Provokationen von gestern: Urs Allemann und sein Prosacoup „Babyficker"Wüst gedacht, brav gemacht

Von Reinhard Baumgart von Reinhard Baumgart

Letztes Jahr in Klagenfurt war es, da hat eine Lesung aus diesem Text Furore gemacht, also beides ausgelöst, Entsetzen und Betroffenheit. Daß hier nur die schon im Titel grell plakatierte Provokation inszeniert werden sollte, schien einer Fraktion der damals Zuhörenden allzu klar. Eine andere dagegen, die für Urs Allemann am Ende auch den großen Trostpreis des Landes Kärnten durchsetzte, meinte ein Sprachbild des Grauens zu erkennen, in dem Literatur endlich wieder zeigt, was ihr gegenwärtig so offensichtlich fehlt: Biß und Wagnis. Für diese ernste und seriöse Lesart schien auch der gute Ruf des Autors zu sprechen, der schließlich in seinem bürgerlichen Hauptberuf das Feuilleton der Basler Zeitung mitverantwortet, unter Kennern geschätzt als eines der lebendigsten der deutschen Sprachszene.

Nun kann der Furore-Text also in seiner ganzen (kurzen) Länge, langsam und mit Vorund Zurückblättern gelesen werden, und die im Titel und dem Zentralsatz „Ich ficke Babys" gesetzte, diese scheinbar billige und geile Provokation verbraucht sich dabei relativ rasch. Sie erweist sich als sozusagen solide, plausibel motiviert, als Zündfunke, der ein rücksichtsloses sprachliches Rasen auslösen soll. Irgend jemand, ein Wesen oder Unwesen, das übertriebenerweise „ich" sagt, hat sich diesen Satz probeweise angeeignet und probiert nun die Folgerungen. „Ich ficke Babys. Also bin ich vielleicht". So verkündet dieser neue, pervertierte Descartes.

Anzeige

Schauplatz der sprachlichen Ausschweifung: eine Mansarde, also hoch über und weit weg von der sogenannten Welt, über die der Sprachspieler allerlei Ungewisses nur vermuten kann. (Ach ja, es fällt schon schwer, nicht gleich und dauernd zurückzudenken an Beckett.) Draußen vor Fenster und Tür mithin nichts sicher greifbar, drinnen dafür ein wüstes Reich aus Sprache, eine Orgie aus Worten. Um ein Bett stehen wie eine Versuchsanordnung vier Waschkörbe voll Babys, alle zur freien Verfügung. Sie wachsen nicht, sie schreien nicht, sie lassen alles mit sich anstellen, was man sich vorstellen, was man formulieren kann. Also kann der Sprechende sie schließlich auch, drei Seiten lang, wachsen lassen, bis er in ihrem Fleisch erstickt. Oder sie altern lassen, ohne zu wachsen, bis sie nach zweieinhalb Seiten zerfallen zu Staub. Oder es wachsen ihm, so stellt er sich vor, so formuliert er, aus allen Gliedern, Körperteilen Babys, so daß er sie wäre und sie wären er: „Bin aus Babys. Sind aus mir. Sollten wir zu uns sagen." So verwandelt sich launisch und ruck, zuck das Sadoparadies zum Masoidyll oder zum Ichkollektiv. Alles ist möglich, sprachlich. Drinnen und draußen, Subjekt und Objekt, Wörtlichkeit und Wirklichkeit verwischen sich. Alles eins, alles wüst und null und nichtig.

Das hört sich, so übertrieben logisch und entschieden zusammengerafft, womöglich interessanter, folgerichtiger und auch komischer an, als es sich liest. Etwas Verbissenes und Beflissenes in der Durchführung hemmt und verkrampft die Radikalität und die Spielmöglichkeiten dieses Textes. Auch, weil Allemann, scheinbar konsequent, seinem Probe-Ich eine allzu zügig stilisierte Rumpfsprache anerfunden hat. Deren Sätze, oft Subjektund prädikatlos, dürfen selten über vier, fünf Worte hinaus: „Mit geschlossenen Augen. Durchs übers Aug geklappte Lid seh ich hinaus. Den ganzen lichtlosen Tag lang. Kleines Mißverständnis vielleicht. Nicht blind. Nicht schwarz. Schwarzer Dämmer. Grauer lichtloser Dämmer. Kleines Mißverständnis vielleicht. Grauer lichtlos lichter Dämmer. Taglang. Nachtlang. Während des Schlafs. Versteh ich nicht. Während des Fickens. Des Fickens der Babys."

