Von Viola Roggenkamp

Auf dem Weg zum Flughafen kehrte ich noch einmal um. Die Zeit drängte, aber das war wichtiger. Ich zog den knallroten Pullover aus und statt dessen einen dunkelblaugrünen an. Die Malerin Sarah Haffner befindet sich in ihrer blauen Periode. Und das schon seit Jahren. Mein roter Pullover hätte unser Gespräch empfindlich gestört.

Zur verabredeten Zeit klingele ich in Berlin an ihrer Tür. „Pünktlich wie die Maurer!“ schallt ihre silbrigblau klirrende Stimme lobend aus der Sprechanlage. Sarah Haffner ist nicht nur Künstlerin, sie ist auch Preußin. Im Hinterhaus oben angekommen, öffnet sie mir die Tür zu ihrer Wohnung. Blau. Alles. Wir gehen durch die Räume: das Bett, die Vorhänge, der Aschenbecher, die Regale. Gewiß, manche Bücherrücken sind nun einmal wirklich rot oder gelb. Aber sonst? Und wissen nicht auch viele rote und gelbe Farbtöne von einem gewissen Blau? Genau wie ihre riesigen Bilder, durch die man hätte weitergehen können. Ins Blaue hinein. Realistisch gemalt. Überlebensgroße Gesichter. Landschaften und Körperlandschaften, Häuser ausschnitthaft.

Der Teppich, die Zahnbürste im Glas, Tische und Stühle blau im blauen Türrahmen, und Sarah Haffner. Ihr Pullover, ihre Hosen, ihre Schuhe – blau und türkis. Wo ist sie? In diesem blauen Suchbild habe ich die Künstlerin aus den Augen verloren. „Laß uns frühstücken“, sagt sie. Ich drehe mich um. Sie steht hinter mir. Wir gehen in die Küche und setzen uns an den gedeckten Tisch. Der Eierlöffel ist hellblau. Von hinten aus der Wohnung ist jiddische Klezmer-Musik zu hören. „The Dance of Joy“. Sarah Haffner ist nicht nur Preußin, sie ist auch Jüdin. „Ich bin anderthalb Personen. Ich bin halb deutsch, halb englisch und halb jüdisch.“ In dieser Reihenfolge.

„Denkst du auch schon daran? Ans Auswandern?“ Das hatte sie mich vor wenigen Wochen gefragt, bei unserer letzten Begegnung. Wieder ist meine Antwort dieselbe: Ja. Aber das ist auch alles..“ Sie nickt und dreht sich eine Zigarette. Sarah Haffner lebt seit fast vierzig Jahren in Berlin. „Ich bin hier noch zur Schule gegangen, habe hier studiert, habe hier meinen Sohn bekommen, lebe seit über dreißig Jahren in meiner Wohnung, habe hier meine ältesten Freundschaften, habe mich in der Studenten- und in der Frauenbewegung engagiert, bin hier Großmutter geworden, habe hier in verschiedenen Berufen gearbeitet, habe den Bau und den Fall der Mauer erlebt.“ So hat sie es jetzt aufgeschrieben für ein bei Fischer erscheinendes Buch über deutsche Ausländer.

„Laß uns gleich von deinem Vater sprechen“, schlage ich vor. „Dann haben wir ihn hinter uns.“ Sarah Haffner zieht die Brauen hoch und lacht. Sie kichert. Übermütig, fast ein wenig boshaft. Und genau darin erinnert ihr Lachen an ihn, an ihren Vater. Sebastian Haffner, Publizist, Autor historisch-politischer Bücher, die zu Bestsellern wurden, Heine-Preisträger, einst nahezu Stammgast bei Werner Höfers Fernseh-Frühschoppen und vielen vertraut als stern-Kolumnist. Er „dramatisierte und trieb die Gegensätze auf die Spitze“, das sei die Aufgabe des Journalisten, so war es über Haffner vor fünf Jahren in der Süddeutschen Zeitung zu seinem 80. Geburtstag zu lesen.

Sarah Haffner ist ihrem Vater ähnlich. „Wirklich?“ Zumindest äußerlich. „Ach.“ Man kann es auch anders sagen: Es sind an der Tochter die weiblichen Anteile des Vaters zu erkennen. „Vielleicht sieht er dir ähnlich?“ Für die Tochter ist es „doppelt schwer“, einen bekannten Vater zu haben. „Als Frau bist du immer Anhängsel. Aber du bist schon mal die Tochter von ihm. Sich dagegen zu behaupten? Wir sind beide dünnhäutig wie dickköpfig. Er ist gegangen, wenn’s ihm nicht mehr gepaßt hat. Das habe ich von ihm gelernt. Mehr möchte ich zu uns nicht sagen.“ Und dann erzählt sie eine Geschichte.

Sarah sieben, acht Jahre alt, der Vater neben dem Grammophon sitzend, ganz versunken und streng konzentriert. Schellackplatten, 78 Umdrehungen. Streichquartette. „Ich trat leise herzu und durfte bleiben. Als ich neun Jahre alt war, nahm er mich zum erstenmal mit in ein Konzert am Red Lion Square. Das Amadeusquartett spielte. 1949 in London. Schuberts Quartett mit dem Rosamunde-Thema. Die Leute standen, so voll war es. Und ich dazwischen mit meinem Vater hinter mir. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt.“

Die Eltern verließen Deutschland 1938: Erika Haffner, Sarahs Mutter, ist Jüdin. Sie gehen nach England. 1940 wird Sarah in Cambridge geboren. 1954 kehrt die Familie zurück, nach Berlin. „Mein Vater wollte es so. Das war meine Emigration. Raus aus England, nach Deutschland. Deutsch war die Zanksprache meiner Eltern, denn wir Kinder sprachen nur Englisch und sollten nichts verstehen.“ Eine zischelnde, trockene Sprache. Sarah Haffner schreibt später Gedichte auf deutsch.

