Die fromme ThereseSelig oder hysterisch?

KONNERSREUTH. – Ort der unglaublichen Ereignisse: etwa 1700 Einwohner, ein rühriger Spprtverein, Feuerwehr, Kirche und Volksschule, mehrere Wirtshäuser, in denen die typischen Spezialitäten der Oberpfalz serviert werden – Schweinsbraten, Knödel und eine Halbe Bier. Bayernweite Berühmtheit erlangt hat der Marktflecken durch eine Frau, die von den Köstlichkeiten der hiesigen Küche 35 Jahre lang nichts angerührt haben soll: Therese Neumann. „Resl“ nennen sie die Zeitgenossen und ihre Landsleute in und um Konnersreuth, halten sie für eine fromme Christin und drängen auf die Seligsprechung. Hysterische Schwindlerin, sagen andere.

Wirklich untersucht, geschweige denn geklärt ist das Phänomen der Therese Neumann auch dreißig Jahre nach ihrem Tod nicht. Im Gegenteil. 7000 Anhänger, darunter Bayerns Minister Alois Hundhammer, kamen am 22. September 1962 zur Beerdigung, als die Neumann natürlichen Todes an einem Herzinfarkt gestorben war. Noch immer ist ihr Grab eine Pilgerstätte, an der zahlreiche Votivtafeln für angebliche Gebetserhörungen zeugen.

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Zu ihren Lebzeiten, 1889 als älteste von neun Kindern einer frommen Bauern- und Schneidersfamilie geboren, strömten alljährlich an den Karfreitagen Tausende in die Ortschaft: Die „Resl“ erlebte in einer Art Trance den Kreuztod Christi nach und blutete dabei aus Malen an Händen, Füßen und Herzgegend, heißt es.

Psychologen erklärten den Vorgang – die Ausscheidungen waren ähnlich beschaffen wie Menstruationsblut – mit Hysterie und Suggestion. Stigmatisationen, fast ausschließlich in der katholischen Kirche überliefert, wurden seit dem 13. Jahrhundert 321mal vermeldet, vorwiegend bei Frauen. 61 Stigmatisierte wurden selig gesprochen. „Körperliche Symptome psychogenen (und auch sozialen) Ursprungs, bei deren Enstehung äußere und innere Faktoren zusammenwirken“, definiert das „Praktische Lexikon der Spiritualität“.

Keine Antwort, geschweige denn eine lexikonreife, gibt es indes auf die anderen mysteriösen Erscheinungen bei der „Resl“. Nämlich daß sie 35 Jahre weder Speise noch Trank zu sich genommen haben soll. Dem Volksmund nach blieb ihre einzige Stärkung der tägliche Empfang der Kommunion.

Glaubenssache, Schwindel, Geisteskrankheit, lauten die verschiedenen Erklärungen. Neu aufgelebt ist der jahrzehntelange Streit, als sich unlängst die Verehrer der Stigmatisierten zum 30. Todestag in Konnersreuth trafen und die Einleitung des Informativprozesses auf Bistumsebene forderten. Er ist die Voraussetzung einer Seligsprechung. Die Diözese Regensburg bittet um Geduld. Bekannt ist der Fall auch Papst Johannes Paul II. „Ah, Konnersreuth – kommt von da nicht die Therese?“ begrüßte er 1988 eine Pilgergruppe bei der Audienz.

„So ein Blödsinn. Wissen Sie: Es gibt Wundersucht, und Wassersucht gibt es auch“, ärgert sich der Hauptgegner der Neumann – Josef Hanauer, Priester und pensionierter Studiendirektor in der Bischofsstadt. Der 79jährige veröffentlichte mehrere Bücher über die Konnersreutherin und sieht sie längst als Schwindlerin entlarvt. Bei der angeblich Nahrungslosen seien schon in den vierziger Jahren Essensvorräte ausfindig gemacht worden. Allerdings: Am Ort der wundersamen Ereignisse war Hanauer nicht. „Ich gehe doch nicht zu diesem Blödsinn.“

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