Die Träger der gesellschaftlichen Ordnung, die an Kontinuität und nicht am Einspruch interessiert sind, verstehen es sehr gut, alle die, die sich ungerecht behandelt fühlen, mit Verweis auf die „Notwendigkeiten“ abzuspeisen. Und Gesetze sind Kodifizierungen solchen Bemühens. Mit anderen Worten: Das Regelwerk der Gerechtigkeit hat ein Doppelgesicht. Die einen Fälle von Ungerechtigkeit belegt es mit einem Verdikt – während es damit automatisch alle anderen in den hinzunehmenden Bereich des Zufalls, des Schicksals und der Vielfalt abschiebt. Die institutionalisierte Gerechtigkeit, ein Unternehmen der (berechtigten) Delegation eines Problems, erlaubt es uns, im Kampf gegen die Ungerechtigkeit beiseite zu stehen und damit zu deren passiven Agenten zu werden. Und so bringt Gerechtigkeit Ungerechtigkeit hervor.

Judith Shklar schreibt: „Passiv ungerecht zu sein bedeutet, die persönlichen Maßstäbe des Bürgerseins zu unterschreiten.“ Mit Cicero und gegen den Utilitaristen John Stuart Mill plädiert sie für die Notwendigkeit des immer unabgeschlossenen Bemühens, gegenüber möglicher Ungerechtigkeit aufmerksam zu bleiben. Und sie begründet das keineswegs altruistisch-menschelnd: „Betrug und Gewalt zu verhindern, wenn wir es können, ist eine Handlung, die uns als Bürgern ansteht, und keine Handlung der Humanität.“ Das heißt, um aktuell zu werden, etwa: Wer der manifesten Fremdenfeindlichkeit nicht entgegentritt, ist nicht nur unsolidarisch – er nimmt sich auch als Bürger zurück und untergräbt damit die Republik.

Die Autorin wendet sich entschieden gegen jene Theorie der Demokratie, die in ihr nur ein Regelsystem sieht. Aber statt diesen Mangel mit einer inhaltlichen Aufladung des Regelsystems beheben zu wollen (wie das zum Beispiel die Sozialisten taten), plädiert sie für weniger und mehr zugleich: für die Bereitschaft, den – vermeintlichen oder wirklichen – Opfern von Ungerechtigkeiten stets zuzuhören; für die Fähigkeit, alle Ungerechtigkeit, die in scheinbarem Unglück stecken mag, aufzuspüren; für den Willen, die Grenze zwischen Unglück und Ungerechtigkeit immer wieder neu zu ziehen. Von einem, der keine Möglichkeit gehabt hat, seiner Situation zuzustimmen, können wir grundsätzlich nicht wissen, daß er kein Opfer von Ungerechtigkeit ist.

Kein Staat, auch kein Sozialstaat, kann dem Unrecht ein Ende bereiten. Wo es doch versucht wird, läuft das auf Paternalismus hinaus: Auch fürsorglich kann die Demokratie untergraben werden. Opfer, die als Klientel gelten, sind ebenso zum Schweigen gebracht wie die, um die niemand sich kümmert: Man muß prinzipiell „auf die Stimme des Protestes hören, sie ausreden lassen, ihre Botschaft abwägen und daraufhin handeln“. Nur Opfer, die zu Wort gekommen sind, können aktive Bürger werden. Nur wenn jeder das Recht auf Klage hat und weiß, daß er gehört wird, kann die Wehleidigkeit, können die wechselseitigen Schuldzuweisungen zwischen Regierung und Bürgern wieder abnehmen. Judith Shklar: „Wir brauchen ein gewisses Gleichgewicht zwischen Vertrauen und Mißtrauen.“

  • Judith N. Shklar:

Über Ungerechtigkeit

Erkundungen zu einem moralischen Gefühl; aus dem Amerikanischen von Christiane Goldmann; Rotbuch Verlag, Berlin 1992; 221 S., 25,– DM