Unter dem Eindruck des Todes ihrer Mutter hat Jelena Bonner die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben. Die Mitstreiterin und Witwe Andrej Sacharows blickt zurück in ihre Kindheit und Jugend und läßt uns teilhaben an ihren bewegenden und widersprüchlichen Erinnerungen. 1923 kommt sie in Merw/Turkmenien zur Welt; die ersten nahezu ungetrübten Lebensjahre verbringt sie, geborgen in einer Großfamilie, in Tschita, Leningrad und Moskau. Die Eltern, beide hohe Kominternfunktionäre, führen ein offenes, gastfreundliches Haus; Verwandte und Freunde, darunter prominente Parteifunktionäre jener Tage, gehen ein und aus. Die Großmutter, Tatjana Matwejewna Bonner, ist durch ihre „ruhige, zugleich bestimmte Art“ der Mittelpunkt der Familie; im Leben der heranwachsenden Jelena nimmt sie wohl den wichtigsten Platz ein. Das Mädchen mit dem „armenischen Charakter“ steht von Anfang an zwischen der Großmutter, die das alte, vorrevolutionäre Rußland verkörpert, und der überzeugt kommunistischen Mutter. Die Großmutter bringt ihrer Enkelin die Traditionen, Musik und Literatur jener untergegangenen Epoche nahe; die Mutter lehnt alles „Bourgeoise“ ab, wozu sie auch Gefühlsäußerungen und Umarmungen zählt. Die Beziehung zur Mutter bleibt gespannt und problematisch, erst in deren letzten Lebensjahren können die beiden aufeinander zugehen und ihre Gefühle füreinander zeigen.

Jelena ist eine ausgezeichnete Schülerin; sie lernt mit Leichtigkeit und Vergnügen, liest mit Begeisterung, liebt Konzert-, Theater- und Museumsbesuche. Bisweilen kann das häufig kranke Mädchen jedoch auch sehr launenhaft und egozentrisch sein; mit der Wahrheit nimmt sie es, wie sie sich selbstkritisch erinnert, durchaus nicht immer sehr genau.

In starkem Kontrast zu diesem scheinbar unbeschwerten jugendlichen Erleben spürt die heranwachsende Jelena, daß nach der Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Kirow 1934 das Unheil unaufhaltsam heraufzieht. Die Tragödie, die das ganze Land erfassen wird, nimmt ihren Lauf. Freunde der Eltern, Nachbarn werden verhaftet, verschwinden. Die Zahl der „eigenartigen Waisenkinder“, derjenigen, die nach der großen „Säuberung“ ohne Eltern zurückbleiben, wächst stetig. Jelenas diffuse Hoffnung, die eigene Familie möge verschont bleiben, erfüllt sich nicht: In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 1937 wird der geliebte Vater verhaftet. Die Familie wird ihn nie wiedersehen. Die Mutter, versteinert, unfähig, ihren Schmerz mit der Tochter zu teilen, schickt sie weg. Sie soll die Nacht bei Verwandten verbringen. Doch die weisen ihr – aus Angst – die Tür. Und so irrt die Vierzehnjährige allein durch Moskau. In dieser Nacht endet ihre Kindheit. „Ich wurde eine andere“, sagt sie. Später wird auch die Mutter verhaftet und zu acht Jahren Lager verurteilt; erst 1955 wird sie rehabilitiert. Jelena, inzwischen die Tochter von „Vaterlandsverrätern“, muß jetzt jene Stärke entwickeln, die Andrej Sacharow später einmal an ihr preisen wird: „Sie gehört zu den Menschen, die durch schlimme Erfahrungen stärker, lebenstüchtiger werden.“

Jelena Bonners Erinnerungen sind ein sehr persönliches und ehrliches Dokument; sie geben zugleich, aus der Sicht einer Jugendlichen, ein eindringliches Zeugnis der Schrecken im Rußland Stalins in den dreißiger Jahren.

Gisela Heitkamp

  • Jelena Bonner:

Mütter und Töchter

Erinnerungen an meine Jugend 1923-1945;

Piper Verlag, München 1992; 396 S., Abb., 48,– DM