Von Kurt Leube

„Das Wesen der Staatstätigkeit ist, Menschen durch Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung zu zwingen, sich anders zu verhalten, als sie sich aus freiem Antriebe verhalten würden.“

Ludwig von Mises

Die zweite Auflage von Ludwig von Mises’ Buch „Die Gemein Wirtschaft“ löste 1932 eine derart hitzige Diskussion aus, daß sie in die Geschichte ökonomischer Lehrmeinungen als die „Sozialismus-Debatte“ eingegangen ist. Sieger waren aber nicht die großen sozialistischen Theoretiker wie Oskar Lange, Abba Lerner oder Henry D. Dickinson, sondern zwei Österreicher: Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek. Ihre Argumente erschütterten bereits damals nachhaltig die Hypothesen der Sozialisten und zwangen die Theoretiker zur Aufgabe ihrer wichtigsten traditionellen Positionen.

Der polnische Ökonom Lange mußte zerknirscht die Unmöglichkeit sozialistischer Wirtschaftsrechnung eingestehen und erfand als Kompromiß einen „Konkurrenz-Sozialismus“. Außerdem schlug er vor, daß „als ständiges Mahnmal der Notwendigkeit korrekter Kalkulation die Sta- – tue von Professor von Mises einen prominenten Platz in der Ehrenhalle des Ministeriums für Verstaatlichung oder der zentralen Planungsbehörde des sozialistischen Staates haben sollte“.

Ludwig von Mises wurde am 29. September 1881 als Sohn eines Eisenbahningenieurs in Lemberg (Lvov), in einem heute ukrainischen Winkel der österreichisch-ungarischen Monarchie, geboren. Nach Abschluß des Akademischen Gymnasiums in Wien begann er 1900 sein Jurastudium an der Wiener Universität. Bald wandte er sich jedoch dem Gedankengut der österreichischen Schule der Nationalökonomie zu – vor allem unter dem überragenden Einfluß der Lehren Carl Mengers, Friedrich von Wiesers und Eugen von Böhm-Bawerks. Deren methodologischer Individualismus und Subjektivismus – und die daraus zwingend folgende Erklärung aller Werte als eine Funktion des subjektiven Grenznutzens – bedeuteten damals einen revolutionären Durchbruch. Böhm-Bawerk zog in seinem berühmten Seminar bereits die dritte Generation von Ökonomen dieser Schule heran, deren wichtigster Vertreter Mises wurde. Aus diesem Seminar gingen aber auch so unterschiedliche Persönlichkeiten wie der radikale Austro-Marxist Otto Bauer oder Joseph A. Schumpeter hervor.

Seine eigentliche Berufslaufbahn begann Mises 1909 als Konzipient bei der Handelskammer in Wien. Dort wurde er nach dem Ersten Weltkrieg zum leitenden Ökonomen befördert. Dieser Stellung blieb er, neben seiner unbezahlten Privatdozentur an der Universität Wien, treu, bis er 1934 seiner Berufung ans Institut Universitaire des Hautes Etudes Internationales in Genf folgte. In dieser Zeit beriet Mises immer wieder die österreichische Regierung und mehrere Notenbankpräsidenten. Seine umfassende Sachkenntnis war unbestritten, seine analytische Gabe hoch respektiert; begriffen oder gar befolgt aber hat man seinen Rat selten.