Von Robin Detje, Iris Radisch, Christian Wernicke

Berlin

Am Dienstag dieser Woche ist das Büro der Intendanz im Berliner Ensemble leer. Die fünf Intendanten des Theaters – einer von ihnen ist der 64jährige Dramatiker Heiner Müller – haben sich zu einer Sitzung zurückgezogen, irgendwo und unerreichbar. Die Sekretärin des Büchner-, Kleist- und DDR-Nationalpreisträgers wehrt die Anrufe von Journalisten ab: keine Stellungnahme zu den Stasi-Vorwürfen gegen Müller vor Donnerstag. Aber was am vergangenen Sonntag abend, als der Beschuldigte dem „Spiegel-TV“ Rede und Antwort stand, noch Verdacht war, kann bewiesen werden: Heiner Müller war bei der Staatssicherheit der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem Decknamen „Heiner“ registriert.

Die Reaktionen der Ostberliner Kulturschaffenden auf die Vorwürfe gegen Müller schwanken von einem kaltblütigen „Das war doch schon lange klar“ bis zu einer schlichten Weigerung, sich mit weiteren Enthüllungen auseinanderzusetzen. Einer der bekanntesten Künstler allerdings, der seinen Namen nicht genannt sehen möchte, bevor er mehr Fakten über seinen Freund Heiner kennt, ist „ratlos und verzweifelt“. Was habe Müller im Fernsehen gesagt? Er habe mit Stasi-Offizieren „vernünftig reden können“, er habe „versucht, zu beraten und Einfluß zu nehmen“? Es sei unmöglich, sagt Müllers Freund, die Stasi zu beraten, ohne von ihr benutzt zu werden.

Ein Fax des Berliner Literaten Dieter Schulze an Zeitungsredaktionen hat Müllers Verbindungen mit der Stasi an die Öffentlichkeit gebracht. Wer kennt Dieter Schulze? Ein Dichter, der nie etwas veröffentlicht hat und dennoch keiner anderen Arbeit außer dem Dichten nachgeht. Dieter Schulze ist der Mann, der schon seit Jahren mit den Fingern auf des Müllers falsche Kleider zeigt, Müller mit offenen Briefen und Selbstgedichtetem verfolgt („das war nun Müllers großer Schiß, der die Theaterwelt aus den Angeln riß“) und der die Presse schließlich, keiner weiß, woher, mit Müllers Decknamen und Registriernummer versorgt hat.

Schutzes Wohnung im Ostberliner Friedrichshain ist eine Müller-Recherchezentrale, Computer, Fax, Zeitungsarchiv – eine Privatdetektei. „Schulze“, sagt Schulze, „hat das ganze Elend der DDR in sich.“ Und Müller „ist ein Kulturdirektor“, dessen Kapital das Schweigen sei und dessen Ruhm mit Stasi-Mitteln gefördert wurde. In den frühen achtziger Jahren soll Müller Schulze angeblich großzügig mit Ostmark versorgt haben, etwa 1500 Mark im Monat, 70 000 Mark insgesamt. „Mein Genie“, soll Müller Schulze-damals genannt und ihm seine Manuskripte (pro Seite zehn Mark) abgekauft haben.

Schulze, der Dichter ohne Schulabschluß, der jahrelang hospitalisiert war, glaubt, daß Müller eigentlich wie Schulze sein wollte: sozialistischer Bodensatz, Naturtalent, furios, rasend. Dennoch habe Müller ihm alles genommen, das eigene Leben, den Namen. Die Dokumente aus der Gauck-Behörde sollen das Verlorene zurückbringen.