Warschau

Merkwürdig, wie viele Landkarten in Polen hängen, dem Land, das andere so oft von der Landkarte löschen wollten. Artur Hajnicz, im Kriege Soldat; später Kommunist, seit 1980 dann Mitglied der Solidarnosc und im Studienzentrum des polnischen Senats tätig, weist auf die Karte in seinem Arbeitszimmer: „Polen ist das einzige Land der Welt, das in den vergangenen drei Jahren sämtliche Nachbarn ausgewechselt hat.“ Heute zählt der bescheidene, nachdenkliche Mann zu den vielen in Polen, die eine enge formelle Bindung an das westliche Bündnis fordern, zumindest aber „eine Perspektive der Zugehörigkeit“.

Auch Jerzy Milewski, einst Leiter des Brüsseler Westbüros der Solidarnosc und heute Sicherheitsberater von Präsident Walesa, zeigt beim Gespräch auf die Karte hinter seinem Schreibtisch: „Wir müssen heute keinen größeren Feind mehr fürchten.“ Der Feind jedoch ist die Ungewißheit, die Gefahr eines „großen Jugoslawien“ weiter östlich. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) hat sich im Balkankonflikt als hilflos und zahnlos erwiesen. „Wir brauchen“, sagt Milewski, „etwas Wirksameres für diese Region.“

Wie dieses „Wirksamere“ aussehen könnte, hatte Präsident Walesa im Sommer unter dem Stichwort „Nato II“ skizziert: Ein Netz bilateraler Sicherheitsverträge zwischen Polen und seinen Nachbarn in Ost- und Südosteuropa sollte Gewaltverzicht und Anerkennung aller bestehenden Grenzen verbürgen, sämtliche Atomwaffen sollten der Kontrolle der Nato unterstellt werden und eine gemeinsame Eingreiftruppe unter Nato-Befehl sollte Zuwiderhandlungen ahnden. Der Plan stieß jedoch auf keine Gegenliebe: Zu einem derart engen Sicherheitsverbund sind weder die Länder der Region bereit noch die Nato-Staaten.

Verständlich ist Milewskis (und Walesas) Idee dennoch: Jeder Pole, der auf die Landkarte Europas blickt, sieht gen Westen Stabilität, Sicherheit und Wohlstand, gen Osten Instabilität, Rivalität und Armut und das eigene Land in der Mitte. Als „erzwungene Selbständigkeit“ bezeichnet ein kluger Generalstäbler diese Lage – erzwungen von der Geschichte. Ihr möchte Polen entkommen, wenn es geht durch Stabilisierung des Ostens, in jedem Fall aber durch Einbindung in den Westen. Je düsterer die Prognosen für die ehemaligen Sowjetrepubliken, desto mehr hoffen die Polen, der Westen möge sie nicht länger warten lassen.

Es gibt auch in Warschau Stimmen, die vor einer allzu raschen Nato-Eingliederung warnen, weil sie die Russen unnötig provozieren könnte. „Wir müssen doch ein strategisches Interesse daran haben, die Reformer in Rußland zu ermutigen und nicht etwa zu schwächen“, formuliert ein namhafter Politwissenschaftler. „Sollten die russischen Reformer scheitern, dann ist immer noch genug Zeit für die Integration in den Westen.“

Was aber, wenn die Reformer in Moskau, um nicht zu scheitern, den russischen Nationalisten und Militärs immer höheren Tribut zahlen müssen? Jerzy Milewski verweist empört auf die jüngste Ankündigung Jelzins, der Abzug russischer Truppen aus den baltischen Staaten werde vorerst eingestellt. Die Russen nähmen eben die baltischen Staaten nicht für voll. „Wenn wir in der Nato sind, dann wird Rußland uns respektieren.“