When a Man Loves a Woman“ – mit Percy Sledges altem Song beginnt der Film. Darüber Bilder von einem kleinen, irischen Rummelplatz, über den ein dicklicher Schwarzer und eine aufgedonnerte Blondine turteln. Die beiden haben keinen Blick für die Buden und Karussells, sie wollen möglichst rasch zur Sache kommen. Aber während er auf eine schnelle Nummer aus ist, will sie ihn nur weglocken, um ihn ihren Freunden in die Hände zu spielen. So ist der farbige Mann, ein Soldat der Britischen Armee, ehe er sich’s versieht, eine Geisel der IRA.

Wie eine Gängsterbande sind die IRA-Terroristen charakterisiert: Da gibt es den engagierten, sachlichen Chef der Clique, der ganz der Idee dient und sich am Ende opfert für einen kleinen, billigen Coup. Da ist das harte, entschlossene Weib – und das Sensibelchen für das Drama im Zentrum: ein komme fragile, der sich mit dem Gefangenen anfreundet und später dessen Freundin über die „irische Sache“ stellt. Am Ende sitzt er in einem englischen Gefängnis und erzählt fröhlich eine todtraurige Geschichte von einem Frosch und einem Skorpion, die, sich gegenseitig helfend, ins Verderben rennen – einfach, weil sie ihrer Natur folgen.

Die Exposition ist typisch für Neil Jordans filmische Strategie. Unentwegt behauptet er ein Ereignis oder ein Gefühl, um alles dann durch neue Ereignisse oder Gefühle wieder aufzuheben. In den besseren Filmen aus Hollywood, in den films noirs der vierziger Jahre vor allem, riß diese Strategie tiefe Abgründe in die Geschichten, sie schuf eine düstere Stimmung des Abgleitens und Schwankens, eine Atmosphäre der nachhaltigen Verunsicherung. Bei Jordan aber bleiben die Sprünge in der Geschichte nur erzählerische Pointen. Zusammen bilden sie einen geschlossenen Kreis aus sauber schmutzigen Abenteuern, Postkarten-Ästhetik und antibürgerlicher Attitüde. Die ganze Geschichte wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen. Von seinen frühen Filmen abgesehen, „Angel“ vor allem, aber auch „Mona Lisa“, ist Neil Jordan doch eher ein Szenarist als ein Filmautor, eher ein Literat als ein Regisseur.

Mit Truffaut könnte man fragen: Worin besteht der Wert eines antibürgerlichen Films, der von einem Bürgerlichen für Bürgerliche gemacht worden ist? Mit „The Crying Game“ steht Heil Jordan in der biederen „Tradition der Qualität“ mit ihren Filmen voller Talent und Geschmack, ordentlich geschrieben, ausgestattet und inszeniert – glänzend, aber formlos. Unter dem Deckmantel kultureller Ambition bietet Jordan den Zuschauern eine harmlose Dosis an Schwärze und Skurrilität. an Nonkonformismus und Nervenkitzel. Was fehlt, „ist der Ton oder der Akzent, die Nuance, wie immer man es nennen mag – das heißt der Standpunkt eines Menschen und die Haltung dieses Menschen zu dem, was er filmt, und folglich zur Welt und allen Dingen“ (Truffaut). Statt dessen jagt ein Tabubruch den anderen – alle geglättet zum wohlfeilen Genuß. Norbert Grob