Von Roland Knauer

Günter Wächtershäuser arbeitet als Patentanwalt. Im Nebenberuf ist er theoretischer Chemiker und beschäftigt sich mit der Entstehung des Lebens.

Den Juristen erkennt der Besucher sofort. Die konservative Kleidung, die vorsichtige, überlegte Wortwahl, die gediegene Kanzlei im Herzen Münchens mit neun Mitarbeitern und unzähligen Aktenstapeln sind Charakteristika, in denen der Laie ohne Zögern das Klischee des erfolgreichen Anwalts wiederfindet.

Der Mann der Wissenschaft ist schwerer zu deuten. Er selber sieht sich als Außenseiter im Forschungsbetrieb; schließlich betreibt er Chemie als Hobby, dem er die freien Stunden zu Hause widmet. Stichhaltig ist seine Selbsteinschätzung nicht. Denn auch den Kollegen auf den Lehrstühlen und in den Instituten lassen ihre administrativen Aufgaben selten mehr Zeit für die Forschung, als Wächtershäuser sie aufwendet. Jedenfalls haben die meisten etablierten Kollegen den Außenseiter rasch akzeptiert. Sie mußten ihm nur zuhören, wenn er mit ruhigen, gesetzten Worten seine Theorie vom Ursprung des Lebens erläutert. Die Brillanz seiner Argumente ist so groß, daß selbst die Überlegungen der Fachkoryphäen vor ihnen verblassen. Günter Wächtershäuser selber verblüfft das am meisten.

Schließlich hielt er sich mehr als zwanzig Jahre außerhalb des Wissenschaftsbetriebs auf. Dann aber publizierte er innerhalb von nicht einmal zwölf Monaten drei Arbeiten, die völlig neue Aspekte zur Entstehung des Lebens eröffneten und die hauptamtlichen Forscher verblüfften. Sie luden ihn sofort ein, seine Theorien auf ihren Symposien und Tagungen vorzustellen. Der Patentanwalt, der sich in seinem Hauptberuf ausschließlich mit der kommerziellen Anwendung der Wissenschaft befaßt, hatte den Sprung zurück zur Grundlagenforschung geschafft, in der er einmal angefangen hatte.

Wächtershäuser, 1938 in Gießen geboren, kam in seinen ersten 27 Lebensjahren praktisch nicht über seine hessische Heimat hinaus. Nach dem Krieg wuchs der Bub auf dem Bauernhof der Eltern auf. Der Weg aus der 300-Einwohner-Gemeinde ins Gymnasium war in doppeltem Sinne weit. Zum einen lag die höhere Schule damals eher außerhalb der Reichweite von Dorfkindern. Zum anderen mußte der Gymnasiast jeden Tag um fünf Uhr früh aufstehen, um nach einem halbstündigen Fußmarsch um sechs Uhr den Zug nach Biedenkopf zu erreichen. Nach einstündiger Fahrt blieb dann eine weitere Stunde bis zum Schulanfang – Zeit, sich um die Hausaufgaben zu kümmern. Wenn er am Nachmittag nach Hause kam, lag meistens schon ein Zettel auf dem Tisch, der ihm mitteilte, auf welchem Feld die Eltern ihn erwarteten.

Das frühe Aufstehen hat Günter Wächtershäuser bis heute beibehalten. Auch seine Liebe zur Chemie geht auf jene frühen Jugendjahre zurück. Heimlich verschlang der Schulbub damals die Lehrbücher der höheren Klassen. Mit nur 92 chemischen Elementen die ganze Welt erklären zu können, das faszinierte ihn. Nach dem Abitur begann er im nahe gelegenen Marburg ein Chemiestudium. Nur sieben Jahre später hielt er 1965 seine Promotionsurkunde in Händen. (Bis zum Doktor brauchen Chemiestudenten heute im Durchschnitt fast zehn Jahre.)

Seine Studienzeit habe ihm großen Spaß gemacht, erzählt Wächtershäuser und merkt an, wie naiv er zwei damals weitverbreitete Auffassungen akzeptiert habe: sowohl die pauschale Unterordnung der Chemie unter die Physik als auch das Bild der Wissenschaft als reiner Meßdatenbuchhaltung. Darin liege letztlich, so meint er heute die Ursache für das schlechte Image der Chemie.

In das traditionelle Laufbahnschema, das sowohl an der Universität wie auch in der Industrie unvermeidlich ist, mochte sich der junge Chemiker nicht einordnen. Ihn reizte das selbständige Arbeiten. Zuerst versuchte er es mit Parteiarbeit für die Liberalen. Um unabhängig zu sein, studierte er nebenher noch Jura. An die eineinhalb Jahre Ausbildung in München schloß er noch Studien in den USA an und erwarb damit das Rüstzeug zum Patentanwalt. Seine Frau Dorothy, eine Amerikanerin, unterstützte ihn nach Kräften bei seinem Vorhaben, in der bayerischen Hauptstadt eine Kanzlei zu eröffnen. Seit dieser Zeit arbeitet Wächtershäuser praktisch immer mit seiner Frau zusammen. Sie hat ihn auch zur Rückkehr in die Grundlagenforschung immer wieder ermutigt.

