Von Robin Detje

Die Welt ist eine Kuhle. Alles ist Kuhle. Die fünf Sitzreihen für die Zuschauer zieht es nach unten in die Mitte des Raumes, und gleich vor der ersten Reihe beginnt die Bühne, mit rotem Sand bedeckt, und hebt sich, bis ein undurchdringlicher Himmel jedem Blick den Weg verstellt. Ein Rundhorizont; er böte Platz für ein Schlachtengemälde. Und wird den ganzen Abend lang expressionistisch bunt beleuchtet werden, grell und düster zugleich.

Eine Welt unter dem Brennglas. Ein Kessel. Ein Käfig. Das Firmament ist ein Gitterrost, ein schwarzer Himmel für Beleuchter. Der Deckel auf der Dose.

Vier Fünftel der Schaubühnen-Kuhle (die Gisbert Jäkel gebaut hat) nimmt ein Vorgarten ein, begrenzt von einem brüchigen Lattenzaun, bewachsen von Trockenpflanzen, aus irgendeinem Western herbeigeweht. Gartenstühle und Tische. Erst ganz links schiebt sich ein Eckchen der Teestube ins Bild, mit der Wohnung der Apothekerin Káschkina darüber. Aber der Vorgarten ist die Welt. Denn Alexander Wampilows Schauspiel „Letzten Sommer in Tschulimsk“ ist eine Vorgartentragödie.

Der trockene Garten am Boden der Kuhle bezeichnet den tiefsten Punkt der verkommenen und verlotterten Kreisstadt Tschulimsk. Niemand räumt auf. Nur Valentína, die unschuldige, achtzehnjährige Bedienung, die letzte junge Frau im Ort, die noch nicht nach Irkutsk oder Krasnojarsk abgewandert ist, flickt immer wieder den Zaun, den die Gäste der Teestube immer wieder niedertrampeln, weil sie zu faul sind, den Umweg durch die Pforte zu gehen. Und selbst die reißen sie immer wieder um. Aber Valentina hält Ordnung. Aus Prinzip.

Valentina liebt den Untersuchungsrichter Schamänow. Jeden Morgen muß sie mitansehen, wie er aus dem Schlafzimmer der Apothekerin torkelt. Valentina leidet, stumm, rein und aufopferungsvoll. Schamánow ist selber ein guter Mensch (wenn auch vielleicht nicht ganz so unschuldig wie das Mädchen). Der Ekel vor den Intrigen der Großstadt hat ihn in dieses Kaff getrieben. Ihm wäre eine Karriere sicher gewesen, wenn er sich nicht darauf versteift hätte, ausgerechnet den verbrecherischen Sohn eines hohen Parteifunktionärs hinter Gitter zu bringen. Das Verfahren läuft noch, aber Schamänow will nichts mehr damit zu tun haben. Er ist geflohen, ins Bett der zweiten Apothekerin von Tschulimsk, Teestube, erster Stock. In die Pampa (oder, um genau zu sein: in die Taiga).

So trampelt Schamánow auf Valentínas Liebe herum, und die müden Tschulimsker zertrampeln ihren Zaun. Bis der frustrierte „Kriminale“ doch noch einen Blick auf die Kellnerin wirft. Und wenn an diesem Tag, letzten Sommer in Tschulimsk, nicht alles schiefgegangen wäre, wenn nicht Liebesbriefe in die falschen Hände geraten, enttäuschte Liebhaberinnen in Panik ausgebrochen und Suchaktionen in die falsche Richtung gestartet worden wären – hätten die beiden sich vielleicht gefunden, zu einem süßen Happy-End.

Statt dessen: Unordnung und frühes Leid. Schlägereien, ein Mordversuch und eine Vergewaltigung. Eine Tragödie. Am Ende repariert Valentina wieder den Zaun. Schamánow aber, durch die Leiden des Mädchens geläutert, greift zum Telephon und findet zur Wahrheit: Er will doch noch aussagen im Prozeß gegen den Bonzensohn.

1972, kurz nach Fertigstellung des „Letzten Sommers in Tschulimsk“, ist Alexander Wampilow, 35jährig, im Baikalsee ertrunken. Vier Theaterstücke hatte er bis dahin geschrieben. Erst nach seinem Tod kam er in der UdSSR in Mode; fast gleichzeitig auch anderswo: „Letzten Sommer in Tschulimsk“ wurde 1978 in Bielefeld gespielt und zweimal in Berlin, im Westen und im Osten. Dann war 14 Jahre Ruhe.

Ordnung und Wahrheit gehören bei Wampilow zusammen, Unschuld und Reinheit helfen auf dem Weg zur Tugend. Auf ganz kleine, spießige Weise und im Großen, Allegorischen. Denn der Vorgarten ist – wie gesagt – die Welt. Und die Welt ist ein Vorgarten. Mehr nicht? Mehr nicht.