Solches Stottern, Suchen, Verstummen, Wiederanrucken der Sprache mag konsequent sein, sorgt auch für Rhythmus, doch dieser entfesselt schließlich nur: Monotonie. Die Atemlosigkeit, das Hecheln des Textes, seine Gier wie sein Erschrecken wirken, je länger er läuft - und kurz genug ist er ja -, desto simulierter, routinierter. Das dürfte nicht nur an einem aufdringlichen Kalkül, an den sorgfältig, ja zwanghaft gebastelten Variationen des Themas liegen, sondern auch an dem (um es gepflegt zu sagen) „semantischen Material", das hier o ordentlich durchgespielt wird.

Denn dieses Material ist ganz und gar unordentlich, ist schleimig, schlüpfrig, glitschig. Was der Babyficker an Worten auch in den Mund nimmt, das verliert sofort seine Unscheinbarkeit und Unschuld, gerät auf eine schräge Bahn: ob Türspalt oder Türschlitz, ob Po, Pore, Loch, Kot, ob Pfütze und Würmer, Geschlecht oder Gully. Die Phantasie dieses Sprechenden ist programmiert mit Verdrängtem, ist verzerrt von Ekel und Lust am Ekel. Kein Wunder also, daS die Probe, wie weit man's mit Wörtern treiben kann, durchaus nicht frei ins Laufen kommt. Nicht rücksichtslos gespielt wirkt der Text, sondern zugleich dumpf getrieben und planvoll gegängelt. Derart doppelt gehemmt, kann er seinem radikalen Ansatz nicht treu bleiben. Falls er einem solchen überhaupt folgen wollte. Denn auch daran darf man zweifeln.

Urs Allemann nämlich hat nicht der Versuchung widerstanden, sein Sprachspiel hinüberzuretten in eine Art „Erzählung" (so wird der Text auf der Titelseite dem Leser beziehungsweise Käufer angeboten), ja er scheint diese Erzählung sogar in eine heftig angedeutete Nutzanwendung, geradezu in eine Moral hjneinsalvieren zu wollen. Jedenfalls läßt er seinen Babyfikker herumflippern mit zwei weiteren Figuren, mindestens mit deren Namen: Eine Linda und ein Paul geistern draußen durch die fremde Welt, behexen seine Phantasie, denn diese beiden treiben es dort (statt mit Babys) hemmungslos miteinander, sozusagen normal, und Weibchen Linda hat es offenbar darauf angelegt, auch ihn, Babyficker, zurückzumanipulieren in diese sogenannte Normalität. Schwanger möchte sie offenbar werden, zu einem Paul will sie ihn machen. Falls er - auch mit dieser Möglichkeit will uns der Autor locken und verwirren - nicht ohnehin nur der pervertierte und erlösungsbedürftige Paul ist.

Damit stecken wir fest in der schwülen Rätselecke des Textes, relativ lustlos. Soll sich etwa alles auflösen in eine Fallstudie und dann ins Therapeutische? Sollen wir die Tränen, die der Gewalttäter in Worten, der Babyficker, schließlich wortwörtlich, zeilenweise vor uns heult, für wirklicher, für weniger sprachsimuliert halten als sein Babyficken? Möchte Urs Allemann seine Blumen des Bösen uns eilig umbinden in ein Bukett der Rührseligkeit? Oder hat er sich nur verheddert in dem schier technischen Problem des Endenmüssens, obwohl so ein Sprachspieltext eigentlich auf Unendlichkeit, auf ein ohne allen Reibungsverlust dahintickendes Perpetuum mobile angelegt sein sollte? Alles möglich, alles irgendwie angedeutet, nichts überzeugend.

