Sie unterhalten sich in Weichselplatt und verwenden noch Sütterlinschrift: In Paraguay endete der Exodus europäischer Mennoniten

Neue Heimat im Gran Chaco

Von Carl D. Goerdeler

Der reinliche Duft von Bohnerwachs und Kernseife liegt in der Luft, und dazu kommt das Aroma von frisch gebrautem Kaffee. Frühstück von 6 bis 8 Uhr, Mittagstisch von 11 bis 12 Uhr, ab 22 Uhr ist die Pforte geschlossen. So steht es in steiler Sütterlinschrift an der Essensausgabe der „Casa Menonita" in Asunciön geschrieben. Blondbezopfte Matronen und Männer mit breiten Bauernschädeln schlürfen schweigend ihren Muckefuck.

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An der Stirnseite des spartanischen Speiseraums befindet sich ein großes Regal mit den Postfächern für die Mennonitenkolonien in Paraguay: „Fernheim", „Filadelfia", „Neuland" und „Loma Plata". Dorthin werden von der „Casa Menonita" aus Briefe, Pakete und Passagiere auf den Weg geschickt.

Die Straße zieht sich schnurgerade nach Nordwesten hin. Die Garnisonen der Hauptstadt bleiben zurück, die Lehmhütten weichen der Monotonie des Gran Chaco, der endlosen Trockenstepppe im Herzen Südamerikas. Krüppelbäume und Dornenbüsche bedecken wie ein zerlumpter Flickenteppich den Kiesboden. Eine große Traurigkeit liegt über diesem Land - als ob der mit Wolken beladene Himmel als schweres Gewicht auf der kargen Erde laste, die in der Hitze nichts weiter hervorbringt als dürres Holz und stachelige Blätter.

An dieses Ende der Welt zogen vor drei Generationen die Glaubensbrüder von Menno Simons, um endlich eine Heimat zu finden. Sie kamen auf Ochsenkarren und trugen noch die dicken Filzmäntel aus dem sibirischen Winter. Ein langer Treck durch Kontinente lag hinter ihnen. Die Auswanderer hatten Hab und Gut verloren und nur ihr Gottvertrauen behalten.

Der Reformator Menno Simons, dessen Namen seine Nacheiferer annahmen, predigte Erwekkung, Erwachsenentaufe und Friedfertigkeit. Seine Anhänger fanden nicht, wie die Lutheraner, die Huld der Obrigkeit - weil sie Wehrlosigkeit zu ihren Idealen zählten und nicht bereit waren, für Landesherren im Krieg ihr Leben zu lassen. Man jagte die Menschen hinaus an den Rand Europas, damit sie die Sümpfe in der Weichselmündung trockenlegten oder, später, dem russischen Zaren als Kolonisatoren dienten. Mennonitendörfer sprossen in der Ukraine und schließlich in Sibirien aus dem Boden. Aber jedesmal wenn die Gläubigen die Wildnis in blühendes Ackerland verwandelt hatten, wurde es ihnen wieder weggenommen. Mit der Zwangskollektivierung unter den Bolschewik! verloren die Mennoniten Haus und Hof. Wieder mußten sie weiterziehen.

So landeten einige in Südamerika. Ein junger Mann mit Namen Heinrich Derksen beschrieb den Exodus aus dem „Arbeiterparadies" Sibirien in die „grüne Hölle" Paraguays im Jahre 1932. Nach Monaten auf hoher See brauchten sie weitere Wochen, um von der Anlegestelle am Rio Paraguay bis zu den ersten Mennonitenkolonien mitten im Chaco vorzudringen. Im ersten Jahr lebten die Siedler nur von mitgebrachtem Brot. Hungertyphus raffte ganze Familien dahin. „Die Leute sind arm. Zum Schlafen legen sie sich auf den Bauch und decken sich mit dem Rücken zu", heißt es bei Heinrich Derksen. Als die ersten Süßkartoffeln geerntet wurden, war das ein Freudenfest. Doch dann wurde das Getreide, das sie der dornigen Wüste abgetrotzt hatten, von Heuschreckenschwärmen vernichtet. Nicht wenige Familien gaben auf und zogen nach Ostparaguay, wo der Boden fetter und das Klima erträglicher war.

Schönbrünn, Schönwiese, Gnadental und Friedensruh, so tauften die Mennoniten ihre Weiler. Glücklicherweise wurden die friedlichen Siedler vom Krieg verschont, der zwischen Bolivien und Paraguay ausbrach. Danach sammelten sie den martialischen Schrott und schmiedeten daraus Kuhglocken, flickten zerschossene Autos zusammen und bauten eine Nagelfabrik.

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  • Von Carl D. Goerdeler
  • Datum 16.4.1993 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 16.04.1993 Nr. 16
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