Von Reiner Luyken

Llangybi – das sind ein, zwei Dutzend Häuser an der A 485 von Lampeter nach Tregaron. Auf den Hügeln hinter dem Dorf liegen verstreut behagliche Einödhöfe, die malerische Kulisse des immergrünen Wales. An einem Ortseingang steht ein karges Gotteshaus, die Presbyterianerkirche, am anderen die Bethalle der Methodisten. In der Dorfmitte ist die Post und ein paar Schritte weiter, auf der anderen Straßenseite, der Dorfladen.

Der Laden ist geschlossen. Im Fenster hängt das letzte Monatsprogramm des Kinos in Lampeter aus. Die Regale hinter dem Glas sind leer. Die Aushangbretter der Western Mail und des Carmarthen Journal neben der Eingangstür sind unbestückt, als ob es keine Neuigkeiten mehr gäbe. Eine eigentümliche Stille liegt um das Haus, fast als ob die Pest sich darin eingenistet hätte.

Im November letzten Jahres erhielt der Gemischtwarenhändler Ray Sutton aus Llangybi einen Brief folgenden Inhalts: „Sie sind ein englischer Siedler. Sie sind ein Rassist und antiwalisisch eingestellt. Sie stehen auf unserer schwarzen Liste. Wir geben Ihnen Zeit bis zum 1. März, dann müssen Sie aus Wales verschwunden sein. Andernfalls werden Sie unsere Rache zu spüren bekommen. Sie werden nicht mehr wagen, Atem zu schöpfen. Wir beobachten Sie jeden Tag.“ Der Brief war auf walisisch abgefaßt. Er schloß mit einem englischen Satz, „Weg mit imperialistischem Abschaum“, und war unterzeichnet: MG.

MG steht für Meibion Glyndwr, „Söhne des Glendower“. Glendower, walisischer Aristokrat und Persona dramatis in Shakespeares „Heinrich IV.“, revoltierte im Jahr 1400 gegen die englische Oberlehnsherrschaft. Mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte später nehmen seine selbsternannten Söhne den Kampf wieder auf – nicht als Guerillakrieg gegen die Krone, sondern als Brandkampagne gegen unliebsame Nachbarn: ethnische Säuberung auf walisisch. Ein Dutzend Engländer stehen auf schwarzen Listen, die Meibion Glyndwr dem walisischen Rundfunk mit der Bemerkung zuschickte: „Wenn diese Leute das Land zum festgesetzten Termin nicht verlassen, werden wir sie aus ihren Häusern brennen. Das englische Krebsgeschwür gehört ausgemerzt.“

Ray Sutton steht auf der Liste, weil er sich vor einem Jahr weigerte, einen auf walisisch abgefaßten Aushang des örtlichen Jungbauernverbandes in seinem Ladenfenster auszuhängen. Er bestand auf einem zweisprachigen Plakat, walisisch und englisch. Die Realität steht auf seiner Seite. Llangybi liegt in einer gemischtsprachigen Gegend. Doch jeder Angriff auf das walisische Erbe – als solcher wurde seine Weigerung empfunden – gilt dieser Tage als Sakrileg. Die keltische Sprache ist Manifestation walisischer Identität und Ersatz für eine von der Geschichte vereitelte Grenzziehung gegen England. Der Dorfknatsch sprengte alle Proportionen. Die Jungbauern demonstrierten vor Suttons Laden. BBC Wales schickte ein Kamerateam. Die Western Mail, führende Tageszeitung des Landes, berichtete. Sutton stand als Volksfeind da.

Nach Erhalt des ominösen Briefes erklärte der verfemte Ladenbesitzer zwar standhaft: „Ich lass’ mich nicht vertreiben. Ich habe ein Recht, wo immer im Vereinigten Königreich es mir beliebt zu leben. Darauf bestehe ich.“ Doch Anfang Dezember merkte er, „daß die Uhr unaufhörlich tickt. Der 1. März rückt immer näher.“ Die Dörfler mieden zunehmend sein Geschäft. Eine Mauer des Schweigens legte sich um das verdammte Haus. Das Schweigen ergriff auf einmal auch die Medien. Kurz nach Weihnachten machte Ray Sutton seinen Laden zu. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt er, „ich will weg. Ich will vergessen.“