Es bleibt bei Gesten souverän überspielter Hilflosigkeit. Immer entschlossener läßt der Autor seine Erzählstimme, seine Rumpffigur, seinen Text abdudeln ins Ungefähre: „Hab Lust hab die Pflicht ein Ende zu machen. Seis dies seis das. O es kommt nicht darauf an. Hab die Pflicht hab Lust eine keusche Geschichte geschrieben zu haben."

Damit wird die Lektüre, wenn alle Sympathie für den Versuch, alles Interesse für die Durchführung, aller Respekt für die literarische Höhenlage sich erschöpft haben, zum guten, ob keuschen oder komischen Ende doch noch ärgerlich, und das aus strikt humorlosen, außerliterarischen Gründen. In einer Zeit, in der Empathie für Gewalttätigkeit, Unmenschlichkeit auch literarisch kaum dringend auf der Tagesordnung steht, läßt sich ein Text wie „Babyfikker" rechtfertigen nur, wenn er die Moral seiner Ästhetik rücksichtslos durchhält.

Allemann aber hat scheinbar rücksichtslos nur begonnen, um dann seinen Text mit allen nur denkbaren und immer nur halben Rückversicherungen wieder psychologisch, moralisch, literarisch zu konventionalisieren. Das macht ihn am Ende und im Rückblick so haltlos, so verwischt und, statt provokativ, sanft schmuddelig. Als ließe sich Schreiben nach Rezept, als Kochkunst betreiben und ein Fond ä la Beckett hochwürzen mit de Sade, um schließlich mit einer Mehlschwitze von Simmel sämig und nahrhaft angereichert serviert zu werden.

lich eine Frage des guten Geschmacks." Wenn Harald Marx, der heutige Direktor der Gemäldegalerie, hier seinen Vorgänger Woermann aus dem Jahr 1887 zitiert, dann dürfen wir getrost darüber verblüfft sein, daß ausgerechnet auf dem Boden der ehemaligen DDR eine Vorstellung vom Museum zitiert wird, bei der das einzelne Kunstwerk im Zusammenhang der „dekorativen Forderung" des Ganzen begriffen wird.

Vielleicht muß man aber gerade in diesem Staat aufgewachsen sein, um jetzt nicht die neuesten der alten Erkenntnisse auch als die allerletzten zu präsentieren. „Der ,gute Geschmack'", fügt Harald Marx in seinem Katalogtext hinzu, „ist etwas höchst Wandelbares. Jeder, der ein Werk der Kunst antastet, um es den Vorstellungen seiner Zeit anzupassen, muß das bedenken." Er hat es bedacht und sich dafür entschieden, den Raffael nicht sakrosankt allein zu hängen oder, das war früher eine andere Lösung, ihn durch zwei weitere Kostbarkeiten von Botticelli und Mantegna zum gleichen Thema zu ergänzen.

Jetzt hat die sanfte, gedämpftfarbige Sixtina zwei Bilder der Gebrüder Dossi zur Seite, den kriegerischen Erzengel Michael und den kühnen hl. Georg. Und wenn man aus dem Raum davor auf sie blickt, ist sie zusätzlich gerahmt von zwei völlig anderen Maria-mit-Kind-Darstellungen von Corregio, im Hintergrund zeigt Parmigianinos Gottesmutter mit dem ausgereiften Jesusknaben, wie der Manierist das fromme Geschehen deutet.

