„Das Herz ist ein kleiner, sehr, sehr elastischer Muskel“ („Hannah und ihre Schwestern“, 1986)

„Du benutzt Sex, um alle möglichen Gefühle auszudrücken – außer Liebe“

(„Ehemänner und Ehefrauen“, 1992)

Es war alles so selbstverständlich geworden. Kein Jahr verging ohne einen neuen Woody-Allen-Film. Man konnte sich auf ihn verlassen. Längst fanden wir uns mühelos in seiner Welt zurecht. Mitunter meinten wir uns gar in die endlose Geschichte einer vielköpfigen Familie verstrickt, deren intime Dramen sich an einem magischen Ort außerhalb der Zeit begaben. Waren sie nicht allesamt versippt, die allzu klugen Paare mit den allzu routinierten Ehen? Hatte Hannah nicht viele Schwestern, die mal Alice hießen, mal Stephanie („September“) oder Marion („Eine andere Frau“)?

Natürlich haben wir nie aufgehört, Woody Allen zu lieben. Aber haben wir uns nicht manchmal dabei ertappt, daß er uns ein bißchen auf die Nerven ging, wie ein Musterschüler, der sogar auf die falschen Fragen richtige Antworten weiß, noch dazu ein hinreißender Amateur-Zauberer ist und die schönsten Frauen kriegt? Wenn man nur jene neun Filme noch einmal sieht, die Allen zwischen 1985 („The Purple Rose of Cairo“) und 1991 („Schatten und Nebel“) gedreht hat, findet man höchstens einen, auf den das Totschlags-Prädikat „Meisterwerk“ nicht irgendwie zutrifft: die 41-Minuten-Episode „Oedipus Wrecks“ aus den „New York Stories“, eine beinahe lustlos wirkende Fingerübung im Stil der „frühen, komischen Filme“, von denen sich schon vor dreizehn Jahren Woodys Alter ego Sandy Bates in „Stardust Memories“ verabschiedet hatte und die nun wirklich niemand mehr vom reifen Künstler Allen verlangt.

Der Rest ist schiere Perfektion. Und selbst wer nicht alle seine Filme mit gleichmäßiger Inbrunst liebt, wird sich schwertun, dem Manne ernsthaft am Zeug zu flicken. Man mag – wie ich – „Eine andere Frau“ und „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ für wichtigere Werke halten als „Radio Days“ und „Schatten und Nebel“, aber soll man deshalb den verspielten Charme der Genre-Miniaturen verachten?

Allmählich allerdings drohte Woody Allen von der allgemeinen Adoration erstickt zu werden. Längst schien er entrückt zum Klassiker vor der Zeit. Scharen von Hollywood-Stars bettelten geradezu darum, für wenig Geld kleine Rollen in seinen Filmen spielen zu dürfen, den einzigen fast aus Amerika, die ohne Kompromisse mit der Industrie entstanden. Und er gefiel sich, bei aller Bescheidenheit, als über allen profanen Wassern schwebender Saint Woody. Wenn ihm berichtet wurde, daß kalifornische Kino-Kreise einen bestimmten Film („Verbrechen und andere Kleinigkeiten“) besonders schätzten, fragte er sich schon, was er falsch gemacht haben könnte. Andererseits irritierte es ihn gar nicht, daß so unterschiedliche Berühmtheiten wie Norman Mailer und Madonna, Jean-Luc Godard und Jodie Foster ihn anbeteten.