Von Karl-Heinz Janßen

Nach Hoyerswerda, Rostock und Mölln kommt ein Buch gerade zur rechten Zeit, das von einem ungewöhnlichen Dorfe in der Nordwestecke Deutschlands handelt, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg diffamiert wurden und deren Sippen im „Dritten Reich“ sogar der Lebensfaden abgeschnitten werden sollte: Deutschenfeindlichkeit im eigenen Land.

Noch heute glaubt fast jeder Ostfriese, die Leute von Moordorf – einer ehemaligen Kolonistensiedlung zwischen Aurich und Emden – stammten von Zigeunern, Sträflingen und anderen „Landfremden“ ab, die der Alte Fritz im Moor angesiedelt habe. Angeblich lebten dort besonders viele Messerstecher, Kriminelle, „Asoziale“, „Kommunisten“, Sonderschüler, Alkoholiker und Fußballrowdys. Ähnlich wie von den wirklichen Zigeunern fühlten sich die anderen von den Moordorfern bedroht, waren zugleich aber insgeheim fasziniert von ihrem exotischen Anderssein.

Den Wahrheitsgehalt und die Ursachen dieses schlechten Rufs zu erforschen und das Bild des wahren Moordorfs hervorzuholen hatte sich der Oldenburger Journalist und Politologe Andreas Wojak vorgenommen. Das Ergebnis mehrjähriger Forschungen in den Archiven und am Orte, wo er mehr als sechzig Menschen befragt hat, ist eine verständliche, spannend zu lesende sozialhistorische Studie, ein nach Methode, Inhalt und liebevoller Ausstattung rundum schönes Buch.

Generationen von Moordorfern haben unter den Fehlentscheidungen der preußischen Kriegs- und Domänenkammer im 18./19. Jahrhundert gelitten. Da die innere Kolonisation des moorreichen Ostfrieslands für Preußen ein lohnendes Unternehmen war – bis zu 200 000 Taler jährlich flössen nach Berlin –, war man anfangs bei der Landvergabe viel zu leichtfertig: willkürlich die Auswahl der zumeist mittellosen Siedler – Zigeuner waren’s nicht; viel zu klein die Kolonate, so daß sich der Boden schnell erschöpfte. Die Menschen konnten bald ihre Erbpacht nicht mehr bezahlen und versanken in Armut.

Moordorf war das kinderreichste und zugleich ärmste Dorf Deutschlands; die Familien lebten in winzigen Lehmkaten, in denen oft drei, vier Kinder in einem Bett schliefen. Bis in den November gingen die Kinder barfuß. Da sie früh mitarbeiten oder betteln gehen mußten, hatten sie für die Schule kaum Zeit; danach verdingten sich die Jungen als Knechte, die Mädchen als Mägde oder Dienstbotinnen. Manche Moordorfer verdienten sich ihre Groschen als Mattenflechter und Bürstenbinder, die noch Ärmeren verlegten sich aufs Hausieren oder auch aufs Stehlen.

Es gab deutliche Klassenunterschiede; ganz oben ein paar Ladenbesitzer, Handwerker, Bauern, dazu Lehrer, Arzt und Pastor; dann die ins Proletariat abgesunkenen Kolonisten, hart arbeitende, redliche und freundliche Menschen; schließlich die Nichtangepaßten, die von den arbeitsamen Dörflern als arbeitsscheu oder asozial betrachtet wurden, obwohl keineswegs alle dem Alkohol verfallen oder auf Abwege geraten waren.

In der Weimarer Republik galt Moordorf als Hochburg der Kommunisten, die bei Reichs- und Landtagswahlen bis zu sechzig Prozent der Stimmen bekamen, doch im Gemeinderat, wo Persönlichkeit mehr zählte als die Partei, kamen sie nur auf ein Drittel. Kommunismus hieß für die Dörfler einfach, daß einer dem andern zu helfen und jeder die Wahrheit zu sagen habe. Wie überall wurden auch hier die Genossen nach 1933 hart verfolgt. Die Nationalsozialisten krempelten die Dorfgesellschaft um. Sie gaben kleinen Leuten das Gefühl, zum erstenmal in ihrem Leben wichtig genommen zu werden; sie holten die Arbeitslosen in die Rüstung, kümmerten sich um die Kinderreichen und ersetzten die Moorkaten durch Steinhäuser.