Raffael und die Folgen; oder vier große, biblische Szenen von Veronese, in deren Mitte Tintorettos Erzengel Michael rächend zwischen die Mächte der Finsternis fährt; oder Giorgiones Venus gegenüber der Konkurrentin von Palma Vecchio und umgeben von anderen Bildern dieses Künstlers: das alles sind Nachbarschaften, die dem einzelnen Bild etwas von der autonomen Einsamkeit nehmen und es dafür wieder in den lebendigen Zusammenhang seiner Geschichte rükken, Kontroversen inklusive. Qualität wird übrigens dadurch kaum je [beschädigt, sondern meist sichtbarer gemacht. Auch drei Bilder von Rembrandt werden nicht schlechter, wenn zwischen ihnen ein unbekannter Meister mit Wasserfall hängt, relativ kleinformatige Portraits von van Dyck nicht erschlagen von den über ihnen hängenden, großen und leeren Naturalien-Stilleben von Frans Snyders. Und Rubens kann sich sowieso nur selber auspunkten.

Den Glanz der Dresdner Gemäldegalerie machen, entsprechend der Vorlieben ihrer Gründer und der Zeit, die reichen Werke der italienischen Hochrenaissance und des Barock aus, Bilder aus Samt und Seide, Gold und Edelstein. Hinzu kommen die Holländer und Flamen, wobei das besondere Augenmerk nicht nur den ganz großen Namen, sondern auch den kleinen, feinen Interieurs eines Terborch, Dou und Metsu galt. Und schließlich eine Vorliebe für das virtuose und galante 18. Jahrhundert. Zwei Bilder von Watteau gibt es im Obergeschoß der Galerie zu sehen, eine große Sammlung gepuderter Herrschaften des selbstbewußten Anton Raphael Mengs und Liotards „Schokoladenmädchen" im Mittelpunkt einer Portraitgalerie von Pastellen der Rosalba Carriera, die ihrerseits das Bild des Kollegen „das schönste Pastell, das ich je gesehen habe" genannt haben soll.

Die Bilder des italienischen Quattrocento sowie Dürer und seine Zeitgenossen entdeckte erst das 19. Jahrhundert. Um so bemerkenswerter die Werke, die dennoch in Dresden sind. Zum Beispiel Mantegnas „Heilige Familie" und Pinturicchios „Bildnis eines Knaben". Und im sogenannten deutschen Pavillon, in dem auch Jan van Eycks kleiner Flügelaltar, eine Kostbarkeit, unter Glas steht, Cranachs Katharinenaltar und eine bedeutende Dürersammlung. Daß die Mitte von Dürers Tafelwerk „Die sieben Schmerzen Mariae" eine leere Fläche ist, weil sich das zentrale Marienbild in der Münchner Pinakothek befindet, ist ein trauriger Umstand, der vielleicht auf dem Wege der Tausch-Dauerleihgabe behoben werden könnte. Ohne Tausch und langes Federlesen läßt sich allerdings etwas anderes beheben, nämlich der schwarzweiß groß gekachelte, bildermordende Fußboden durch hölzernes Parkett ersetzen.

„Macht euern Dreck alleene", mit diesem souveränen Satz soll sich der letzte König von Sachsen nach der Absetzung von seinem Volk verabschiedet haben. Als die Dresdner Barocksolisten jetzt zur Eröffnungsfeier in der Semperoper ihren Vivaldi und Bach so gespielt hatten, als würden August der Starke und seine zwölf Mätressen in der Loge sitzen, da sprang Landesvater Kurt Biedenkopf aus der ersten Reihe auf und schüttelte dem wunderbaren Flötisten Eckart Haupt die Hand fast aus dem Leib. Der Fürstenzug von Dresden geht weiter.

werden. In verschachtelten, niedrigen Kammern und verrußten Küchen, die heute noch den unvergleichlichen Geruch von Holz und kalter Asche verbreiten, lebten Junge und Alte in drangvoller Enge nebeneinander. Kreidestriche auf den Fußböden markierten damals das winzige Territorium jedes Familienmitglieds in der gemeinsamen Stube, die ein Käfig voller Menschen war. Nie waren sie allein, weder beim Lieben noch beim Sterben.

