Über Martin HeideggerDie Wissenschaft denkt nicht

von Jürgen Busche

Von Jürgen Busche

Das Zeitalter der schwarzen Utopien – so könnte einmal das 20. Jahrhundert genannt werden. Technischer Fortschritt und Zukunftsangst beherrschen die Menschen, und diese reagieren darauf mit widersprüchlichen Empfindungen. Das wurde gerade in Deutschland früh sichtbar. Die großen Romane der schwarzen Utopien freilich sind von Engländern geschrieben worden: „Brave New World“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell. Daß die unaufhaltsame Entwicklung der Technik totalitäre Politik befördert oder von ihr in Dienst genommen wird, verdichtet das Bild der Ausweglosigkeit in den schwarzen Utopien.

Dem so beschriebenen Verhängnis in den Utopien entspricht eine Besinnung über die Philosophie, die ein Denken gegen das Weitermachen mit Philosophie wie bisher ist. Diese Besinnung ist das Lebensthema Martin Heideggers gewesen. Der antimodernistische Affekt älterer Kulturkritik ist darin allerdings nur ein Akzent; gewiß nicht der wichtigste und kaum je konsequent beachtet. Heidegger war durchaus ein moderner, modernen Dingen gegenüber aufgeschlossener Mensch im trivialen Sinne. Die Verwandtschaft mit schwarzen Utopien, die man als das Bedeutsame seiner Wirkung ansprechen kann, gründet in philosophischer Kritik an der Philosophie selbst, einer Kritik, bei der ihm Kierkegaard und Nietzsche vorausgegangen waren, ohne daß man sagen dürfte, sie hätten ihn in entscheidender Weise geprägt. Die Utopie war – spätestens seit Platon – oft ein in literarische Form gebrachtes Gedankenspiel, das uns die Planbarkeit der Menschenwelt in einem künstlerisch beherrschten Spiegel zeigte. Dagegen präsentiert uns schwarze Utopie das Grauen, in das Menschheitsgeschichte einmündet, wenn sie geplant werden kann und dann auch so gemacht wird – ein Spiegel, dessen Bilder aller veredelnden Kunst hohnsprechen.

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Martin Heideggers Werk bezeichnet in der Geschichte der Philosophie den Punkt, von dem aus eine Rückkehr zu Modellen einer Vergangenheit wie Zukunft umfassenden Welt und Geschichte unmöglich ist, zu Modellen, in denen sich die Welt mit oder trotz allem, was Menschen tun, gleichsam von selbst ihren Bestand sichert. Es gibt weder in der Natur noch irgendwo sonst ein Regulativ, das dem Expansionsdrang der Menschheit Grenzen setzte, es sei denn, man rechnete die Möglichkeit einer Totalregulierung des Problems durch Selbstauslöschung der Menschheit beziehungsweise die irreversible Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen dazu. Das freilich wäre ein naturgeschichtliches Modell, nicht eines, das Geschichte auf den Menschen bezieht.

Was Heidegger aus den Erfahrungen seiner Zeit als Entfesselung der Technik beschreibt (und was wir heute, mit mehr Anschauungsmaterial versehen, als Entfesselung von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft – in gegenseitiger Abhängigkeit – erkennen, worauf Politik nur noch marginal Einfluß nehmen kann), ist ein Verhängnis, das seine Anfänge in den glücklichsten, den wertvollsten und deshalb am meisten geschützten Grundlagen des europäischen Geistes hat: Freiheit des Denkens, Freiheit der Forschung, Freiheit der Person, Freiheit der Märkte. „Die Wissenschaft denkt nicht“, hat Heidegger gesagt. In diesem Satz ist das ganze globale Verhängnis zu greifen.

Dabei ist jedoch zunächst anzumerken, was dieser Satz nicht besagt. Er besagt nicht, daß etwa die Wissenschaftler nicht dächten. Er besagt, daß Wissenschaft eigenen Gesetzen folgt und mit ihnen funktioniert. Der Physiker kann sicherlich über alles mögliche und auch über Physik nachdenken. Aber insofern er Physik macht, paßt er sich ein in einen Wirkungszusammenhang, der mit ihm funktioniert oder ihn ausstößt. Die Rationalität wissenschaftlicher Revolutionen geht nicht aus der Opposition gegen die Wissenschaft als Prinzip hervor, sondern bildet in ihr einen Selbsterhaltungsmechanismus zur Bewahrung des Prinzips. Dieses Prinzip denkt nicht, stellt sich nicht (was ein Wissenschaftler jederzeit kann) grundsätzlich in Frage.

Denken ist die den Menschen eigentümliche Tätigkeit; es tritt auf als Mittel zur Lösung von Aufgaben und – jenseits aller Aufgaben – als Herausforderung der Neugierde in bezug auf das Denken selbst. Aber Denken kann in Zwangsläufigkeiten geraten. Jeder Schritt von einem Anfang weg zerstört Chancen dieses Anfangs. Jeder weitere Schritt vernichtet eine Fülle von Abweichungsmöglichkeiten. Philosophie, lehrt Heidegger, ist eine geschichtliche Form des Denkens, sie muß nicht die einzige sein.

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