Im Hochschulbereich wird mit ungenauen Statistiken jongliertFauler Zahlenzauber

Rund dreißig Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs studieren, heißt es. Aber stimmt das denn? Kommt die Gegenrechnung, nach der allenfalls fünfzehn Prozent die Hochschulen bevölkerten, der Realität nicht näher (siehe Seite 37)? Der Verdacht, im Hochschulbereich werde mit falschen, falsch zugeordneten oder gar nicht vorhandenen Zahlen und Statistiken operiert, wurde in der vergangenen Ausgabe der ZEIT von Konrad Schily, Präsident von Witten/Herdecke, der ersten deutschen Privatuniversität, noch einmal bekräftigt. Ungerechtfertigt ist der Verdacht nicht.

Seit die Hochschulrektoren im vergangenen Jahr behaupteten, es gäbe inzwischen mehr Studenten als Lehrlinge, sind Zweifel an der Zuverlässigkeit des Zahlenwerks aufgetaucht. Denn die Angabe stimmte nicht: Die Studiendauer und die Zeiten der Lehrlingsausbildung sind nicht vergleichbar. Damit entfällt die Berechnungsgrundlage. Inzwischen geistert eine Unmenge solcher Zahlen durch die Hochschulwelt, ohne daß immer bekannt wäre, woher sie kommen und auf welcher Grundlage sie entstanden.

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Eine große Unbekannte ist nach wie vor die Zahl der Studienabbrecher. Sie changiert erheblich, je nachdem, wer dazugezählt wird: die Fachwechsler? Die „Parkstudenten“? Die Studentenmütter in der Babypause? Ähnliche Unklarheit herrscht über die Studiendauer: Sie verschiebt sich von Fach zu Fach und von Hochschule zu Hochschule um mehrere Semester. Als Durchschnittswert angegeben, hat die Studiendauer so gut wie keine Aussagekraft.

Ungenau ist auch die magische Gesamtstudentenzahl von 1,8 Millionen, die immer wieder ins Feld geführt wird, wenn die Hochschulen ihre Überlast beklagen. Studenten, die nur noch als Karteikarte existieren und die Bibliotheken, Hörsäle und Seminarplätze nicht oder kaum noch beanspruchen, bleiben dabei unberücksichtigt.

Wie beliebig sich bildungspolitische Perspektiven verschieben lassen, wenn die Berechnungsgrundlage sich ändert, demonstrierte vor einiger Zeit eine Unternehmensberatungsfirma: Für die Geisteswissenschaften errechnete sie, daß zwischen 1983/84 und 1988/89 die Studentenzahl insgesamt um vier Prozent gestiegen war. Vom fünfzehnten Semester an stieg der Anteil der Studenten besonders steil nach oben – um volle 50,3 Prozent. Zählte man aber nur bis zum vierzehnten Semester, dann ging die Zahl der Studenten sogar um 6,9 Prozent zurück.

Zahlen sind geduldig. Sie lassen sich genausogut herunter- wie hinaufrechnen je nach politischer Interessenlage. Das bisher verhängnisvollste Beispiel für Fehlprognosen und die daraus entstehenden politischen Folgen war die sogenannte Untertunnelungstheorie vom Beginn der achtziger Jahre. Sie beruhte auf der falschen statistischen Hoffnung, die Studentenzahl werde Anfang der neunziger Jahre aus demographischen Gründen von allein absinken. Die Folge war eine zehnjährige bildungspolitische Pause, in der sich die Situation der Hochschulen ungehindert verschlimmern konnte. Nun ist guter Rat teuer. Doch wenn die hektische Betriebsamkeit, die inzwischen ausgebrochen ist, wiederum nur auf Fehlkalkulationen beruht – dann gnade Gott den Hochschulen und ihren Verwaltungen. Statistische Irrtümer und Fahrlässigkeiten sind der Gesellschaft nicht unbegrenzt zumutbar. Sabine Etzold

 
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