Die sogenannte Realteilung zwang oft drei oder vier Familien unter ein gemeinsames Dach. Jedes Kind bekam, mangels Bargeld, einen gleichen Teil der Wiesen und Äcker des Hauses. So wurden Land und Häuser in Fiss parzelliert, bis jeder zum Sterben zuviel und zum Leben zuwenig hatte. Manche wanderten in die USA aus, und die Kinder von Fiss wurden ebenso wie der Serfauser Nachwuchs noch bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs ins Schwabenland auf Bauernhöfe rund um den Bodensee geschickt, damit die Familien daheim in den Bergen im Sommer ein paar Esser weniger hatten. Die „Schwabenkinder" von Fiss gingen jedes Frühjahr einen „Weg der Tränen", der sie mit ein paar Groschen Lohn im Spätherbst wieder zurück nach Fiss führte. Und es saßen wieder ein paar Esser zuviel am Tisch. So steht es in Chroniken. „Ein bißerl was darüber lernen wir in der Schuld", sagt der kleine Sohn von Gebhard Pregenzer, der sich ein schönes Hotel gebaut hat. Die Kinder von Fiss lernen vor allem, daß „die damals nix hatt'n".

Aber es ist seltsam. Die bittere Armut leistete sich ausladende rätoromanische Bauernhöfe von unvergleichlich wuchtiger und ausgewogener Architektur - mit kleinen, im dicken Bruchsteinmauerwerk liegenden Fenstern, mit Erkern und tief heruntergezogenen Dächern und einem Rundbogentor, durch das die Menschen ihr Haus betraten, das Vieh in die Ställe getrieben wurde und die Heuwagen in den Stadel fuhren. Fiss besitzt heute einen der schönsten Dorfkerne Tirols, auch wenn 1972 einer aus dem Dorf zündelte und viel alte Bausubstanz in Flammen aufging. Neu aufgebaut wurde aber im alten Stil. Das ist vor allem ein Verdienst des Architekten Paul Illmer, der seinem Heimatdorf früh genug den Wert des Alten erklärte, weil Illmer auch wußte, das Neue — das war der Tourismus — würde einmal das Alte suchen. So ist es gekommen.

Auch die jetzt errichteten Neubauten, von etlichen Ausnahmen abgesehen, lehnen sich an die traditionelle Bauweise an. Das jüngste und beste Beispiel liefert das Haus Nr. 28 neben der Kirche, für das die alten Mauern stehen bleiben mußten. „Beim Neubau war man daher daran gebunden", sagt Beatrix Hofstetter, „das Haus im alten rätoromanischen Stil zu errichten, so daß der ursprüngliche Charakter erhalten blieb. Es ist, glaube ich, ein gelungenes Beispiel, wie man das Bauernhaus der Vergangenheit in die Gegenwart transportieren kann." Aber das geschlossene rätoromanische Haufendorf, wie es die Werbung suggeriert, ist Fiss trotz aller vorbildlicher Anstrengungen nicht geblieben. Der Ort franst — weil die Jungen bauen — unaufhaltsam aus, strenge Bauvorschriften hin, beschlossene Bauleitpläne heT. Das ist das Kreuz in den Bergen, die Jugend im Dorf zu halten und das Dorf in Grenzen.

Oben, auf der Höh', auf den Südund Nordhängen des Fisser Skigebiets, das bis auf über 2400 Meter reicht, ist die Freiheit des Skiurlaubers fast grenzenlos — es sei denn, ihm reichen die 65 Pistenkilometer nicht aus: mittelschwere und leichte Abfahrten durch Winterwälder und über baumlose Hänge. Und alle Spuren im Schnee treffen sich wieder auf der Sonnenterrasse der Schöngampalm, die aussieht, wie Almhütten auszusehen haben: viel Holz vor der Hütt'n, meterhoher Schnee auf dem Dach und Eiszapfen an der Dachrinne. Und dann der blaue Himmel und die Schneegipfel ringsum. „Da geht dir doch das Herz auf", sagen die Einheimischen. Und am Abend, unten im Tal, gibt's a Musi, ein paar Gläser vom Roten und, wenn man es will, vielleicht Tiroler Knödel oder Kasspatzn oder Kräuterrahmspatzn oder Käsknödel in Zwiebelsuppe dazu.

