All diese Erkenntnisse von Physik und Biologie blieben der Ökonomie jedoch fremd, kritisiert Georgescu-Roegen. Erstaunlicherweise, schließlich handele das Entropiegesetz ja von nutzbarer Energie, es stelle somit nichts anderes als eine „Physik des ökonomischen Wertes“ dar. Bis heute sprechen die Ökonomen vom Wirtschaftskreislauf und Gleichgewichtsmärkten mit Gleichgewichtspreisen – so als sei die Wirtschaft ein Perpetuum mobile. Sowohl die Standardökonomen als auch die Marxisten träumten den Traum ewiger Prosperität oder eines „Reiches der Freiheit“. Sie konnten es nur deshalb, weil die Entdeckung riesiger neuer Energiequellen in den vergangenen hundert Jahren die Illusion zuließ, Rohstoffe und Energie seien unbegrenzt verfügbar.

Für Georgescu-Roegen dagegen ist die Ökonomie eine Verlängerung der Biologie. Wie das Leben kann die Wirtschaft nicht ohne niedrige Entropie, also konzentrierte Energie, existieren: „Niedrige Entropie ist eine notwendige Voraussetzung dafür, daß eine Sache nützlich ist.“ Das Entropiegesetz ist die letzte Ursache für ökonomischen Wert und ökonomische Knappheit.

Georgescu-Roegen übertrug das Entropiegesetz auch auf die Materie und bezeichnet dies als „vierten Hauptsatz der Thermodynamik“: Bei jeder Arbeit entsteht Reibung, Materie wird dabei abgetragen und verstreut. Die etwa durch den Abrieb von Autoreifen verstreuten Moleküle sind zwar noch vorhanden, aber sie könnten nur mit unverhältnismäßig viel Zeit und Energie wieder eingesammelt werden.

Um die für ihr Überleben notwendige niedrige Entropie (konzentrierte Energie/Materie) zu gewinnen, müssen die Menschen in ihrer Umwelt immer mehr zerstreute Energie/Materie erzeugen: „Die populäre wirtschaftliche Maxime ,Es gibt nichts umsonst’ sollte daher ersetzt werden durch den Satz ‚Es gibt nichts, außer zu einem weit höheren Preis an niedriger Entropie.‘“

Die vorliegende Ausgabe der ZEIT zum Beispiel enthält niedrigere Entropie als die Zellulosemasse, mit der einmal ihre Produktion begonnen hat. Dies war aber nur möglich, weil anderswo die Entropie zunahm: Die Papierfabrik produzierte Abwässer, die ZEIT-Mitarbeiter verbrauchten Energie, um zur Arbeit zu kommen, um geheizte Büros vorzufinden, um zu telephonieren. Computer, Schreibmaschinen und Druckmaschinen nutzen sich ab, die Auslieferung der Zeitung kostet ebenfalls Energie. Sollte diese ZEIT-Ausgabe ausgelesen sein, wandert sie aufs Altpapier. Sie kann dort zwar wiederverwertet werden, doch die Qualität des daraus gewonnenen Papiers ist schlechter geworden, die Entropie hat weiter zugenommen.

Kein Produkt ist von diesem Phänomen ausgenommen. Selbst in so langlebigen Gütern wie Häusern steigt die Entropie laufend, wenn nicht regelmäßig niedrige Entropie hinzugefügt wird. Recycling ist möglich und sinnvoll, aber die Zunahme der Entropie wird dadurch nur begrenzt, nicht gestoppt. Ökologie und Ökonomie sind nicht wirklich zu versöhnen. Georgescu-Roegen schreibt: „Der Wirtschaftsprozeß besteht aus einer kontinuierlichen Umwandlung von niedriger in hohe Entropie, also in nicht wiederverwertbaren Abfall, oder, um einen geläufigen Begriff zu verwenden, in Umweltverschmutzung.“

Die Wirtschaft wäre also ein absurder Vorgang, wenn das Ziel der Produktion wirklich die „Produkte“ wären. Brötchen, Zeitungen und Autos sind jedoch nicht die Hauptsache, sondern lediglich Hilfsmittel. Das eigentliche „Produkt“ der Produktion ist ein „immaterieller Strom“, nämlich „Lebensfreude“. Sie kann den Gütern selbst entspringen, aber auch der Freizeit. Beim Bruttosozialprodukt handelt es sich nach Georgescu-Roegen eigentlich um die „Bruttosozialkosten“ der Lebensfreude.