Von Peter Schüttler

Das neue Buch von Jacques Le Goff besteht aus vier Lexikon-Artikeln, die er Ende der siebziger Jahre für die „Enciclopedia Einaudi“ verfaßt hat: „Vergangenheit/Gegenwart“, „Antik/Modern“, „Gedächtnis“, „Geschichte/Historie“. Sie werden ergänzt um Vorworte zur italienischen, französischen und deutschen Ausgabe, in denen der Autor die Perspektiven der von ihm vertretenen „neuen Geschichtsschreibung“ – das heißt der Annales-Schule in ihrer neueren Ausprägung – programmatisch resümiert. Insofern bietet diese Sammlung einen willkommenen geschichtstheoretischen Grundkurs aus französischer beziehungsweise französisch-italienischer Perspektive.

Obwohl Le Goff kein Theoretiker oder gar Philosoph ist, sondern ein auf das Hochmittelalter spezialisierter Sozialhistoriker und historischer Anthropologe, nimmt er sich in diesem Buch, die Freiheit, einige elementare Vorbedingungen seiner empirischen Arbeiten zu reflektieren und offenzulegen. Dies geschieht in dem erwähnten enzyklopädischen Rahmen, woraus sich mancherlei formale Zwänge und gelegentlich auch ein etwas störender didaktischer Unterton ergeben. Aber die Allgemeinverständlichkeit der Enzyklopädie wird mit der Formulierungsfreiheit des Essays verbunden, so daß auch die belehrende Lektüre niemals langweilt. Deutsche Leser sollten also keine strenge, an Primärquellen orientierte „Begriffsgeschichte“ erwarten, sondern eine teils systematische, teils lockere Einführung in Grundkategorien der Humanwissenschaften.

Im Mittelpunkt stehen zwei lange Abhandlungen, die zu Recht den Titel des Buches prägen: „Geschichte“ und „Gedächtnis“. Mit dem französischen Wort histoire hat es freilich eine besondere Bewandtnis. Es bezeichnet nämlich nicht nur die stattgefundenen Ereignisse, die res gestae, sondern ebenso die historiae, also die spätere narrative oder analytische Aufbereitung der „Realgeschichte“ durch Geschichtsschreibung. Im Deutschen ist dieser Unterschied relativ leicht durch die Verwendung von Ausdrücken wie Historie, Historiographie, Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft zu markieren. Wenn Le Goff also eine histoire de l’histoire skizziert, so meint er natürlich keine „Geschichte der Geschichte“, wie es leider unschön und unsinnig in der Übersetzung heißt, sondern eine Geschichte der Geschichtsschreibung, ja der Geschichtswissenschaft schlechthin, da auch das Wort science de l’histoire sich in Frankreich bis heute nicht durchsetzen konnte.

Interessant sind vor allem die Akzente, die der Autor dabei im Vergleich zu anderen Darstellungen der Historiographie-Geschichte setzt: Wie seinerzeit die Annales-Gründer, Lucien Febvre und Marc Bloch, macht Le Goff keinen Hehl daraus, daß die Geschichtsschreibung für ihn ein Beruf ist, der seine Maßstäbe aus der Gegenwart bezieht. Das Rankesche Ideal, zu beschreiben, „wie es eigentlich gewesen ist“, reiche nicht aus; Le Goff bezeichnet es sogar als „positivistisch“. Desgleichen ist es für ihn eine pure Illusion, darauf zu hoffen, daß „die Fakten sprechen“. Denn was „Faktum“ ist, bedarf ja gerade der Ermittlung. Und in diesem Forschungsprozeß, der aus dem Chaos „wahrer“ und „falscher“ Überlieferungen – in welcher Form auch immer – ein konkretes „Bild“ herausfiltert, spielen das Wissen und die Phantasie des Historikers, spielen seine Fragestellungen und Begriffe eine entscheidende Rolle. Unsere Vorstellung der Bauernkriege, der Frühindustrialisierung oder der NS-Diktatur hängt hauptsächlich davon ab, wie wir mit den zugänglichen Informationen umgehen, welche wir zur Kenntnis nehmen (zum Beispiel galten lange Zeit nur Texte als echte „Quellen“!), wie wir sie „ordnen“ und welche Probleme uns überhaupt interessieren. Gute Geschichtsschreibung, die nicht bloß naiv „erzählen“, sondern neue Interpretationen erarbeiten und publik machen will, ist folglich immer problemorientiert und durch das Denken des Historikers geprägt. Allerdings betont Le Goff nachdrücklich, daß damit keinerlei dogmatische „Parteilichkeit“ verbunden sein darf. Ein Pluralismus der Methoden und Fragestellungen ist für ihn selbstverständliche Bedingung wissenschaftlicher Arbeit. Auch hat jede Identifikation von Historie und aktueller Politik fatale Konsequenzen – siehe Osteuropa.

Kein Zweifel: Jacques Le Goff ist ein unverbesserlicher Rationalist. Er hat es auch nicht nötig, intellektuellen Moden hinterherzulaufen. Obwohl ihn seine Forschungen – etwa über die „Geburt des Fegefeuers“ (dtv 4532) oder „Die Intellektuellen im Mittelalter“ (dtv 4581) – als bahnbrechenden, experimentierfreudigen Historiker ausweisen, dem die Entwicklung zur Mentalitäten-Geschichte und historischen Anthropologie entscheidende Anregungen verdankt, verweigert er sich entschieden dem modischen Gerede, jede Geschichtsschreibung sei „Erzählung“ und subjektiv. Für ihn gibt es keine Alternative zum „dortigen Weg der Wissenschaftlichkeit“, der Objektivität und der – möglichst kunstvollen – Analyse. Angesichts der vielfach bejubelten „Rückkehr“ zu traditionellen Formen der Geschichtsschreibung – Ereignis- und Politikgeschichte, Biographik und so weiter – bemerkt er nur lakonisch, hoffentlich gleiche sie nicht der Rückkehr der royalistischen Emigranten nach der Französischen Revolution, die bekanntlich „nichts vergessen und nichts gelernt“ hatten. Wie einst die Revolution ist die Geschichtsschreibung für Le Goff also immer noch „Gegenstand eines Kampfes“.

Neben der „wissenschaftlichen Wahrheit“ geht es dabei nicht zuletzt um das „kollektive Gedächtnis“, das sich in jeder Gesellschaft herausbildet und dem der zweite Hauptaufsatz des Bandes gewidmet ist. Im Anschluß an Maurice Halbwachs, Ignace Meyerson und Jean-Pierre Vernant betont Le Goff auch hier den Konstruktcharakter des Phänomens: Gedächtnis ist mehr als nur spontane Erinnerung, ist nicht vorgegeben, sondern bildet sich in komplexen sozial-psychologischen Prozessen heraus, die sich vielfältig in und an „Monumenten“ materialisieren: Grabmäler und Tempel, Straßen, Plätze und Inschriften, aber auch Kultgegenstände jedweder Art, vom goldenen Becher bis zum goldenen Parteiabzeichen. Die Geschichte dieser gesellschaftlichen Umgangsformen mit Vergangenheit aufzuarbeiten, ist natürlich von besonderer Brisanz. Denn das Erkenntnisinteresse der Wissenschaft kollidiert mit den Machtinteressen der Staaten, die die Loyalität ihrer Untertanen durch historische „Sinnstiftung“ sichern möchten – notfalls auch um den Preis der damnatio memorie und der gezielten Geschichtsfälschung. Noch im 20. Jahrhundert gibt es dafür genügend Beispiele. Für die Mentalitäten-Geschichte liegt hier eine immense und dringende Aufgabe.