Von Iris Radisch

Es gibt wieder eine Debatte. Und keiner weiß, worum sie geht. Heiner Müller vergleicht die ZEIT, die Müllers Stasi-Verwicklungen belegt hat, mit dem Neuen Deutschland. Ein FAZ-Kolumnist sekundiert Müller in einem grandios nichtrecherchierten Kommentar voller Fehler und falscher Behauptungen. Die Leitung des Berliner Ensembles denunziert die Berichterstattung der ZEIT als „widerlich“, der Ostberliner Freitag bezichtigt die Westmedien der „Unfähigkeit, sich auf die Geschichte einzulassen“, und unterstellt ihnen „auflagensteigemde Urteile“. Der Osten mauert. Das Feuilleton kämpft Hahnenkämpfe.

Auf dem Tisch liegen Karteikarten, Vorgangshefte und Quittungen, die beweisen, daß die Staatssicherheit Heiner Müller zehn Jahre lang als Inoffiziellen Mitarbeiter „Heiner“ geführt hat. Die Akte ist verschwunden, wie damals im Fall Sascha Anderson. Den Vorgangsheften ist zu entnehmen, daß es neben dem üblichen Personalband einen Aktenteil mit „Berichten“ des Mitarbeiters gegeben haben muß.

Anders als bei Anderson, dessen Berichte sich aus den sogenannten Opferakten, den Akten der bespitzelten Freunde und Kollegen, dokumentieren ließen, tauchen die Berichte des Mitarbeiters Müller in den Opferakten bisher nicht auf. Weder über Klaus Schlesinger, der seine Akte bereits vollständig gelesen hat, noch über Sarah Kirsch und Gunter Kunert hat IM „Heiner“ offenbar berichtet. Selbst in der Akte des Ostberliner Dichters Dieter Schulze – der sich von seinem Förderer und Mentor verraten glaubt und deshalb der Presse Müllers Registriernummer gab (die im ZEIT-Kommentar der letzten Woche statt der um eine Stelle abweichenden realen Registriernummer genannt wurde, entsprechend dem Informationsstand zum Redaktionsschluß des Feuilletons) – gibt es keine Berichte des informellen Mitarbeiters „Heiner“. Das ist alles, bis jetzt.

Unterm Tisch beginnt der Streit. Während der Spiegel den Abdruck der Stasi-Karteikarte im Fall Anderson vor vierzehn Monaten noch zum finalen Beweis hochstilisierte, spielt die FAZ dieselbe Karte im Fall Müller zum „Gerücht“ herunter, verwechselt alle Fakten und phantasiert davon, daß im Fall Anderson eine Akte vorhanden und Spitzelberichte publik seien. Das Feuilleton spielt wieder Stasi und Gendarm. Hilflos, eitel und schlecht. Da wollen wir mitspielen.

Das Problem sind die Regeln. Die Beweiskraft der Stasi-Karteikarten ist umstritten. Ein Urteil im Fall Anderson war erst möglich, nachdem die Spitzelberichte im Detail untersucht wurden (ZEIT Nr. 5/1992) und nach Befragung der Bespitzelten Anderson eindeutig zugeschrieben werden konnten. Über Heiner Müller darf man, solange solche Berichte nicht auftauchen, kein letztes Urteil fällen. Denn es mag Fälle geben, in denen die Stasi von „Zusammenarbeit“ sprach und der Inoffizielle Mitarbeiter nur „kulturpolitische Gespräche“ meinte. Dennoch gilt das Diktum der Gauck-Behörde, nach dem niemand von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter geführt wurde, der – auch ohne den Begriff IM zu kennen – nicht das tat, was der Begriff meint: das Ministerium für Staatssicherheit als Gesprächspartner zu akzeptieren und über die Gespräche Stillschweigen zu bewahren. Zumindest diese Bedingung hat Heiner Müller erfüllt, sonst wäre seine Akte, wie viele andere vor dem Herbst 1989, geschlossen und archiviert worden.

