Die Lehre von 1992: Der Firnis der Zivilisation ist dünnEuropa zwischen Mythen und Zeiten

Von Theo Sommer

Im August 1914, als die Nacht des Ersten Weltkrieges sich über Europa senkte, blickte der britische Außenminister Sir Edward Grey vom Fenster seines Dienstzimmers auf den St.-James-Park hinaus. Trübsinnig sprach er den Satz in die Dämmerung: „Über ganz Europa gehen die Lichter aus, und wir werden sie zu unseren Lebzeiten nicht wieder angehen sehen.“ Eine Generation später, als sich die Kommunisten 1948 in Prag an die Macht putschten, wiederholte Greys Amtsnachfolger Ernest Bevin den düsteren Satz.

In dem großen Zeitenriß von 1989/90 gingen die Lichter dann mit einem Schlage wieder an. Aber sie flackern unheilvoll. Ihr unsteter Schein fällt auf ein Europa, das nach einem Dreivierteljahrhundert voller Blut und Schrecken noch immer wie benommen ist, unsicher seiner letzten Ziele und zerstritten selbst über die nächste Wegstrecke. Im Jahre 1990 herrschte Aufbruchstimmung; 1991 war geprägt von bangem Erstaunen, daß die Dinge nicht reibungslos vorangehen wollten; 1992 endete im Osten wie im Westen des Kontinents in Schrecken und Erschrockenheit.

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Fragmentierung war nicht überall die Losung, wo der Kremlkommunismus jahrzehntelang alle pluralistischen Anwandlungen erstickt hatte. Aber in der ehemaligen Sowjetunion, im föderierten Jugoslawien, selbst in der Tschechoslowakei gewannen die Kräfte der Zersplitterung die Oberhand. Der sowjetische Staatsverband zerfiel; von Rußland spaltete sich ab, was die Zaren an russischer Erde gesammelt hatten; im südlichen Gürtel, zwischen Elbrus und Altai, gab es Mord und Totschlag zwischen verfeindeten Völkern und Völkchen. Tschechen und Slowaken trennten sich schmerzlich wiewohl wenigstens schiedlich-gütlich. Im früheren Jugoslawien jedoch entlud sich der lange unterdrückte Haß der verschiedenen Stämme in einer Explosion von atavistischer Macht. In den Bergen Bosniens starb ein Stück des europäischen Traumes von 1989, daß die lange Nacht der Barbarei verläßlich zu Ende sei.

Eine der schwierigsten Fragen, die das Jahr 1992 an uns stellte, gipfelte in der ketzerischen Erwägung, ob nicht die grausame Knute der Kommissare auch ihr Gutes gehabt haben mochte. Jedenfalls hat der Kollaps des Kommunismus manche dunkle Seite des menschlichen Wesens wieder freigelegt, die besser verschüttet geblieben wäre. Dem einen Horror folgte mancherorts bloß ein anderer. Die Räson des neuen Schreckens ist nicht minder abstoßend als die des alten. Obendrein gibt es kein Ausweichen vor der niederdrückenden Erkenntnis, daß chaotische Konflikte meist auch chaotisch enden. Mit einer sauberen und raschen Lösung ist auf dem Balkan ebensowenig zu rechnen wie in dem südlichen Krisenbogen des alten Sowjetreiches; die Völker werden dort noch lange aufeinanderschlagen.

Der Zusammenbruch des Kommunismus hat sich auch im Westen Europas ausgewirkt. Der aufkeimende Nationalismus im Osten färbte auf die Europäische Gemeinschaft ab. Nach 35 Jahren fortschreitender Integration wurde das Doppelziel Währungsunion/Politische Union vielen Bürgern suspekt. In dem Nein der Dänen zum Maastrichter Vertrag spiegelte sich dies ebenso deutlich wider wie in dem hauchdünnen Ja der Franzosen. Auch anderswo geriet die europäische Integrationspolitik in Mißkredit – im ohnehin skeptischen England, doch sogar im normalerweise europafrommen Deutschland. In der Schweiz, die offiziell um EG-Aufnahme ersucht hatte, durchkreuzte das Volk seiner Regierung schon den Anschluß an den Europäischen Wirtschaftsraum. Der Vollzug zweier konkreter Vorhaben ist vorläufig blockiert: Maastricht durch das dänische Nein und das britische Zögern; der größere Europäische Wirtschaftsraum durch das ablehnende Votum der Schweizer. Zugleich geriet das Europäische Währungssystem in eine schwere Krise.

Manches hat zu den Euro-Turbulenzen des Jahres 1992 beigetragen. Der Franzose Mitterrand war bestrebt, die Deutschen nach ihrer Wiedervereinigung schnell und unauflöslich in das wachsende Europa einzubetonieren; Bundeskanzler Kohl leistete dem Vorschub, damit gar nicht erst der Eindruck entstehen konnte, das größer gewordene Deutschland wolle wieder auf die nationale Karte setzen. Doch manche Europäer bekamen plötzlich Schluckbeschwerden: Würde nicht die erweiterte Bundesrepublik die Brüsseler Gemeinschaft ans deutsche Leitseil binden und sie entweder durch seine vereinigungsbedingte Schwäche oder aber, nach einigen Jahren, mit wiedergewonnener Stärke in die falsche Richtung zerren? Andere fühlten sich von ihren Regierungen überrumpelt. Und viele glaubten wohl, die geschichtlichen Wurzeln des Gemeinschaftsgedankens verkennend, nach dem Ende des Kommunismus und des Kalten Krieges sei die europäische Integration kein historischer Imperativ mehr.

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