Von Roland Kirbach

Der hagere, etwas unscheinbar wirkende Mann gibt sich bescheiden: „Man macht mich interessanter, als ich bin“, meint er und versichert: „Ich bin nicht eitel.“ Seine Firmenprospekte strafen solche Bekenntnisse jedoch Lügen. Schrill und offensiv wirbt er mit Broschüren, Faltblättern und Infomappen für sein Unternehmen (Slogan: „Ohne Wenn und Aber: Faber“). Und überall prangt sein Konterfei samt Faksimile seiner krakeligen Unterschrift: „Norman Faber, Leiter des Lotto-Service“.

Der gelernte Berufsschullehrer und Diplom-Ökonom – Studienschwerpunkte: Statistik und Marketing – betreibt in Bochum ein Unternehmen, das „Lottospielen mit System“ anbietet. Bereits vor vierzehn Jahren machte der heute 47jährige das Glücksspiel zum Geschäft. Doch erst seit er sein „Marketing umstellte“, wie er sagt, steht er im Blickpunkt der Öffentlichkeit – und zunehmend auch im Kreuzfeuer der Kritik.

Volksquoten und Mehrlinge

Fabers aggressive Werbung provoziert. Mit Millionenaufwand wirbt er nicht nur in Funk und Fernsehen, in Zeitschriften und auf Plakaten – auch immer mehr Sportler unterschiedlichster Disziplinen tragen seinen Namen auf dem Trikot. Faber sponsert den Deutschen Eishockey Bund ebenso wie die Basketball-Bundesligaclubs TTL Bamberg und Brandt Hagen, den Fußballbundesligisten VfL Bochum wie die Biathlon-Nationalmannschaft. Faber unterstützte die ARD-Sportgala 1992 und trat als „TV-Präsentator von Wimbledon, US-Open, ATP-Weltmeisterschaft“ auf. Sein jüngster Coup: Im November schloß er einen Werbevertrag mit Boris Becker, der nun ebenfalls den Faber-Schriftzug auf dem Ärmel trägt. Diesen Umstand wiederum schlachtet der Lottounternehmer für weitere Werbung aus: „Es gibt viele Parallelen zwischen Boris Becker und Faber“, wird in einem neuen Prospekt mitgeteilt. „Im Mittelpunkt beide: steht das Spiel.“

Fabers Geschäftsidee ist relativ simpel: Natürlich sei es reine Glückssache, im Lotto die richtige Zahlenreihe zu treffen. Aber die Gewinnhöhe lasse sich durch das Tippverhalten beeinflussen. Etwa siebzig Prozent aller Lottospieler, so Fabers Erkenntnis, tippen nur dreißig Prozent aller möglichen Zahlenkombinationen. Werden jedoch häufig getippte Zahlen gezogen, gibt es viele Gewinner und somit relativ geringe Gewinnquoten. „Volksquoten“ nennt er sie herablassend. Viele Leute tippten sogenannte Glückszahlen wie 7 oder 13. Andere kreuzten ihr Geburtsdatum an – weswegen laut Faber die niedrigeren Zahlen (Jahrhundertzahl 19, Monat 1 bis 12, Monatstage 1 bis 31) „quotensenkend“ wirkten. Sogenannte „Mehrlinge“, das heißt benachbarte Zahlen, würden von den Lottospielern ungern getippt – obschon, so Faber, in 51,5 Prozent aller Ausspielungen „Mehrlinge“ gezogen worden seien.

Faber konzentrierte sich also darauf, jene siebzig Prozent „ungeliebter“, aber quotenträchtiger Lottoreihen ausfindig zu machen. Mittels „sehr komplizierter und rechenaufwendiger“ Analysen sowie mit Hilfe von Computern und des mathematischen Genies seines koreanischen Beraters Kim Seon-Han, im Hauptberuf Medizinstudent, glaubt Faber ein System gefunden zu haben, bei dem man „möglichst wenig Mitgewinner“ hat. Da aber dennoch hohe Einsätze erforderlich sind, um überhaupt Gewinnaussichten zu haben, kam Faber auf die einträgliche Idee, Spielgemeinschaften zu bilden.

„Einige hunderttausend Mitspieler“ hat Faber-Lotto nach eigenem Bekunden mittlerweile. Je 100 bis 300 Spieler bilden eine Tippgemeinschaft, die zusammen ein Großsystem mit mehreren tausend Reihen spielt, die Faber aufstellt und ankreuzt. Ein Spielanteil kostet 7 Mark, wobei Faber je nach System bis zu 2,22 Mark Gebühr kassiert. Die Mindestspielzeit beträgt einen Monat. Gewinne werden entsprechend den Anteilen geteilt und den Mitspielern von Faber aufs Konto überwiesen.

Viele glückliche Gewinner

Allein in den vergangenen dreizehn Monaten hätten Faber-Tippgemeinschaften neun Sechser gewonnen. Über 20 000 Tipper hätten an hundert „Großgewinnen“ (Sechser und Fünfer mit Zusatzzahl) teilgehabt. Für jeden einzelnen schrumpft der Gewinn dabei natürlich arg zusammen. Doch die hohen Quoten machten dies teilweise wieder wett, meint Faber und fragt: „Was ist mehr Glück? Wenn hundert Leute je 70 000 Mark gewinnen, oder wenn einer allein sieben Millionen gewinnt?“ Klar: Je mehr gewinnen desto größer das Glück. Sich selbst vergißt er dabei nicht. „Mehrere hundert Millionen Mark“ Umsatz im Jahr – genauer mag er es nicht beziffern – mache er inzwischen. Kürzlich bezog das Unternehmen, das auf 150 Mitarbeiter angewachsen ist, einen postmodern gestylten Neubau aus Naturstein im grünen Bochumer Süden. Das mit viel Glas, Chrom, Messing und Marmor ausstaffierte Halbrund stelle „ein Symbol unserer Innovationsfreude“ dar, so Faber.