Auch die in der FAZ angestellte Spekulation, Müller müsse ein wenig vielversprechender Spitzel gewesen sein, da er in der Bezirksverwaltung Berlin und nicht in der Hauptabteilung geführt wurde, ist ein mutwilliger Umkehrschluß. Zwar wurden viele bedeutende IMs in der Hauptabteilung geführt, das heißt aber nicht, daß es sie nicht auch in den Bezirksverwaltungen gab (Lothar de Maiziere beispielsweise wurde in derselben Bezirksverwaltung wie Müller geführt). Die von der FAZ erfundene Beschränkung des Einsatzes des IM „Heiner“ auf die DDR geht aus den Karteikarten nicht hervor. Im Gegenteil: Ein Arbeitsplan der Stasi aus dem Jahr 1981 belegt, daß IM „Heiner“ auch im „kapitalistischen Ausland“ eingesetzt werden sollte. Klar in diesem unklaren Fall ist eins: Nach den Kriterien der Staatssicherheit war Heiner Müller ein vollwertiger IM, bis zuletzt. Die Treffen in einer konspirativen Wohnung mit Führungsoffizier Girod hat Müllers ehemaliger Kollege Dieter Klein bestätigt.

Was das zu bedeuten hat, darüber sind die Meinungen geteilt. Während Autoren wie Günter Kunert und Sarah Kirsch darauf bestehen, „daß niemand mit der Stasi reden mußte“, solche Gespräche sogar als Verletzung eines grundsätzlichen menschlichen und intellektuellen Ehrenkodexes betrachten, sprechen andere von alltäglichen Begegnungen und normalen Verkehrsweisen innerhalb des undurchsichtigen Zuständigkeitssystems der DDR. Ohne weitere Dokumente wird sich der Verdacht gegen Heiner Müller weder erhärten noch zerstreuen. Das ist die Lage. Der Skandal liegt woanders. Der Skandal ist der Krieg der Köpfe, ist der Graben zwischen den West- und den Ostmenschen. Zwar wurde das Stasi-Unterlagengesetz von der ostdeutschen Volkskammer fast einstimmig gebilligt und später im Bundestag besonders von ostdeutschen Abgeordneten durchgesetzt. Trotzdem verläßt sich ein Teil der ostdeutschen Intellektuellen in allen Fragen der DDR-Vergangenheit allein auf den menschlichen Verteidigungs- und Hausmeisterreflex.

Heiner Müller hat in seiner Presseerklärung dazu aufgerufen, zwischen Wahrheit und Wirklichkeit zu unterscheiden. Nicht die nackten Fakten, sondern ihre historische Rolle, nicht die konkreten Dokumente, sondern ihre übertragene Bedeutung im ideologischen Ganzen der DDR sollen zählen. Und in der Tat hat sich die Diskussion um Müllers Stasi-Gespräche von der faden Recherche im Aktenberg, der dürftigen, realen Faktenlage befreit, noch bevor sie begann. Im freien Spiel der interpretierenden Kräfte gibt es keinen Ort, an dem eine Tatsache eine Tatsache ist. Und das heißt: In der Stasi-Debatte gibt es in Wahrheit keine Wirklichkeit und in Wirklichkeit keine Wahrheit. Von Moral gar nicht zu reden. Niemand kann in dieser Debatte recht haben, solange es für dieses Recht keinen Grundlagenvertrag gibt, solange jede Tatsache nur so viel wiegt wie ihre wechselnde politische Bedeutung, solange Ostmensch und Westmensch keine gemeinsame Sprache sprechen.

