Von Fritz J. Raddatz

Politthriller, Gangsterposse und Heldenlied: Die dreizehn Frankreich-Monate im Leben des amerikanischen Journalisten Varian Fry, den man bald den „Engel von Marseille“ nannte, bergen – zumindest – diese drei Elemente.

Wir schreiben Herbst 1940. Frankreich ist von der deutschen Armee überrannt. Entgegen dem internationalen Asylrecht hat die Siegermacht der Petain-Regierung den Artikel 19 des Waffenstillstandsabkommens diktiert, nach dem die auf Verlangen Flüchtlinge an die Besatzungsbehörden ausliefern muß. Für Tausende antifaschistischer deutscher Emigranten, die sich noch in die unbesetzte Zone im Süden Frankreichs retten konnten, hat die Stunde der Panik, Not und Angst geschlagen. Die meisten, unbemittelt, haben keine oder falsche Papiere, sind auf die Gnade mitleidiger Hotelbesitzer, die Mildtätigkeit eines Bäckers und das Augenzudrücken eines Streifenpolizisten angewiesen. Selbst die Zuversicht so weltberühmter und – noch – wohlbemittelter Künstler wie Lion Feuchtwanger oder Franz Werfel, die ausgestattet mit Personal, vollen Weinkellern und Limousinen komfortable Villen in Sanary-sur-Mer bewohnen, ist trügerisch. Sehr bald sind auch sie gehetztes Wild, das vor der letzten vermeintlichen Ausfallpforte Marseille lungert. Allein das Alphabet der bedrohten Deutschen – deren Auslieferung Rücktransport in KZ und Tod bedeutet hätte – reicht von Georg Bernhard und Alfred Döblin über Annette Kolb, Walter Mehring und Franz Pfemfert bis zu Fritz von Unruh und Kurt Wolff.

Da wird im Spätsommer 1940 in New York ein von liberalen Intellektuellen und Quäkern initiiertes „Emergency Rescue Committee“ gegründet, das sich zur Aufgabe macht, gefährdete Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler zu retten. Man wählt einen jungen Historiker aus gutem Hause, den 33jährigen Harvard-Absolventen und Mitarbeiter renommierter amerikanischer Zeitschriften Varian Fry, zum Chef dieser überaus heiklen europäischen Mission, deren Schwierigkeiten man in New York gewaltig unterschätzt. In dem Bestellungsschreiben vom 5. August 1940 heißt es: „Wir haben vereinbart, daß Sie New York per Flugzeug am Sonntag, den 4. August verlassen und am 29. August per Flugzeug zurückkehren.“

Aus den fünfundzwanzig Tagen wurden knapp vierzehn Monate – in denen schier Unglaubliches geschah. Die Taschen vollgestopft mit Geld und Listen von vielen hundert Flüchtlingen, landete Varian Fry nach kurzem Lissabon-Aufenthalt in Marseille und nahm ein winziges Zimmer im Hotel „Splendide“. Von hier aus, an einer umgebauten Frisierkommode, auf der Bettkante sitzend, anfangs ohne Mitarbeiter und allmählich mit einem zuverlässigen Stab arbeitend, wob Varian Fry sein Spinnennetz: „Als ich eines Abends nach Hause kam, lag Franzl in voller Kleidung in der Badewanne und diktierte Briefe. Lena hockte auf dem Fußboden, die Schreibmaschine vor sich auf dem Bidet, Oppy und Beamish saßen an den beiden Schreibtischen.“ Als „Schutzengel einer ganzen Sippe exilierter Intellektueller und Poetaster“ hat Walter Mehring Fry beschrieben, der ihn wochenlang versteckt hatte: „Wir versuchten, auch Mehring herauszubekommen. [...] Deshalb beschlossen wir, ihm einen litauischen Paß zu kaufen. [...] Wenn er im Sessel sitzend von einem Klopfen an der Tür überrascht wurde, sprang er hastig ins Bett und zog sich seine Decke so weit über die Ohren, daß unten oft die Schuhe herausschauten – zum Erstaunen der Kellner und Zimmermädchen.“

Varian Frys Memoiren, „Auslieferung auf Verlangen“, und viele zeitgenössische Quellen über diese Monate der Panik an der Riviera sind auch voll absurder Grotesken. So will ein ehemals hohes Tier der preußischen Regierung partout den Pelzmantel („Es ist ein wertvolles Stück, ich habe es noch aus Deutschland“) über die Berge schleppen – und wird prompt geschnappt. Fry verbündet sich mit einem der Unterweltbosse von Marseille: „Nach außen war Jacques der Besitzer eines renommierten Restaurants mit dem Namen ‚Sept Petits Pêcheurs‘. Privat war er der Kopf einer der führenden korsischen Banden von Marseille. Vor seinem Restaurant boten Straßenhändler lautstark Muscheln, Seeigel und Garnelen an, während drinnen Marseiller Geschäftsleute, Flüchtlinge aus Paris und amerikanische Wohlfahrtshelfer aßen. Jacques überwachte das Geschehen argwöhnisch, trank Sodawasser und führte die Geschäfte von seinem Platz hinter der Kasse. Seine Privatgeschäfte bestanden vermutlich aus Bordellbetrieb, Schwarzmarkt und Kokainhandel.“

Als Fry mit Hilfe dieses gnädigen Gangsters ein Auto für die Flucht zweier Weimarer Spitzenpolitiker, des Innenministers Rudolf Breitscheid und des Finanzministers Rudolf Hilferding, nach Lissabon besorgt hatte – schickten die es weg: Sie hatten es sich anders überlegt. Sie schlugen auch die nächste Chance aus, der drohenden Vernichtung zu entkommen: „Die Ausreisevisa waren auf eine Route via Martinique ausgestellt. [...] Sie erfuhren, daß alle Kabinen in der ersten, zweiten und dritten Klasse bereits verkauft und daß lediglich noch Kojen in einem Schlafsaal im Laderaum zu haben waren. [...] Da Breitscheid an Schlaflosigkeit litt und es seiner Frau auch nicht gutging, entschieden sie sich gegen den Schlafsaal und gingen, ohne eine Buchung vorgenommen zu haben. [...] Das Schiff nach Martinique lief am Dienstag aus. Von all unseren Schützlingen war lediglich Walter Mehring an Bord. Er hatte die Koje bekommen, die für Hilferding reserviert war.“ Breitscheid und Hilferding aber wurden von den Franzosen prompt an die Gestapo ausgeliefert; Hilferding fand man im Pariser Gefängnis an einem Haken hängend, Breitscheid kam – absurde Pointe – im selben KZ wie Thälmann um.