In England war sie das Kind deutscher Einwanderer. In Deutschland wurde sie „ganz Engländerin“. Jüdisch war für sie ihre Mutter. „Ich nicht. Das hing ja mit dem Schrecklichen zusammen, was ihr passiert war. Die traumatischen Geschichten meiner Eltern.“ Jüdisch ist Sarah Haffner in Deutschland geworden, „durch antisemitische Erfahrungen“. Sie hatte nicht gewußt, daß sie es schon immer war. „Anders sein. Auch Frau sein ist anders sein. Wer anders ist, muß sich einmischen. Ich mische mich ein. Du kannst was machen!“ Sarah Haffner machte einen Dokumentarfilm: „Schreien nützt nichts“, 1976, über geschlagene Frauen. Danach wurde die Finanzierung des ersten Berliner Frauenhauses übernommen, in dem sie eine Zeitlang arbeitete.

„Ich hatte immer die Hoffnung, daß die Mauer fallen würde.“ So lange das noch nicht passierte, brachte sie in einer Ostberliner Kneipe auf dem Prenzlauer Berg Menschen aus Ost und West zusammen, mit denen sie befreundet war, vor allem Künstlerinnen und Künstler, DDR-Schriftsteller und BRD-Journalistinnen. „Die Stasi war natürlich auch dabei. Es war ein Riesenerfolg.“ Sie mag nichts im Wege stehen haben. Auch nicht die Mauer. „Auch nicht in meiner Wohnung. Die Sachen stehen da, wo sie stehen.“ Als Malerin lebt sie in Räumen. „Ich räume nie um. Ich brauche Klarheit. Ein Bild ist ein Rechteck. Ich kenne mich mit Rechtecken aus.“ Seit 32 Jahren wohnt sie in dieser Berliner Wohnung, die sie liebt, noch mehr, seitdem sie weiß, daß sich in dieser Wohnung während der Nazizeit Juden verstecken konnten. An ihrem 21. Geburtstag zog sie hier ein, frisch geschieden und Mutter eines einjährigen Sohnes. Es war die befreiende Immigration ins klare Rechteck. „Die Wohnung ist der sichere Ort.“ Hier begann sie, als freischaffende Malerin zu arbeiten. In der Wohnung fand sie ihre ersten Motive. Das Fenster, der Frühstückstisch und das berühmteste Modell aus dieser Zeit, das „Porträt meines Küchenschranks“ in Originalgröße.

Sarah Haffner ist eine gefragte Malerin, die seit rund dreißig Jahren konstant und immer wieder gegen den Trend realistisch bleibt. Einzelausstellungen in Deutschland, zuletzt in der Ostberliner Akademie der Künste, auch in London, Wien und im polnischen Szczecin, Ausstellungsbeteiligungen in Europa wie in San Francisco und Mexico City.

Als sie mit siebzehn, achtzehn Jahren bei Besuchen in England spürte, daß sie „auch Deutsche“ ist, wandte sie sich versuchsweise dem Jüdischen zu. Auf der Berliner Kunsthochschule gab ihr ein ungarischer Professor diesen Namen: Sarah. „Er nannte mich so, und da wollte ich den Namen. Ich habe ihn mir nicht genommen, ich habe den Namen Sarah angenommen. Es war ein bißchen Opportunismus dabei, es war die Zeit der philosemitischen Wiedergutmachung.“

Ihr richtiger Name ist kein jüdischer Name. Aber Sarah war auch der Name, den die Nazis jeder Jüdin als Pflichtnamen beigaben: Sara (ohne h) – und Israel für die jüdischen Männer. „In Israel war ich noch nie. Ich habe ein bißchen Angst davor. Ich komme aus Deutschland. Damals wollte ich in einen Kibbuz. Sehr romantisch. Ich bin ein verwöhntes Bürgerkind.“ Aus dem Kibbuz-Plan ist nichts geworden. Aber aus dem Kind, daß sie statt dessen erwartete, wurde ein David. „Er soll die Kraft haben, einen Goliath zu besiegen. Außerdem ist der Name auf deutsch wie auf englisch gut auszusprechen.“ Gut so. Was weiß man? Sie lacht kurz auf. Ihr Mund lacht. Die Augen diesmal nicht.

Gibt es Pläne? „Ich arbeite an einem Bild.“ Wieder ein großformatiges. Sie sind fast alle größer als die Malerin. Ausstellungen? Am 5. Februar ist Eröffnung des neugegründeten Künstler-Sonderbundes „Realismus“ in Berlin, im Martin-Gropius-Bau. Dort werden auch Arbeiten von Sarah Haffner gezeigt.

Ich verabschiede mich. Zunächst von der prominenten Persönlichkeit hinter mir, dem portraitierten Küchenschrank. Er ist in fast dreißig Jahren ein bißchen älter geworden. Sein helles Blaugrau hat sich gehalten. Die Künstlerin Sarah Haffner bringt mich zur Taxe: „Das gehört sich so.“ Vor der Haustür dreht sie sich noch einmal um und zeigt mir ihr Namensschild. Natürlich ist es blau. „Aber der Klingelknopf ist weiß“, sage ich. Sie wiegt bedenklich den Kopf. Das wird sich voraussichtlich ändern.