müsse. Meine Mitglieder haben keine Angst vor Marktkräften. Sie wollen nur gleiche Chancen, damit der für die Stromerzeugung billigste Energierohstoff – und das ist britische Kohle – seinen gerechten Marktanteil erhält.“

Mit dem publizitätswirksamen Protest aus der Tiefe hat Lynk seinen Teil dazu beigetragen, daß die Regierung, völlig überrascht von Intensität und Ausmaß des Ärgers in allen sozialen Schichten des Landes, den Rückzug antrat und ihre Schockankündigung vom 13. Oktober erheblich abmilderte. An dem Tag hatte sie erklärt, daß mangels Absatzchancen für Kohle 31 der 50 britischen Zechen geschlossen werden müßten. Damit gingen auch 30 000 Arbeitsplätze verloren. Nach der Revision verbleiben vorerst nur noch zehn Zechen auf der Sterbeliste. Der zuständige Industrieminister Michael Heseltine erinnerte sich plötzlich der gesetzlichen Konsultationspflicht und bedeutete British Coal, keine Zeche vor Ablauf der Frist von neunzig Tagen zuzumachen. Die Schließung der übrigen 21 Zechen ist bis Anfang nächsten Jahres ausgesetzt, um Zeit für weitere Verhandlungen über den Kohleabsatz aus diesen Gruben zu gewinnen.

Mit dieser halben Kehrtwende wollte die konservative Regierung Major die drohende parlamentarische Niederlage ihrer Kohlepolitik abwenden. Ihre Kompetenz und Autorität, die bereits in dem Währungsdebakel und dem Austritt aus dem Wechselkursverbund des Europäischen Währungssystems gelitten haben, sind nun noch weiter angeschlagen.