Auf dem Heimweg ins Hotel sieht man vielleicht noch Licht hinter den Fenstern im Erdgeschoß des alten Bauernhauses in der Ortsmitte von Fiss brennen, vis-ä-vis von Seppl's Haus und der Tourist-Information. Geht man ganz nahe an die Doppelfenster heran, dann sieht man, daß getrocknetes Moos als Dichtungsmaterial zwischen den Scheiben liegt. So war es früher üblich gewesen. Damals, als der Frost noch klirrender und der Winter kälter war und als die Menschen von Fiss noch inbrünstig beteten, Gott möge sie vor den Lawinen verschonen. Jetzt beten sie heimlich, daß der Schnee kommen möge, viel Schnee, Beatrix Hofstetter sagt, bis jetzt sei oben im Skigebiet über ein Meter Neuschnee gefallen. Und es schneie weiter. Eine gute Grundlage für die Pisten, sagt sie. Und für die beginnende Skisaison. Auskunft: Tourist Information, A-6533 Fiss/Landeck, Tel. 0043-5476/64 41; Tourismusverband, A-6354 Serfaus/Tirol, Tel. 0043-5476/62 39.

Vergeltung, Entlegitimierung einer Biographie, Unbeabsichtigte Folgen des demographischen Zynismus.

Asymmetrie der Vergeltung. Meine blauen Bände habe ich nicht weggeräumt, aber ich trauere keinem „Kapital"-Kurs nach. Man sollte Theorien nicht verbieten, aber man muß sie aus staatlicher Obhut befreien und darf ihrer Verbreitung sehr wohl die administrative Unterstützung entziehen - dies ist ein notwendiger und nützlicher Überlebenstest. Sollte ich eine Hypothese wagen, so lautet meine Prognose, daß die Marxsche Theorie in Teilaspekten und die sozialistische Idee zumindest als Motivationsrest überwintern und in nicht allzu ferner Zukunft eine Renaissance erleben werden - weil die soziale Markt- Wirtschaft vor der immer drängenderen Frage steht, wie innerhalb des Kapitalismus mehr Sozialismus als bisher gewagt werden kann.

Westdeutsche Hochschullehrer, die den Marxismus-Leninismus nicht nur lehrten, sondern zum Teil auch mit Exkommunikationsdrohungen pre- ^__^___^^_ digten, wurden in der Re- "■■■^^"■■■^^ gel - trotz des Schlagworts vom Berufsverbot - vom demokratischen Staat anständig alimentiert, aber ansonsten nicht allzu ernst genommen: Ihren Absolventen blieb in der Regel die Universitätslaufbahn offen. Diese Wissenschaftler haben politische Schuld nicht auf sich geladen. Sie hatten dazu keine Gelegenheit.

Wer in der Bundesrepublik als Hochschullehrer freiwillig und aus Überzeugung Marxismus-Leninismus lehrte, hat auch nach dem Ende des Staatssozialismus keine Sanktionen zu erwarten. Schlimmstenfalls hat er sich blamiert. Wer in der DDR, weil er anders gar nicht Hochschullehrer werden konnte, sich auf den Marxismus-Leninismus verpflichtete, steht heute tatsächlich unter der Drohung des Berufsverbots. Wir bestrafen den erzwungenen Irrtum und lassen den freiwilligen auf sich beruhen, wir lassen die Überzeugungstäter in Ruhe und wickeln die Mitläufer ab. Um nicht mißverstanden zu werden: Ich plädiere weder für eine Restitution der schrecklichen ML-Sektionen,.noch will etwa nahelegen, für eine westdeutscher Marxisten Vorschlag bewahrt mich ich staatlichen Instanzen nachholende Bestrafung zu sorgen. Vor diesem schon ein Blick in mein eigenes Schriftenverzeichnis. Ich mache lediglich auf eine Asymmetrie der Vergeltung aufmerksam, die das politische Klima in Teilen der ostdeutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen nach wie vor verbittert.

