Donnerstag. Der Dichter (wäre er brandenburgischer Ministerpräsident, müßte er nicht zurücktreten) liest Kafka. In den Texten kommen auffallend viele ausgeweidete, sterbende, bei lebendigem Leib zerrissene Tiere vor, auch ein Rudel bedrohlich knurrender Schakale. Im Zuschauerraum des Berliner Ensembles sitzen auffallend viele Journalisten. Ein paar von ihnen haben dem Kafka lesenden Dichter Heiner Müller seine Stasi-Kontakte vorgeworfen. „Die Sage“, liest Müller, „versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.“ Das liest er und geht. Was man ihm vorwirft, scheint mehr als erklärlich und wenig sagenhaft zu sein: leider bloß menschlich.

Heiner Müller soll schon zu DDR-Zeiten gern mit seinem intimen Wissen pikanter Details aus dem Leben der alten Herren von Wandlitz geprotzt haben. Im Spiegel beginnt im Jahr 1982 ein Portrait über ihn mit dem Satz: „Er ist gern dabei.“ Er würde, soll Müller gesagt haben, mit jedem reden, wenn es nur Scotch gäbe. Jeder ist trotzdem manchmal einer zuviel.

Die Verteidigungslinie steht. Nicht jeder Kontakt mit der Stasi, betont eine Ostberliner Wochenzeitung, sei „per se verwerflich“ gewesen, Müller ein „loyaler Dissident“. Zwischen den Zeilen werden alte Legenden wach, von der Staatssicherheit als eigentlichem Hort der Perestrojka, als Urquell der Wende. Erich Mielke, Markus Wolf und Major Roßberg, will das sagen, wären die besseren Honeckers gewesen, und eine DDR unter Mielke-Wolf-Roßberg am Ende doch noch das bessere Deutschland. Schöne neue, alte Welt.

Die wahren Dissidenten waren die Agenten. Und Moral ist bloß ein dekadentes Wort. Gerade fliegt Honecker in weite, blaue Fernen, da verwandelt sich Müller auf der Bühne steinschwer in des Staatsratsvorsitzenden spätes, müdes Ebenbild – ein Fall von Seelenwanderung. Über die Jahre, heißt es, fangen Hundebesitzer an, ihren Haustieren ähnlich zu sehen. Wer war hier Hund, wer Herrchen? Die Akten schweigen (und kläffen dabei, schweigend). Sie zum Sprechen zu bringen wäre nichts, worauf man stolz sein könnte.

Er sei es gewohnt, verleumdet zu werden, erklärt Müller, „früher vom Neuen Deutschland, heute von der ZEIT“. Die Westpresse war’s. Der Überbringer der schlechten Nachricht hat an allem Unglück schuld. Die Westpresse kann, was sie enthüllt, nicht verstehen (denn sie weiß nicht, wie es DAMALS war). Aber gleichzeitig hat sie alles bloß erfunden. Jahrelang mißbraucht der Vater hinter hohen Mauern seine Tochter, und jetzt sagt das Mädchen dem Reporter an der Tür, er könne das alles nicht verstehen, er gehöre ja nicht zur Familie. Und noch der letzte Kinderschänder sei ihr lieber als der erste Westreporter.

Geschlossene Gesellschaft. Noch der letzte Westreporter merkt, wenn er unerwünscht ist. In der Kantine des Berliner Ensembles muß er froh sein, wenn er bloß demonstrativ photographiert und nicht auch noch erkennungsdienstlich behandelt wird. Um den Tisch sitzen einige der zahlreichen Intendanten des Hauses wie ein starres Ensemble marmorner Statuen – eine Fata Morgana, eine späte Spiegelung des Politbüros. Staub rieselt aus ihren Haaren. Marmorstaub, immerhin.

Die Mauer steht, das Selbstmitleid bei Fuß (und niemand steht, was wenigstens ein origineller Einfall wäre, Kopf). An der Theaterpforte hängt ein kleines, rotes Schild: „Bitte nicht stören!“

Robin Detje