Für die Rassefanatiker der SS war Deutschlands ärmstes und verrufenstes Dorf gerade das richtige Experimentierfeld. Der Berater des Reichsbauernführer Darré, der gelernte Tierzüchter Horst Rechenbach – er hatte das Rasse- und Siedlungsamt der SS aufgebaut –, unterwarf die gesamte bodenständige Dorfbevölkerung – 521 Familien – einer erbbiologischen Bestandsaufnahme. Die Prüfkategorien sprechen für sich, zum Beispiel „Alkoholismus“, „schwache Begabung“, „Hilfsschüler“, sogar „Verschuldung“. Unter „Psychopathen“ verstand Rechenbach „konstitutionelle Hetzer, Nörgler, Brutale, Stimmungslabile, Reizbare und Streitsüchtige“. Und in die Kategorie „Kriminalität“ gehörten für ihn auch kommunistische „Hochverräter, Funktionäre, Hetzredner“. Die Moordorfer KPD war laut dieser Untersuchung nichts weiter als „arbeitsscheues, asoziales und vorbestraftes Gesindel“.

Das im ganzen Reich publizierte Ergebnis war ungeheuerlich: Mehr als zwei Drittel der Dorfbewohner seien derart minderwertig, daß Nachkommen unerwünscht wären. Rechenbach fühlte sich in seinem Vorurteil bestätigt: Wegen der minderwertigen Uransiedler („gehäufte Ausschußerbmasse“) sei Moordorf eine „Landplage“ geworden, welche „die ganze Umgegend verpestet“. Der „Schandfleck“ müsse mit eiserner Härte beseitigt werden. Tatsächlich hatten die Nationalsozialisten, als sie nach den Eroberungen in Polen und Rußland den Generalplan Ost ausarbeiteten, die Um- und Aussiedlung der Moordorfer vorgesehen. Ihre Funktionäre drohten den Einwohnern, sie kämen alle nach Sibirien. Etliche Großbauern aus der Umgebung sollen bereits die Gemarkung unter sich aufgeteilt haben.

Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, gäbe es Moordorf nicht mehr. Andererseits hat gerade der Krieg verhindert, daß die Hälfte der Bevölkerung auf den Operationstisch kam. Insgesamt wurden von 1934 bis 1943 fünfzehn Männer und elf Frauen im Alter zwischen 16 und 34 Jahren zwangssterilisiert, also nur fünf Prozent der vom Reichsnährstand als „anbrüchig“ bezeichneten Bewohner. Dies geschah aufgrund des verbrecherischen Sterilisationsgesetzes vom Juli 1933, dessen Vorgeschichte schon im Kaiserreich einsetzte.

In Moordorf genügten hingeworfene Bemerkungen des Bürgermeisters, des Superintendenten, des Arztes oder Lehrers, jemand sei „geistig schwach begabt“, „verloddert“, „arbeitsscheu“, habe ungenügende Allgemeinkenntnisse, um in das Fangnetz der Erbgesundheitsfanatiker zu geraten. Doch wider Erwarten machten die Juristen Schwierigkeiten: Die übliche Diagnose „angeborener Schwachsinn“ ließen sie nur gelten, wenn außerdem noch eine der angeblichen Erbkrankheiten vorlag. Deshalb fand kurz vor Kriegsbeginn in Aurich eine hochrangig besetzte Expertenkonferenz statt, die sich überlegte, wie man das Gesetz um die Kriterien „Sippenbelastung“ und „Lebensbewährung“ erweitern könne, damit man auch gesunde „Asoziale“ unfruchtbar machen konnte. Als Scharfmacher tat sich auch hier der Berliner Kriminalbiologe Robert Ritter hervor, eben jener, der die „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für den Völkermord an Sinti und Roma geliefert hat.

Welch lebenslangen seelischen Verwundungen der mörderische Unsinn der pseudowissenschaftlichen Rassehygieniker bei den Opfern anrichtete, hat Wojak in seinen Interviews bloßgelegt. Viele ließen den damals nicht ungefährlichen Eingriff hilflos über sich ergehen, wußten oft gar nicht, was ihnen da geschah. Allein dieses Kapitel macht Wojaks Buch zu einer der bedeutsamsten Publikationen in der noch jungen Erforschung der NS-Sterilisations- und -Euthanasiepraxis. Zum erstenmal wird hier eine Erbgesundheitsakte im Faksimile veröffentlicht (die Namen sind getilgt).

Heute ist Moordorf ein Dorf wie jedes andere. Aus der KPD-Hochburg wurde eine SPD-Domäne, und das Wirtschaftswunder erreichte eines Tages auch diese Region. Das Elend der Vergangenheit läßt sich nur noch im Freilichtmuseum erahnen, das jährlich von Zehntausenden Touristen aufgesucht wird. Die Bewohner haben, darin ihren Volksgenossen im ganzen Deutschland nicht unähnlich, gleich ob Opfer oder Täter, die Vergangenheit erfolgreich verdrängt. In Wojaks Buch könnten sie das Gruseln wieder lernen: Wir sind noch einmal davongekommen...

  • Andreas Wojak:

Moordorf

Dichtung und Wahrheit über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland; Edition Temmen, Bremen 1992; 324 S., Abb., 32,– DM