Verwaltungsgericht Hamburg, Sitzungssaal 102. Die Tür geht auf. Aus dem Saal tritt Verwaltungsrichter Rüdiger Knauf: „Ich rufe auf...“ Der Mann sieht sich um und erkennt: wieder niemand da.

So geht es, mit wechselnden Namen, alle zehn Minuten. Dolmetscherin Jankovic streicht gelangweilt durch den Vorraum und hat um zehn Uhr morgens fast schon die Illustrierte, obwohl druckfrisch, durchgelesen. Warum kommt keiner? Die Kläger vertritt Rechtsanwalt Horst Römer.

Seine Mandanten sind Asylbewerber, fast ausschließlich jugoslawische Roma. Ihr Antrag auf politisches Asyl wurde abgelehnt, nun klagen sie gegen das Asyl-Bundesamt. An diesem Vormittag werden fünf „Römer-Sachen“ im Eiltempo verhandelt. Für eine Asylklage vor dem Verwaltungsgericht kann ein Anwalt bei Alleinstehenden 559,51 Mark und bei Ehepaaren 718,54 Mark berechnen.

Nicht doch! Anwalt Römer macht es billiger. Bei Anwalt Römer macht’s die Masse. Manchmal nimmt er hundert Mark, manchmal zweihundert Mark für eine Klage, die ihm nicht selten ein Mittelsmann bei der Sozialbehörde oder der Ausländerbehörde beschafft hat.

Sein Einsatz ist gering. Meist erscheinen weder Anwalt noch Mandanten vor Gericht. Wird dann ein Urteil gesprochen – fast immer die Ablehnung der Klage gegen das Bundesamt –, ist nicht einmal gesichert, ob die Kanzlei Horst Römer dem Mandanten den Bescheid auch zustellt. Es ist schon vorgekommen, daß Asylbewerber nichtsahnend bei der Ausländerbehörde vorsprachen, um ihre Duldung verlängern zu lassen und sofort in Abschiebehaft genommen wurden.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat aufgrund zahlreicher Beschwerden dafür plädiert, dem umtriebigen Rechtsanwalt die Vertretung in Asylverfahren zu untersagen. Das Ehrengericht der Anwaltskammer Hamburg fand, dies sei nicht nötig.

Unterdessen hat der Anwalt, für hilflose Asylbewerber immer zur Stelle, ein neues Arbeitsgebiet entdeckt. Er verfaßt, wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind und die Abschiebung ins Haus steht, Petitionen an das Landesparlament. Das letzte Mittel, das ein honoriger Anwalt, wenn es hochkommt, ein halbes dutzendmal in seinem Leben nutzt, das verfertigt Anwalt Römer im Dutzend billiger. Bei der Hamburger Bürgerschaft sind 1991 in Asylangelegenheiten 439 Petitionen eingegangen, 223 davon aus der Kanzlei Römer. Meist eine einzige DIN-A4-Seite, großzügig in der Orthographie und garniert mit dem Versprechen, das Attest für seinen kranken Mandanten werde „nachgereicht“. Vor einer Abschiebung hat er keinen abgelehnten Asylbewerber bewahren können.