Entlegitimierung einer Biographie. Ich komme auf Herrn.K. zurück. Er ist sicher noch Sozialist, was immer das auch heißen mag, vielleicht nennt er sich, trotzig, jetzt auch noch einen Kommunisten. Herr K., früher Mitglied der SED, wurde nicht aus Gründen anpassender Karriereplanung Mitglied dieser Staatspartei. Maßgebend dafür waren vielmehr Überzeugungen, die in seiner Familiengeschichte begründet liegen. Der Vater von Herrn K., kommunistischer Landtagsabgeordneter, verbrachte die zwölf Jahre des Nationalsozialismus im Zuchthaus und im KZ. Als er überlebt hatte, war er immer noch Kommunist und drückte seinem Sohn den Aufnahmeantrag für eine Partei in die Hand, die er für sozialistisch hielt.

Wir sind in Deutschland dabei, Biographien wie die von Herrn K. ohne Wenn und Aber zu entlegitimieren, wir entwürdigen einen Lebens- Unbeabsichtigte Folgen des demographischen Zynismus. Wir leisten uns eine gefährliche Haltung, die ich als demographischen Zynismus bezeichne: Haben wir überhaupt Skrupel, so stehen sie in umgekehrter Korrelation zum Alter der Betroffenen. So wie Max Planck sich damit tröstete, daß überholte wissenschaftliche Paradigmen zwar zählebig sind, mit ihren Vertretern aber endgültig aussterben, hoffen wir darauf, daß die in den Vorruhestand Geschickten wirklich Ruhe geben werden, wenn sie erst einmal das gesetzliche Rentenalter erreicht haben.

Unbeabsichtigte Folgen dieses demographischen Zynismus zeigen sich, und dies ist ein Alarmzeichen, bei der jüngeren Generation, bei den jungen Assistenten und Studenten in den ostdeutschen Universitäten.

Spricht man heute mit ostdeutschen Studenten, vor allem mit Studienanfängern, so verläuft das Gespräch meist erfrischend, ähnlich positive Töne hört man sonst nur von Taxifahrern, deren Geschäft boomt: Endlich einmal, so scheint es, keinerlei Anflug von Nostalgie, kein No-future-Syndrom, viel Vertrauen in die eigene Kraft, große Begierde auf Neues, jeder fängt jetzt gerne an zu studieren, will schnell auch andere Universitäten kennenlernen und unbedingt eine Zeitlang ins Ausland gehen.

Hakt man nach, ändert sich die Tonlage, und das Trauma einer nicht selbst erfahrenen, aber an anderen wahrgenommenen und mitgefühlten elementaren Ungerechtigkeit wird sichtbar: Der Westen hat gesiegt, man paßt sich an, es macht fatalerweise sogar Spaß, was bleibt einem auch sonst übrig?

Wir geben uns einer großen Illusion hin, fürchte ich, wenn wir glauben, mit dieser Generation der 20- bis 25jährigen, die in einem Land genannt „DDR" geboren wurden und dort zur Schule gingen und die um das Jahr 2010 in Führungspositionen hineinwachsen werden, der Bundesrepublik bereits unerschütterliche Demokraten und der Bürgergesellschaft bereits überzeugte Anhänger gewonnen zu haben. Ich nehme in dieser Generation vielmehr eine ironische und irritierte Anpassungshaltung wahr, ich kann darin keine stabilisierenden Faktoren für unsere Demokratie sehen, der die schwersten Belastungsproben vielleicht noch bevorstehen.

Was ich sagen wollte: Der Brief an Herrn K. hätte so nie geschrieben werden dürfen. „Wegen mangelnder persönlicher Eignung ... auf Grund zu enger Verstrickung in das politische Unrechtssystem der früheren DDR" gekündigt. Ich werfe uns Wissenschaftlern vor, eine überforderte Administration und eine kurzsichtige Politik nicht vor dem Verfertigen solcher Briefe bewahrt zu haben.

Der Autor ist Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin

Zur Startseite
 
  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
Service