Warten auf den Grundlagenvertrag. Nie sah es schlechter aus als heute. Was mit der hochmögenden Auseinandersetzung über die Prosa Christa Wolfs begann, in der fachmännischen Debatte über den Urin der Katrin Krabbe gipfelte, ist nun im Schlagabtausch um die Karteikarten des Heiner Müller endgültig auf den Schäferhund gekommen. Die deutsch-deutsche Völkerverständigung ist gescheitert. Ostdeutsche Wahrheit und westdeutsche Wirklichkeit, kollektive, ideologische Verklärung und individuelles, moralisches Rechtsempfinden lassen sich nicht vereinbaren. Wenn der Westmensch von der Wirklichkeit einer konkreten Handlung redet, träumt der Ostmensch von deren dialektischem Beitrag zum sozialistischen Endziel der Geschichte. Der Westmensch redet von Urinwerten oder Registriernummern, der Ostmensch, wie Müller in „Spiegel TV“, hält das für eine planmäßige „Auslöschung der DDR-Geschichte“. In der westdeutschen Wirklichkeit hat Heiner Müller bisher über seine Stasi-Gespräche geschwiegen, nach ostdeutscher Wahrheitslehre hat er damit nicht sich, sondern die DDR geschont. So sollten die Teile seiner kürzlich erschienenen Autobiographie, die von den Stasi-Gesprächen berichten, nach Müllers Willen nicht erscheinen, um das posthume Bild der DDR nicht weiter zu demontieren und die „Wonnen des gewöhnlichen Antikommunismus“ nicht zu befördern. Eine volkspädagogische Entscheidung also. Arbeit am Mythos.

Die Mauer, die Ost- und Westkopf trennt, ist der verbale Schutzwall, mit dem sich die verschwundene DDR ein zweites Mal, diesmal vor dem ideologischen Zusammenbruch, schützt. Heiner Müller spielt die Rolle des geistigen Landesvaters, der im Namen der schwierigen, größeren Sache über seine persönlichen Verstrickungen nicht spricht. Der Dichter, der angeblich alles zu Material machte, alles als Material benutzte, ist zum Ideologen geworden. „Ich beginne zu begreifen“, schreibt Heiner Müller in seiner Presseerklärung, „daß es die wirklich geheime Funktion der Staatssicherheit war, dem Nachfolgestaat Material gegen potentielle Staatsfeinde zu überliefern. Der Rechtsstaat als Vollstrecker des Stasiauftrags.“

Jenseits der Mauer, in den totalitären Träumen der intellektuellen Volksfürsorger, beginnt ein rhetorisches Niemandsland des Verdachts und der Paranoia, in dem es keinen Maßstab, kein verbindendes ost-westliches Kriterium mehr gibt. In diesem Land darf man Müller nicht mit kleinen, blöden Stasi-Quittungen kommen. In diesem Land, in dem es noch immer darum geht, „dem Druck des härteren, strengeren Lebens standzuhalten“, spielt Müllers gehobene Version der Konspiration keine Rolle. Deswegen trifft die Kritik an Müller für Müller nicht Müller, sondern die gesamte DDR-Geschichte. Und deswegen hält er diejenigen für die Stasi, die von der Stasi reden, egal, ob in Wirklichkeit oder in Wahrheit.

Der Fall Heiner Müller zeigt, wie tief selbst die klügsten Ostköpfe inzwischen im Sand stecken. Sie träumen von einer post festum ideologisch gesäuberten DDR und verteidigen ihren Traum, ihre Wahrheit furios gegen die Wirklichkeit. Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein! Die Denkfalle, die uns alle gemeinsam in kleinlichen Quittungsrecherchen waten läßt, besteht in dem wackeren Pioniersglauben, nach dem jeder, der den Sozialismus kritisiert, den Kapitalismus stärkt. Das Schweigen über die Stasi mutiert in dieser aparten Dialektik zum Angriff auf Kohl. Die klamme Verteidigung der DDR zur feurigen Attacke auf die westliche Wirtschaft. Schön und übersichtlich, aber werch ein Illtum.

Der Streit ist zu Ende und hat noch gar nicht begonnen. Im Krieg der Köpfe prallen alle Worte aneinander ab und werden auch durch keinen noch so herrschaftsfreien Diskurs zusammenwachsen. Was nicht bleibt, stiften die Dichter.