Von Willi Winkler

So lang ist das schon wieder her, daß in den Augen derer, die grade noch dabeisein durften, selige Jahrestagstränen aufsteigen: Benno Ohnesorg und der Schah und Rudi Dutschke und Josef Bachmann und Nanterre und Robert Kennedy ermordet. So arg lang ist es doch nicht her, daß Hans Magnus Enzensberger eine Dozentur am nordamerikanischen Wesleyan College mit dem Bemerken aufgab, das kubanische Volk bedürfe seiner mehr als die Studenten; oder daß Peter Handke mit einem Plakat des Che Guevara posierte, dem wiederum Peter Weiss den schönen Nachruf schrieb: „Sind wir mitschuldig an diesem Tod? Sind wir die Verräter? Oder waren wir nur in unserem Alltag Befangene, Gleichgültige, getrost und unbekümmert um jene ferne Revolution? ... Wenn das so ist, dann haben wir an seinem Tod etwas zu lernen ... Das einzig Richtige ist, ein Gewehr zu nehmen und zu kämpfen.“

Natürlich waren wir die Verräter. Dr. Ernesto Guevara aber wollte die permanente Revolution, wollte den Campesinos in Bolivien das Evangelium der Befreiung vom US-Imperialismus predigen. (Der Revolutionär muß ihnen so fremd vorgekommen sein wie sechzig Jahre zuvor die Bankräuber Butch Cassidy und Sundance Kid mit ihrem Spickzettel: jEsto es un robo!) Als der CIA Ché aufgespürt und zur Strecke gebracht hatte, lag er noch im Tode bildschön da, eine Inszenierung nach klassischem Vorbild: Rembrandts „Anatomie des Dr. Deyman“. Ein Heiliger hatte sein Leben ausgehaucht, ach was: ein Märtyrer. Ché gab sein Leben für uns, für uns im Alltag Befangene, wie Peter Weiss zu wenig bekümmert um die ferne Revolution.

Ach, eine schöne Zeit war das. In Vietnam, in Algerien, am Kongo schüttelten die Verdammten dieser Erde ihre Ketten ab, und Europa und Nordamerika feuerten die Kämpfer aus sicherer Entfernung an. Zum großen Glück taucht mitten in unserer Tristesse mit Saddam Hussein und Somalia und Jugoslawien eine neue Heiligenlegende auf. Sie ist zwar auch schon dreißig Jahre alt, dafür aber geeignet, selbst das Blutopfer Ch6 Guevaras zu überbieten.

Sein Zeichen erscheint überall: X, wohin man schaut. Selbst Bill Clinton bewaffnet sich morgens, wenn er zum Joggen aufbricht, mit einem Baseball-Käppi, auf dem das große, böse X prangt. Die Rap-Musik, allen voran KRS-One und Public Enemy, propagiert den mysteriösen X seit Jahren. Und endlich kommt er mit Spike Lees Film „Malcolm X“ auch in ein Kino in Ihrer Nähe. Aber ob jetzt alles gut wird?

Als er in der 8. Klasse zu den besten Schülern gehörte, wurde Malcolm, der da noch nicht X, sondern Little hieß, von seinem Lehrer gefragt, was er einmal werden wolle. Rechtsanwalt, sagte der Junge, und der Lehrer, liberal, gutmütig, aber eben ein „weißer Teufel“: „Rechtsanwalt zu sein – das ist kein realistisches Ziel für einen Nigger... Warum verlegst du dich nicht aufs Tischlerhandwerk?“ Von dieser Kränkung an ging’s bergab. Malcolm Little mochte kein guter Schüler mehr sein. Er wurde unzugänglich, aufsässig, kriminell, drogensüchtig, Zuhälter, Räuber.

Die „Autobiographie“ (auf deutsch bei Agipa beziehungsweise Heyne), wie sie der schwarze Agitator in den zwei Jahren vor seinem Tod am 21. Februar 1965 Alex Haley erzählt hat, ist nicht nur das bekannteste Beispiel einer oral history, sondern auch ein Geschenk für jeden wohlmeinenden Weißen, das Friedensangebot, ihn als milieugeschädigt in die Arme zu schließen. Der Gegenstand diktierte sie so punktgenau, daß sie unmittelbar nach seinem Tod erscheinen konnte. Haley, der, angeregt von Malcolm X, später seine eigene Geschichte erforschen und mit „Roots“ weltberühmt werden sollte, glaubte Malcolm aufs großmäulige Wort. Er merkte nicht mal, daß sein Idol ihn nach ihren Sitzungen manchmal verließ, um in einem anderen Stockwerk des gleichen Hotels mit einem anderen Journalisten an einem Buch über das gleiche Thema zu arbeiten: Malcolm X, was sonst.

