Von Peter Schöttler

Seit Helmut Kohl an der Regierung ist, geht das zeitweilig verpönte Wort „Vaterland“ nicht nur Politikern wieder leicht von den Lippen. Und seit es nur noch einen deutschen Staat gibt, wird auch das Wort „Deutschland“ wieder mit mehr Inbrunst ausgesprochen. Dennoch ist der Streit darüber, wer tatsächlich ein „Deutscher“ im Sinne des Gesetzes und der Geschichte ist, noch immer nicht zu Ende. An der Art, wie „Spätaussiedler“ automatisch eingebürgert werden, während in Deutschland geborene Ausländerkinder nur unter Schwierigkeiten die Staatsbürgerschaft ihrer Heimat erlangen, läßt sich erkennen, daß nicht etwa die Sprache und die Kultur, wie oft behauptet wird, sondern hauptsächlich das „vaterländische“ Bekenntnis als Naturalisierungskriterium fungiert. (Meist ist es mit entsprechenden Wahlabsichten verbunden.) Demnach sind „Deutsche“ vor allem jene, die sich erstens emphatisch als solche bezeichnen und zweitens zu wissen meinen, wer und wo die Nicht-Deutschen sind: Russen, Juden, Türken, Zigeuner...

Diese konstitutive Verknüpfung von Selbst- und Fremddefinition nationaler Identität ist das Thema des vorliegenden Buches. Anhand publizistischer Quellen (Zeitungen, Zeitschriften, Kriegslyrik, Karikaturen) untersucht Michael Jeismann die Feindbilder und das nationale Selbstverständnis in Frankreich und Deutschland: von den Revolutions- und Befreiungskriegen 1792 bis 1815 über den deutsch-französischen Krieg 1870/71 bis hin zum Ersten Weltkrieg. Seine beiden Kernfragen lauten: „Ist es denkbar, daß schon in der Genese der modernen Nationalstaaten Feindschaft als konstitutives Element angelegt war, welches auf die Definition vermeintlicher Interessen einwirkte?“ Und: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Konstitution der Nation, verstanden als komplexer Prozeß der Selbststilisierung einer politischen Handlungseinheit ... einerseits und der Abgrenzung, der Formulierung eines Gegensatzes, der Identifizierung eines Feindes andererseits?“

Die „Selbstfindung“ der deutschen Nation im Laufe der anti-napoleonischen Kriege ist ein klassisches Thema der deutschen Historiographie. Während früher die Ideologie des wilhelminischen Reiches kurzerhand ins frühe 19. Jahrhundert zurückprojiziert wurde, haben ost- und westdeutsche Historiker in den letzten Jahrzehnten vor allem die „emanzipatorischen“ Elemente und die Verbindungen zwischen Reform- und Befreiungsbewegung hervorgehoben. Jeismann dagegen stellt die aggressive Komponente heraus: Ohne Haß auf Frankreich, die Revolution und Bonaparte war die deutsche Selbststilisierung zum „Urvolk“ Europas nicht möglich. Ernst Moritz Arndt, der schwedischer Staatsbürger war, reimte durchaus konsequent: „Da ist des Deutschen Vaterland, / Wo Zorn vertilgt den welschen Tand, / Wo jeder Franzmann heißet Feind, / Wo jeder Deutsche heißet Freund.“ Diese bipolare Freund-Feind-Struktur, diese Nationalisierung einer eigentlich nur politischen Feindschaft kennzeichnet die frühe deutsche Nationalbewegung, wobei der Autor zeigt, daß sie stets mit symmetrischen Umkehrungen und Nachahmungen französischer Vorbilder – etwa dem revolutionären Totenkult oder der Konzeption des Volkskrieges – verbunden war.

Die seit den Revolutionskriegen zum ideologischen Arsenal gehörende Kriminalisierung des Gegners und die von französischer Seite lancierte – dann aber auch von deutscher Seite zurückgegebene – Diffamierung des Gegners als „Barbar“, den man mit allen Mitteln vernichten muß und darf, fand ihre Fortsetzung in den Jahren 1870/71. Zumal nach dem Zusammenbruch des bonapartistischen Regimes, der partiellen Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen und der Belagerung von Paris kam es zu einer Fortschreibung nationaler Stereotypen. In die militärische Defensive gedrängt, erklärte sich Frankreich zum Hort der „Zivilisation“, zum „heiligen Land“, dessen Allerheiligstes natürlich die bedrohte Hauptstadt war. (In der Tat wünschte sich zum Beispiel die Fürstin Bismarck „viele tausend Brandbomben, Granaten, Mörser“ auf das „verfluchte Sodom“.) Preußen dagegen und sein Militarismus standen auf der Schattenseite der Geschichte.

Während das deutsche Wort vom „Erbfeind“ auf die christliche Sündenfall-Mythologie zurückgriff, wurde in Frankreich, wie Jeismann schreibt, „eine Partialisierung des Fortschritts vorgenommen und die ‚Dialektik der Aufklärung‘ gleichsam vorweg beschrieben. ... Was immer an negativen Erscheinungen im Zivilisationsprozeß ... aufgetreten war, was immer durch die Erfahrung eines technisch geführten Krieges an Greuel vorstellbar wurde, schrieb man nun den Deutschen als moralisch-sittlichen Defekt zu.“ Insbesondere der Barbarentopos ermöglichte eine „Abwälzung der Degenerationsobsession auf den Feind, die Überschreibung der jahrhundertelang den Franzosen angelasteten Kriegs- und Eroberungslust an die Deutschen“. Diese konfrontierten umgekehrt die Franzosen mit ihrem eigentümlichen Kodex von „Sitte, Anstand und Recht“, der unter anderem die „Rückgewinnung“ des Elsaß und „Deutsch-Lothringens“ legitimierte. Treitschke sprach es offen aus: „Wir Deutschen ... wissen besser, was den Elsässern frommt als jene Unglücklichen selber... Wir wollen ihnen wider ihren Willen ihr eigenes Selbst zurückgeben.“

Spätestens 1918, als Elsässer und Lothringer begeistert zu Frankreich zurückkehrten, sollte sich diese Überheblichkeit rächen. Zuvor aktualisierte sich jedoch noch einmal der geradezu standardisierte Dualismus von „Zivilisation“ und „Barbarei“. Auf deutscher Seite wurde er gelegentlich sogar trotzig aufgegriffen: „Ergreift das Wort zum Schimpf, / Wir nehmen’s auf. / Für euch sind wir Barbaren, / Wir sind euch fremd / Und wollen fremd euch sein.“ Hinzu kam auf beiden Seiten eine Ethnisierung des historisch-politischen Bewußtseins: Die pseudo-wissenschaftliche Kategorie der „Rasse“ war längst auf dem Vormarsch, die Erbfeindschaft wurde nun auch „biologisch“ begründet.