Von Rudolf Hickel

„Am einen Bein ungeprüfte Hypothesen, am anderen unprüfbare Slogans – so humpelt die Nationalökonomie daher. Unsere Aufgabe liegt hier darin, diese Mischung von Ideologie und Wissenschaft so gut es geht auseinanderzuhalten“.

Joan Violet Robinson

Selbst ihre schärfsten Kritiker wetteten 1975 darauf, daß sie jetzt endlich den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft bekommen würde – schließlich war dies das Jahr der Frau. Aber selbst diese männlich-gönnerhafte Unterstützung durch renommierte Ökonomen hat ihr nichts genutzt. Joan Violet Robinson, die beispielslos produktive Ökonomin, ging bis zu ihrem Tode im Jahr 1983 leer aus.

Joan Robinson war als Frau nicht nur eine krasse Ausnahme im Männerzirkus der Ökonomie. Sie hatte zugleich den Mut, Widersprüche bei den Päpsten der Lehre zu attackieren. Selbst Freunde, vor allem John Maynard Keynes, blieben von ihrer Kritik nicht verschont. Sie arbeitete an der Lösung realer Probleme und vermied die Flucht in den mathematischen Nachweis der Funktionsfähigkeit von Marktwirtschaften. Die Marktorthodoxie hat sie stets bekämpft. Zuerst der Arbeitslosigkeit, später der Unterentwicklung und ansatzweise auch der Umweltbelastung galt ihr Augenmerk.

Ihr Nonkonformismus prägte die 1903 im britischen Camberley (Surrey) als Tochter eines hohen Militärs geborene Ökonomin bis in ihren Habitus. 1922 kam sie als Studentin nach Cambridge. Die Ehe mit dem Ökonomen Austin Robinson, aus der zwei Töchter hervorgingen, mußte sie mit einem Karriereknick bezahlen. Erst nach dem Ausscheiden ihres Mannes durfte sie Professorin in Cambridge werden. Ihre mit großer Begeisterung aufgenommene Antrittsvorlesung zum Thema „Neuer Merkantilismus“ hielt sie erst 1966 – mit dreiundsechzig Jahren. Mit ihren wissenschaftlichen Leistungen hatte sie aber damaL im idyllisch-patriarchalischen Cambridge längst für Aufsehen gesorgt.

Die altehrwürdige Universität wurde nicht zuletzt durch sie zu einem Mekka für den theoretischen Neubeginn jenseits der Marktorthodoxie. Ein wichtiger Diskussionsrahmen war der esoterische Gesprächskreis „Cambridge-Circus“ mit dessen zentraler Figur John M. Keynes. Dieser schloß 1930 seine Geldtheorie ab und diskutierte in diesem Kreis die Vorarbeiten zu seiner epochalen „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (1936). Sein Nachweis, daß Marktwirtschaften aus eigener Kraft nicht Vollbeschäftigung sichern können, revolutionierte die Ökonomik. Die effektive Nachfrage, so Keynes, bestimmt kurzfristig das Niveau von Produktion und Beschäftigung. Wo der Markt versagt, muß der Staat einspringen. Wie ihr veröffentlichter Briefwechsel zeigt, war Joan Robinson stärker als bisher angenommen in den Diskurs mit Keynes und damit in diese Theorierevolution eingebunden.