Im nachhinein fügen sich die Puzzlesteine eines Lebens leicht zu einem kohärenten Bild. Trotzdem, die Wandlung des Patentanwaltes in einen Stoffwechsel-Archäologen, wie ihn ein Freund und Kollege nennt, war nicht geradlinig. Als Jurist beschäftigte sich Wächtershäuser vor allem mit Verletzungen der Rechte von Konkurrenten. Dabei begegnete er immer wieder dem Phänomen, daß es für ein Problem unterschiedliche Lösungen geben kann. Der Anwalt interessierte sich zugleich für Wissenschaftsphilosophie und stieß immer wieder auf einen Namen: Karl Popper.

Zehn Jahre lang verschlingt Wächtershäuser regelrecht die Arbeiten des britischen Philosophen aus Österreich. Sie entfachten sein Interesse an der Wissenschaft und speziell an der Evolution des Lebens von neuem. Als Wächtershäuser den Philosophen eher zufällig persönlich kennenlernt, entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen den ungleichen Männern. Angeregt durch Popper, denkt der Patentanwalt immer häufiger über die große Wende nach, die mit der Entstehung des Lebens auf der Erde begann. Der Zufall führt ihn zu einem weiteren Gesprächspartner: Carl Woese. Seine Frau ist mit einem Mitarbeiter des amerikanischen Wissenschaftlers verwandt. In Gesprächen mit ihm erkennt Wächtershäuser, daß die Rätsel um die Entstehung des Lebens noch lange nicht gelöst sind. Das Problem läßt ihn nicht mehr los. Ausgehend von einer einfachen Beobachtung des Stoffwechsels, entwickelt er in kurzer Zeit eine ganz neue Theorie: Nicht in der bisher propagierten Ursuppe sei das Leben entstanden, denn dort seien die eventuell gebildeten Bausteine des Lebens viel zu dünn verteilt gewesen. Ein Einwand, den bereits andere Kollegen geltend gemacht hatten.

Der Münchner Jurist und Chemiker bietet eine verblüffende Lösung an. Die ersten Biomoleküle könnten auf der Oberfläche einer Verbindung aus Schwefel und Eisen entstanden sein. Sie habe die Energie für die Bildung der ersten Lebenskomponenten geliefert. Und so sei es weitergegangen: Eine positive elektrische Ladung hält die neuen, negativ geladenen Teilchen an der Oberfläche fest. Die verschiedenen Bausteine des Lebens kommen sich dort recht nahe, weitere Reaktionen schließen sich an und führen letztlich zur Bildung erster, primitiver Zellen. Bei einem Besuch erzählt Wächtershäuser seinem Freund Popper die Theorie eher beiläufig. Der erkennt sofort die Bedeutung und ermuntert ihn, sie zu veröffentlichen. Carl Woese vermittelt später die Veröffentlichung dieser Überlegungen in angesehenen Fachzeitschriften.

Noch aber handelt es sich um eine Theorie, die erst experimentell geprüft werden muß. Aus der Theorie läßt sich herleiten, wie die Urzelle Biochemie betrieben haben müßte. Nun lehrt, nicht weit von Wächtershäusers Wohnsitz in München entfernt, ein bekannter Forscher über „altertümliche Organismen“: Karl Stetter in Regensburg untersucht Archaebakterien. Auch dieser angesehene Wissenschaftler akzeptiert den Außenseiter sofort. Er füttert seine urtümlichen Bakterien mit Eisensulfid, Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid. Und die beginnen tatsächlich den Wasserstoff, der bei der Reaktion dieses Gemisches entsteht, zur Energiegewinnung zu verwenden. Genau dieses Auftreten von Wasserstoff hatte Wächtershäuser vorhergesagt. Das Ganze findet bei Temperaturen um die hundert Grad Celsius statt, die auf der Urerde durchaus geherrscht haben könnten.

Weitere Experimente haben inzwischen andere Vorhersagen des Patentanwaltes bestätigt. Seine Überlegung, die bisher propagierte kalte Ursuppe durch heißes Eisensulfid als Ursprung des Lebens zu ersetzen, gewinnt Anhänger. Andere Wissenschaftler bekämpfen den Außenseiter, aber das stört Wächtershäuser wenig. Schließlich sieht er seine Theorie nur als eine der möglichen Alternativen. Und als solche wird sie mittlerweile allgemein akzeptiert.