Malcolm Little wurde 1925 in Omaha geboren. Er hat ziemlich helle Haut, deshalb prügelt ihn sein Vater weniger. 1931, Malcolm ist sechs Jahre, wird sein Vater tot aufgefunden. In der „Autobiographie“ haben ihn die Weißen erschlagen und dann vor einer Straßenbahn auf die Gleise geworfen. In Bruce Perrys Biographie (deutsch bei Junius) findet sich die wahrscheinlichere Version: Der Vater wollte die Familie verlassen und verunglückte. Die Witwe wird manisch, kommt in die Anstalt, die verwaisten Kinder in Erziehungsheime und zu Pflegeeltern. Bei seiner Schwester Ella in Boston entwickelt sich Malcolm zum Kleinkriminellen. Dem Einsatz im Zweiten Weltkrieg wie später im Koreakrieg entwischt er, weil er sich erfolgreich als paranoid präsentiert (ein Onkel hat Selbstmord begangen, ein Bruder landet wie die Mutter in der Psychiatrie).

1946 wird er wegen Hehlerei und Raub zu acht bis zehn Jahren verurteilt; die Strafe ist so hoch, weil dem Richter mißfällt, daß Malcolm eine weiße Freundin hat. Im Gefängnis heißt er „Satan“, weil er über Gott und alle Religionen lästert. Doch bekanntlich läßt Gott seiner nicht spotten: Über seine Brüder kommt Malcolm mit der Nation of Islam (NOI) und deren Anführer Elijah Muhammad zusammen, der ihn seine Strafe als Rache des weißen Mannes begreifen lehrt. Malcolm liest sich in der Zelle durch das Bildungsgut des weißen Mannes, alles von Äsop bis Nietzsche, dazu Biographien der Großen dieser Welt.

Wollte er sich früher als Boxer, Tänzer, dann als Gangster durchsetzen, geht er jetzt als Intellektueller und Rhetor. Nach seiner Entlassung 1952 meldet er sich bei Elijah Muhammad. Er wird der erfolgreichste Propagandist der Sekte und Muhammads rechte Hand. Seit 1959 berichten die bösen weißen Medien über ihn, tritt er im Rundfunk und im Fernsehen auf, reist über die Universitäten. Malcolm X predigt die klassischen Themen des Demagogen: Antisemitismus, Frauenhaß und – macht kaputt, was euch kaputt macht – Rassismus gegen die Weißen. Obwohl er sehr viel militanter auftritt als sein Gegenspieler Martin Luther King, muß er nie ins Gefängnis, während King für seine gewaltlosen Aktionen in der Bürgerrechtsbewegung wiederholt eingesperrt wird. Bei einer Umfrage, die die New York Times 1964 unter der schwarzen Bevölkerung New Yorks veranstaltet, meinen drei Viertel, King würde „die Sache der Schwarzen am besten vertreten“, Malcolm wollen nur sechs Prozent.

Nach seiner Freilassung hatte ihm Elijah Muhammad den „Sklavenhalter“-Namen Little genommen und ihm das X als Leerzeichen für den kommenden, den „richtigen“ Namen verliehen. Seit er 1964 eine Pilgerreise nach Mekka unternommen hat, nennt er sich El-Hajj Malik El-Shabazz. Da hat er schon mit seinem Erwecker Muhammad gebrochen und versucht nun seine eigene Kirche aufzumachen. Der Hadschi bereist verschiedene afrikanische Länder, sucht Anerkennung und Förderer. Muhammad vertreibt ihn aus seinem Haus, vorher zündet Malcolm es selber an, um sich, wie 36 Jahre zuvor sein Vater, als politisches Opfer zu inszenieren. Das Attentat, bei dem er, noch keine vierzig Jahre alt, 1965 stirbt, ist offensichtlich ein Racheakt der NOI. So wird einer zum Idol.

Als im vergangenen Jahr in Los Angeles Unruhen ausbrachen, in deren Verlauf Schwarz und Weiß einträchtig Gelb ausraubten, nämlich die Geschäfte der verhaßten Koreaner plünderten, wurde über „die größten Rassenkrawalle seit den sechziger Jahren“ frohlockt. Der Schauspieler Mickey Rourke bezichtigte den Regisseur Spike Lee der Mitschuld an den Unruhen – als sei Spike Lee inzwischen selber Malcolm X. Tatsächlich hatte sich Spike Lee jahrelang um die Verfilmung von Malcolms Biographie bemüht, hatte, wenn es sein mußte (und es mußte ja sein!), beispielsweise Norman Jewison aus dem Geschäft gedrängt mit der Begründung, er als Weißer habe kein Recht auf einen Film über Malcolm X, den dürfe nur ein Schwarzer drehen, beispielsweise Spike Lee. Das nennt man neuerdings „politisch korrekt“ oder kurz und amerikanisch PC.