In deutschen Lottoblock ist man über so viel Innovationsfreude gar nicht froh. Immer mehr Lottogesellschaften fordern juristische Schritte gegen den Bochumer Unternehmer. Die Staatliche Lotterieverwaltung München (Bayern-Lotto) verteilte in den über viertausend Lottoannahmestellen Bayerns eine „Informationsschrift“ mit der Überschrift: „Gewerbliche Spielgemeinschaften auf Kundenfang!“ Eindringlich werden die Lottospieler davor gewarnt, sich gewerblichen Tippgemeinschaften anzuschließen: „Sie haben keinen Einfluß darauf, mit welchen Lottozahlen Sie teilnehmen ... Sie müssen mindestens vier Wochen teilnehmen. Mit festem Einsatz, mit Massenabfertigung, Computerbriefen und einem unpersönlichen, undurchsichtigen Ablauf.“

Norman Faber weist diese Kritik brüsk zurück. Der Ablauf sei sehr wohl kontrollierbar. Jeder Mitspieler erhalte eine Art Kontoauszug, auf dem die getippten Reihen sowie die Anzahl der Mitspieler mitgeteilt würden. Im vierhundert Seiten starken „Mitspielbuch“, das jeder Spieler erhält und in dem alle Faber-Reihen abgedruckt sind, könne jeder Teilnehmer seine Zahlen nachschlagen und im Falle eines Gewinns seinen Anteil selbst errechnen. Gegen das Faltblatt von Bayern-Lotto beantragte Faber eine einstweilige Verfügung, zog den Antrag aber kurz vor der Urteilsverkündung wieder zurück. Er wolle nun ein Hauptsache-Verfahren anstrengen, begründet er den Schritt, in dem gründlicher über die strittigen Fragen verhandelt werden könne. Sein Ziel sei eine „Gegendarstellung in allen Lottoannahmestellen in Bayern.“

In der Rechtsabteilung von Bayern-Lotto werden unterdessen weitere Schritte gegen Faber geprüft. Denkbar wäre etwa eine Strafanzeige nach Paragraph 286 des Strafgesetzbuchs („Unerlaubte Veranstaltung einer Lotterie“), sagt Justitiar Hans-Wilhelm Forstner. Ähnliche Überlegungen werden auch in anderen Lottogesellschaften und einigen Landesregierungen angestellt. Das hessische Finanzministerium bereitet derzeit bereits eine Anzeige nach Paragraph 286 vor, sagt Pressesprecherin Susanne Wünsche-Reitter. Sie hofft, daß andere Bundesländer sich dem anschließen werden. Faber reagiert darauf gelassen: Er veranstalte ja keine eigene Lotterie, sondern biete nur einen Service an.

Die Länder reagieren auf Faber so nervös, weil alle Einnahmeverluste befürchten. Da Steuern und Konzessionsabgaben in dem Bundesland anfallen, in dem der Lottoschein abgegeben wird, kassiert derzeit Nordrhein-Westfalen alle Faber-Abgaben. Er sehe „massive Schieflagen im innerdeutschen Lottowettspielmarkt“ entstehen, meint Heinrich Aller, Finanzexperte der SPD-Fraktion im niedersächsischen Landtag. 180 Millionen Mark an Konzessionsabgaben fließen jedes Jahr in die Landeskasse. Die Gelder seien fest eingeplant zur Unterstützung von Sport sowie sozialen und kulturellen Vorhaben, sagt Aller. Durch Faber, der jede Woche Lottoscheine für mehrere Millionen Mark in Nordrhein-Westfalen abgibt, würden nun Einnahmen und Gebühren von anderen Bundesländern abgezogen. Die Westdeutsche Lotterie GmbH (West-Lotto) in Köln, vermeintlicher Profiteur von Faber, ist bemüht, das Problem zu verharmlosen. Die Größenordnungen von Fabers Umsätzen würden in der Öffentlichkeit „sehr falsch dargestellt“, wiegelt West-Lotto-Geschäftsführer Theodor Schwefer ab. Genauere Auskünfte verbiete ihm leider das Spielgeheimnis. Von juristischen Schritten gegen Faber rät Schwefer den Lottogesellschaften ab. West-Lotto habe vor Jahren gegen einen Düsseldorfer Veranstalter von Tippgemeinschaften Anzeige erstattet, berichtet Schwefer. „Staatsanwaltschaft und Gericht haben damals festgestellt, das ist erlaubt.“ Der Düsseldorfer gibt seitdem, aus Verärgerung, seine Lottoscheine im benachbarten Rheinland-Pfalz ab.

Norman Faber, der angesichts der massiven Kritik eine Zeitlang abgetaucht und für niemanden zu sprechen war, hat sich nun zur Gegenoffensive entschlossen. Drei Talkshow-Termine im Fernsehen habe er bereits vereinbart, vier weitere seien in Vorbereitung. Dort will er dann eine Diskussion darüber anzetteln, ob dieses Land wirklich sechzehn Lottogesellschaften mit sechzehn Lottodirektoren und dem ganzen Apparat braucht. Im Zeitalter der EDV, meint er, solle man das Lotto zentralisieren und die eingesparten Steuergelder sinnvoller ausgeben.