Von Uta Claus

Dani sitzt auf der Treppe zu ihrem alten Bauwagen und dreht sich eine Zigarette. „Wie ich mir meine Zukunft vorstelle? Dat is’ ja vielleicht ’ne Frage!“ Unter der weinroten Trucker-Mütze zotteln ihre blonden Haare heraus; die beiden Hemden, die sie übereinander trägt, sind ungebügelt; die grauen Leggings haben Löcher. Ihre Schäferhündin blinzelt müde in die Sonne. Dani beleckt das Zigarettenpapier und guckt über die Spree. „Wie soll ich mir meine Zukunft vorstellen, wenn ich nicht mal weiß, ob und wann die uns hier räumen!“

Danis hölzerner Bauwagen steht zwischen etwa fünfzig anderen Bau- und Zirkuswagen, ausrangierten Bussen, zu Wohnmobilen umgebauten Lastwagen, zwischen Autowracks und Sperrmüll. Manche der Wagenbewohner nennen ihren Wohnort „Wagendorf“, andere sagen „Wagenburg“ oder „Wagenplatz“. Das Ordnungsamtsdeutsch hat noch keine offizielle Bezeichnung gefunden: Das wird sich bald ändern, denn solche wilden Ansiedlungen in der Stadt gibt es schon vielerorts – und es werden mehr.

Dani und ihre Hündin leben seit zwei Jahren in der „East-Side-Wagenburg“, einem von inzwischen acht Berliner Wagendörfern. Hier, auf einem Teilstück des ehemaligen Todesstreifens – eingeklemmt zwischen Spree und der „East-Side-Gallery“, einem buntbemalten Reststück der Mauer – wohnen zur Zeit sechzig Menschen und nicht viel weniger Hunde. Daß die Leute freiwillig in den Wagen gezogen sind, läßt sich nicht pauschal sagen. Oft ist die Suche nach einer anderen Lebensform gleichzeitig Ausdruck einer neuen Form von Obdachlosigkeit.

Dani berichtet: Ihre Mutter war Alkoholikerin, ihr Vater „gut drauf“. Als sie drei Jahre alt war, kam das Jugendamt und steckte sie ins Heim. Mit sechzehn hatte sie die Nase voll, verschwand mit einer Freundin nach Italien. Mit achtzehn, als sie volljährig war und niemand sie mehr ins Heim schicken konnte, kam sie zurück und fand in der Kreuzberger Hausbesetzerszene ein neues Zuhause.

Heute ist Dani 28 Jahre alt und lebt von 800 Mark Arbeitslosenhilfe. Am Wagendorf gefällt ihr – im Gegensatz zum Wohnen in besetzten Häusern –, daß sie zwar mit anderen zusammenlebt, sich aber trotzdem jederzeit in ihren Wagen zurückziehen kann, ihre eigene „Hütte“ hat.

Danis Nachbarin Eilleen, eine 25jährige Studentin, wohnte einsam im teuren und dunklen Hinterhofzimmer. Sie suchte Freunde und Gemeinschaft und lebt jetzt in einem umgebauten Lastwagen, das Studium hat sie aufgegeben. Ihren Unterhalt verdient sie sich bei Reinigungs- und Entrümpelungsfirmen – für zwölf bis fünfzehn Mark die Stunde. Das reicht ihr, denn sie zahlt keine Miete und gönnt sich keinen Luxus. Leute wie Eilleen lehnen das bürgerliche Leben mit all seinen Zwängen, Konsumwünschen und Karrierevorstellungen ab. Sie genießen es, Wasser im Kanister zu holen und Feuer im Ofen zu machen. Dafür verzichten sie auf Strom und fließendes Wasser. Wo es kein Klohäuschen gibt, tun es die Büsche.