Schon 1968 schrieb der Schriftsteller James Baldwin ein Drehbuch für Hollywood. Man wollte kein Risiko eingehen: Baldwin war schwarz, schwul und ziemlich links. Korrekter ging’s nimmer. Doch das Interesse am schwarzen Thema verlor sich. In den Bereicherungsjahren der Reagan-Bush-Ära gelang einigen wenigen. Schwarzen der Aufstieg in die Mittelklasse; George Bush ernannte Clarence Thomas als ersten Schwarzen zum Obersten Bundesrichter. Mehrere Schwarze gehören inzwischen zu den Amerikanern mit dem höchsten Jahreseinkommen: Michael Jackson, Bill Cosby, Oprah Winfrey. Bei ihnen kassierte Spike Lee eine Abgabe, um seinen Film produzieren zu können. Das weiße Hollywood, das Malcolm X so wüst attackierte, sieht wieder einen Markt für Malcolm X.

Überkorrekt ist der Film geworden. Er stützt sich auf die „Autobiographie“ und auf Baldwin gleichzeitig (aber nicht auf Bruce Perrys Buch, das zuwenig blinde Sympathie zeigt), er tut niemandem weh und schon gar nicht der NOI, die heute von dem wüsten Antisemiten und Hitler-Fan Louis Farrakhan angeführt wird.

Spike Lee schafft es beim besten Willen nicht, Malcolm X zum strahlenden politischen Führer aufzubauen. Zu widersprüchlich die Angebote, die der Held zu Lebzeiten machte. Je nach Laune und Publikum predigte er Aufstand oder Versöhnung. Im Auftrag von Elijah Muhammad verhandelte er mit dem Ku-Klux-Klan über eine Madagaskar-Lösung der Negerfrage. Ob man die Schwarzen nicht vielleicht doch in Homelands zusammentreiben könnte zum beiderseitigen Nutzen? Rassisten aller Glaubensrichtungen, vereinigt euch!

Anders als Spike Lee glauben Rapper wie Ice-T und Public Enemy an die politische Kraft des Abziehbildes Malcolm X. Ihre Argumente besitzen vielleicht nur den IQ eines Baseballschlägers („Die Juden sind verantwortlich für das Böse in der Welt; sie finanzieren Aids-Experimente mit Schwarzen in Afrika“), aber noch erbärmlicher sind die weißen Bürgerkinder in den USA und Europa, die sich für diesen Müll begeistern. Während die Eltern Lichterketten bilden und Unterschriften dafür sammeln, daß der rassistische „Negerkuß“ durch eine „afrikanische Zärtlichkeit“ ersetzt wird, dröhnen sich die lieben Kleinen die Ohren voll mit „Weißer, ich schnitzl dir dein Schwanz in Scheiben“. Der umgedrehte Rassismus ist auch nicht schöner; der Schwarze nicht allein deswegen der bessere Mensch, weil er so schön schwarz ist.

Die Herausgeber der neuen deutschen Übersetzung von Malcolms „Autobiographie“ erweisen sich als noch bessere Menschen. Das Buch liefert ein herrliches Beispiel für den gnadenlos exekutierten „korrekten Diskurs“. Der eigentliche Text (abgesehen von den siebzig Seiten hagiographischer Nachträge von Alex Haley) ist mit 1 Geleitwort, 1 antirassistischen Vorwort eines Eritreers nach der Prämisse „Ich kenne keine Opfer, sie seien denn Schwarze“, 1 editorischen Nachwort des Verlegers sowie 1 weiteren von Günter Jacob wattiert, der zwar hofft, daß auch „Weiße von Malcolm X lernen können“, der sich mit Todesverachtung gegen die Kommerzialisierung des Helden stemmt, den dessen wirres Gerede aber doch ratlos läßt. Wie in den besten Zeiten der K-Gruppen („Gehst du zu Enver, bin ich für Kim“) distanzieren sich die Beiträger voneinander. Ein Übersetzer zog gar seinen Namen zurück, weil das 1965 noch übliche Wort negro nicht mit „Neger“, sondern mit „Schwarzer“ übertragen wurde, was eine „Entstellung“ sei. Wenn so viele gute Menschen zusammenkommen, wird der Fremdenhaß in Deutschland vor lauter Schreck gleich ganz, ganz klein.

Die „Revolution“, von der in den Sechzigern so ausgiebig die Rede war, sie überlebt allenfalls im Liede (von Lennon/McCartney) und in der Reklame für Turnschuhe. Spike Lee nimmt kein Gewehr in die Hand, er kämpft zeitgemäßer: In zwei Läden verscherbelt er seinen Helden ein weiteres Mal: das Asketengesicht mit der Anwaltsbrille als Kopfkissenbezug, das X auf dem Tanga. Irgend jemand würde sowieso an diesem Klump verdienen, warum also nicht gleich ein Schwarzer, warum nicht Spike Lee? Voll korrekt.

Und nicht einmal von Public Enemy ist der bewaffnete Aufstand zu erwarten. Schon vor Jahren gaben sie einen ganz anderen Ton an: „Fight for your right – to party.“

Also nichts wie hinein ins Nachtleben.