Ordnung heißt das vorletzte Wort des Dramas; das letzte: Vorhang.

Sommermorgen in einer Kreisstadt in der Taiga“ – so beginnt das Stück. August. Aber an der Schaubühne wird es nicht hell. Es bleibt so düster wie morgens im Dezember. Vorhin ist ein Vogel vom Baum geschossen worden. Federn segelten zu Boden. Jetzt donnern Düsenjäger über unsere Köpfe: Tiefflieger. War der Weltuntergang schon, oder kommt er noch? Gleich zu Anfang trumpft Andrea Breth ordentlich auf. Und eigentlich ist schon alles vorbei, bevor es begonnen hat. Tschulimsk ist ein Grab, dem die Inszenierung lange, lange Zeit nicht mehr entkommt.

1989 hat Andrea Breth in Bochum „Die Letzten“ inszeniert, Maxim Gorkis Drama von der Selbstvernichtung einer Familie. Die Flure waren eng und verwinkelt, das Leben eine Hölle, aus der es kein Entrinnen gab. Und durch diese Finsternis leuchtete der kalte, neonhelle Blick der Regisseurin, die der Unglücksfamilie bei lebendigem Leib den Bauch aufschnitt und den Kadaver in einer Kühlhalle zur Besichtigung freigab. Dort war es kalt – und gerade das konnte den Zuschauer auf eine merkwürdige Weise wärmen.

Jetzt bleibt alles düster. Und warm. Bei Bedarf erklingen russische Chorgesänge oder wenigstens süßliche Streichermusik. Die Verwalterin der Teestube (Angela Schmid) entdeckt den alten Freund Ilja vor dem Haus – und wie bestellt kommt (dramatischer Lichtwechsel!) ein kleiner blonder Junge und zündet zwischen den Zaunlatten Kerzen an. Ein Götterbote?

Die Verwalterin Choróschich klappt die Fensterläden der Teestube auf – Orgelklänge. Der Altar ist eröffnet. „Allein“, seufzt Ilja, sei er in der Taigá (so sagt man in Berlin: Taigá), „allein“ – Orgelklänge. Wieder Tiefflieger – der Himmel verfärbt sich schneller als Lackmuspapier. Ein alter Soldat schlurft den Horizont entlang und murmelt vor sich hin – der Phantasie der Regisseurin entsprungen wie der kleine blonde Junge. Der Soldat hat Schnee an den Schuhen, im August. Ein Gespenst.

Zeichen ohne Wunder, Rätsel ohne Lösung. Notfalls sagt uns die Musik, was wir fühlen sollen (nämlich, bitte, möglichst viel). Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt zieht eine ganze Prozession über die Bühne, zündet wieder Kerzen an und vollführt geheimnisvolle Fahnenrituale, deren einzige Funktion ein kleiner Umbau ist.

Wie aus Trotz setzt Andrea Breth hinter jeden Satz noch ein inszenatorisches Ausrufezeichen. So gründlich sie ihre „letzten“ Figuren einst in Bochum bloßgestellt hat, verkleistert sie ihre Auftritte jetzt mit mystischem Putz und übermalt die Schauspieler mit buntem, dramatisch wechselndem Scheinwerferlicht. Alles ist heilig, heilig, heilig. Und alles 200 Prozent. Pawel, der uneheliche Sohn der Choróschich, der später Valentina vergewaltigen wird, ist ein zweihundertprozentiger Schläger. Valentínas Vater ist ein zweihundertprozentiges Monster, das heiser röchelt wie Darth Vader, der Bösewicht aus dem „Krieg der Sterne“. Klare Verhältnisse. Und während es uns im Kühlhaus der „Letzten“ seltsam warm werden konnte, fangen wir beim Theatergottesdienst von Tschulimsk an zu frieren.

Erst spät (der Zuschauer hat längst alle Hoffnung aufgegeben, dem Nebel der Schaubühnen-Weihrauchmaschine jemals wieder, zu entkommen), findet Andrea Breth die Geschichte, die sie erzählen will. Und plötzlich sprengt das Theater die Kirchenmauern.

Bei Andrea Breth ist die Apothekerin Káschkina (Swetlana Schönfeld) die Loreley von Tschulimsk: Jeden Morgen kämmt sie sich auf ihrem Balkon das lange, güldene Haar. Sie ist, so sehr man das in einer sibirischen Kreisstadt sein kann, ein Vamp; heiser, ironisch, fordernd und selbstsicher. Bis sie das Vertrauen in ihren Liebhaber Schamánow verliert und die Fassade bröckelt.

