Von Viola Roggenkamp

Wie ist die Stimmung danach? Am Morgen nach einer überaus erfolgreichen Premiere? Gedämpft. Sehr gedämpft. Gerburg Jahnke und Stephanie Überall, die beiden Kabarettistinnen und Schauspielerinnen, die sich zusammen „Theater Missfits“ nennen, haben in Berlin die Frauenbewegung mit großem Einsatz untergehen lassen. Begleitet von tosendem Beifall und anhaltendem Gelächter des vorwiegend weiblichen Publikums. „Frauen und Kinder zuerst“ heißt ihr neues Programm, mit dem sie bis Ende Mai in Deutschland auf Tournee sind. Die Szenerie ist der kenternde Vergnügungsdampfer Helene. Kein kabarettistisches Nummernprogramm wie gewohnt, sondern eher ein kabarettistisches Theaterspektakel.

Das Gespräch mit den beiden Künstlerinnen beginnt wie eine komische Einlage, gesprochen in dem gedehnten Ton, der allein im Ruhrgebiet zu Hause ist – genau wie die Missfits – und für den es überhaupt keinen Namen zu geben scheint. (Ruhrgebieterisch?) Ein auf den Vokalen singender und auf jedes Endungs-t hinzielender Dialekt, der akkurat sein will und dabei vornehm tut. „Es gibt keine Frauenbewegung mehr“, sagt Gerburg Jahnke, lehnt sich zurück und rührt ihren Kaffee zu schwerer See auf. „Es gibt nur noch Restbestände, verwaltet von Gleichstellungsstellenfrauen. Gemeinsame Interessen? Alles, was Frau ist, ist gut? Das verursacht ja Brechreiz bei einer aufgeklärten Frau! Schreib das auf!“ Im Ton ganz Chefin oder Frauenministerin Raff-Rödl von gellender Durchsetzungsfreude. Frauentypen aus dem Repertoire, Karikaturen von großer Komik, denn sie stimmen.

Aber bei Missfits gibt es keine Chefin. Sie sind ein Team und haben auch noch ein gemeinsames Interesse: „Nicht die Erwartungen bedienen. Dann werden wir langweilig.“ Für ein gutes Programm arbeiten sie hart. Sie schreiben ihre Texte selbst. Sie engagieren sich einen erfahrenen Regisseur, „und dann machen wir ihn fertig“. Wenn die Proben beginnen, „muß alles andere hinter der Tür bleiben, Tage, Liebeskummer, schlechte Laune“. Beginnt die Tournee, muß alles sitzen.

„Die Leute ham ja gestern, kann man schon sagen“, meint Gerburg Jahnke, „also, geklatscht. Nicht?“ Der Satz, kaum zu Ende gebracht, fällt unter den Tisch. Und wie ein mattes Echo antwortet Stephanie Überall: „Denen hat’s gefallen. Doch. Denk’ ich doch.“ Das Lächeln, das sie hinterherschickt, ist Ausdruck einer Abspannung, einer Flaute. Drei Stunden Programm vor restlos ausverkauftem Haus, begleitet vom Applaus eines anspruchsvollen Berliner Publikums, und jetzt: Stille. Stimmt da etwas nicht? Will man mit so viel Beifall rechnen, wenn man eine Bewegung, eine Idee, eine Hoffnung absaufen läßt? Oder kam das womöglich doch einem Trend entgegen, dem sich müde gewordene Feministinnen fügen? Stephanie: „Das Publikum hatte keine Aufmerksamkeit für Zwischentöne, für ernste Momente.“ Gerburg: „Die Spannung fehlte. Die fanden uns ja schon gut, bevor wir überhaupt angefangen hatten.“

Ein großes Problem! Die Missfits sind beliebt und werden prominent. Ihre Karriere hat begonnen. Zu Recht. Seit zehn Jahren gibt es sie. Seit etwa vier, fünf Jahren sind sie bekannt, über die Frauenbewegung hinaus, kein Geheimtip mehr unter Feministinnen, sondern zu Gast im Fernsehen und in der Lach- und Schießgesellschaft München, im Renitenz-Theater Stuttgart, im Kölner Senftöpfchen, in der Ufa Fabrik Berlin, bei Kampnagel in Hamburg. Der „Scheibenwischer“ hat sie jetzt eingeladen. „Ich habe die künstlerische Eitelkeit sehr wohl“, sagt Gerburg Jahnke, „gerade dort auftreten zu können.“ Dort treffen sie auf die großen Kolleginnen und Kollegen, auf Kabarett-Tradition, aber unter Umständen auch auf ein Publikum, das Missfits bis dahin noch nicht auszuhalten hatte (und umgekehrt).

Im Senftöpfchen war’s, in Köln: Auf der Bühne „Matta und Lisbeth“, inzwischen zwei Paraderollen von Überall und Jahnke, zwei Rentnerinnen, hoch in den Siebzigern, die sich auf einer Parkbank lauthals und vergnügt über ihr Sexleben unterhalten. Unten, im dunklen Zuschauerraum, ein Betriebsausflug, eine Versicherungsgesellschaft, die Chefetage, Versicherungsvertreter. Früher spielte Theater Missfits oft nur vor Frauen, heute fast ausschließlich vor gemischtem Publikum. „Es ist wichtig“, finden sie, „daß auch Männer zu uns kommen können. Wir haben denen was zu sagen!“