Die Káschkina hat aus dem Fenster der Apotheke beobachtet, wie Schamánow (Wolfgang Michael; rotäugig, trocken wie der rote Sand der Steppe) mit Valentína flirtet. Sekunden später ist sie bei ihm und fragt ihn aus. Und er wimmelt sie ab – nicht nur mit Worten, sondern mit Gewalt. Er verliert die Kontrolle, packt sie am Arm und ringt sie zu Boden.

Ein Minidrama, größer als das große Drama, nach dem Andrea Breth mit Kerzen und Orgeltönen greift. Swetlana Schönfeld spielt die Verwandlung der Apothekerin wie einen Sturz. Die Káschkina hat sich von einem Augenblick auf den anderen verloren. Sie ist in Panik, aufgelöst. Von nun an stolpert und flattert sie durch den Garten wie ein Vogel, dem man die Flügel gestutzt hat. Und die Katze ist los: die jüngere Frau.

Fassungslos, den Tränen nahe, entlockt die Apothekerin Schamánows Boten Ilja in der vielleicht schrecklichsten und komischsten Szene dieser Inszenierung seinen Brief an Valentína. Sie will nichts anderes als diesen auf eine Serviette gekritzelten Brief. Aber als sie ihn hat, ist sie so aufgeregt, daß sie vergißt, ihn zu lesen.

Swetlana Schönfeld spielt eine Frau, die vor Eifersucht nicht mehr stillsitzen kann. Der Grund ihrer Eifersucht ist panische Angst, und ihre Angst ist nicht entstanden, als Schamánow sie betrügen wollte, sondern als er sie schlug. „Gewalt gegen Frauen“ lautet das Thema dieses Dramas, oder allgemeiner: „Gewalt in der Familie“.

So könnte natürlich auch ein Volkshochschulkurs heißen; aber das kümmert Andrea Breth nicht. Sie hat nach Hause gefunden, zurück in die verwinkelten Flure ihrer Bochumer Gorki-Inszenierung. Dort hat der Vater den Kopf seiner Tochter gegen einen Schrank geschlagen. Und vor der Teestube von Tschulimsk wird später an diesem Abend in Berlin der Waldbauer Pomigálow seine Tochter Valentína, Kopf voran, an einen Zaunpfahl stoßen. Auch sie wird die Fassung verlieren und flüchten, mit dem Schläger Pawel, zum Tanz ins Nachbardorf. Und Pawel wird ihr ebenfalls Gewalt antun, auf andere, nicht weniger grausame Weise.

In dem mystischen Rahmen, den Andrea Breth so angestrengt für diese Inszenierung aufgebaut hat, wirken diese Szenen wie Fremdkörper, transplantiert aus einem eigenen, anderen Theater. Das hoffentlich das eigentliche, wirkliche Breth-Theater ist.

Der Schluß, den die Regisseurin sich ausgedacht hat, ist aberwitzig, nichts weniger. Er ist verrückt. Valentína, die eben vergewaltigt worden ist, ihren geliebten Schamánow verloren hat und von ihrem brutalen Vater vielleicht demnächst zur Heirat mit einem Trottel gezwungen werden wird (Ulrich Matthes spielt ihn pedantisch wie gewohnt) – Valentina singt. Auf einem Baum, einen lustigen russischen Schlager, und aus voller Kehle. Aus der Schauspielerin Karoline Eichhorn (gerade noch ein blasses, mageres Kind) wird – puff! – ein loderndes Fräulein. Und sie tanzt von der Bühne. Der Wahnsinn als Möglichkeit – kein schlechter Ausweg aus dieser Hölle.

Dann ist alles, als wäre nichts gewesen. Alle sitzen im Garten und starren Valentina an. Sie repariert den Zaun. Jeder dieser Menschen in ihrem Rücken hat sie auf seine Weise vergewaltigt. Tonlos spricht Schamánow ins Telephon. Es gibt keine Läuterung, keine Erlösung und keine Wahrheit.

Und dann fährt ein lustiger Spielzeugzug in den Garten. Noch einmal Aberwitz! Die Menschen auf der Bühne sind so fassungslos wie die Zuschauer. Und wäre das ein Einfall! Eine kleine Eisenbahn aus einer anderen Welt, die über die Bühne fährt, ohne Sinn, ohne Zweck, durch den Rundhorizont bricht und in der Welt dahinter verschwindet. In einer Welt, nicht so düster, ohne Orgeln. Wahnsinn!

Aber der Zug bleibt stecken, im Sand, mitten auf der Bühne. Es wird dunkel. Und in ihrem selbstgewählten Dunkel verliert sich – vorerst – auch die Spur der Regisseurin Andrea Breth.

Keine Ordnung. Kein Vorhang.