Von Elisabeth Wehrmann

Lange bevor wir von Glasnost und Perestrojka hörten, war seine Stimme, sanft und subversiv, durch den Eisernen Vorhang gedrungen. Er sang vom Krieg und den Stiefeln der Soldaten, von den Zeiten, als „bleierner Regen unsere Rücken peitschte, als niemand mehr auf Mitleid hoffte und die Kommandierenden heiser waren“. Er sang von der blauen Straßenbahn in Moskau um Mitternacht und von dem, was so selten ist unter den Menschen, von dem kleinen Orchester der Hoffnung, dirigiert von der Liebe.

Bulat Okudshawa, Komponist, Sänger und Schriftsteller ist ein politischer Poet, obwohl seine Lieder über den realen Sozialismus des Sowjetstaates kaum ein Wort verloren. Aber wenn er von der schwarzen Katze sang, die ihr Grinsen hinter dem Schnurrbart versteckt, konnten ihn viele verstehen.

Anfang der sechziger Jahre wurde der Mann, der ein neues Lied, ein besseres Lied wagte, als anderen noch die Stimme im Halse erfror zur Kultfigur der Moskauer Intelligenz. Seine Texte und Lieder erschienen bei Samisdat, Tamisdat und Magnitisdat. 1968, nach einem Konzert in Paris, wurden seine Lieder auch im Westen bekannt

Bulat Okudshawa, 1924 in Moskau geboren, wuchs auf als Kind gläubiger Kommunisten. „Mein Vater“, so erklärte er kürzlich (einem amerikanischen Journalisten), „war ein Revolutionär, ein Fanatiker, eine Person ohne Skrupel, ein Bolschewik. Er trug dazu bei, diese kriminelle Gesellschaft aufzubauen. Er half mit, diese schreckliche Maschine zu konstruieren, die ihn und so viele andere 1937 zerstörte.“ Als der junge Bulat in die fünfte Klasse ging, wurde der Vater als deutsch-japanischer Spion und Trotzkist verhaftet und erschossen, die Mutter deportiert. Das Kind, von nun an als Sohn von „Volksfeinden“ gebrandmarkt, überlebte bei der Großmutter in Moskau. 1941 meldete sich der siebzehnjährige Okudshawa freiwillig zur Front, wurde verwundet, kehrte zurück und durfte studieren. Er arbeitete als Dorfschulmeister, dann als Journalist in Kaluga (südwestlich von Moskau). Nach Stalins Tod, nach der Rehabilitierung seiner Eltern, konnte er 1956 als Redakteur bei der Literaturnaja Gazeta anfangen. Seit 1962 lebt. Okudshawa als freier Schriftsteller in Moskau.

Die Erfahrungen aus der Zeit des Terrors hat Okudshawa erst in den achtziger Jahren literarisch verarbeitet. Zwischen 1986 und 1991 veröffentlichte er eine Reihe von Erzählungen in Moskauer Zeitschriften, die jetzt auf deutsch erschienen sind: „Frau meiner Träume“, fünf „Wahre Geschichten“. Thema: Kindheit und Jugend in der Stalin-Ära – ein Portrait des Künstlers in furchtbaren Zeiten. Heute, räumt Okudshawa ein, seien uns die „damaligen Umstände“ natürlich gut bekannt, „heute verstehen wir alles, erklären es, betrachten es gleichsam als historischen Fakt und vergessen zuweilen, daß wir selbst es waren, die durch diese Feuer mußten, daß wir selbst Beteiligte dieser Ereignisse waren, daß es uns selbst berührte, ja, über uns kam und uns Wunden zufügte.“

Okudshawa erzählt im Plauderton, macht den Leser zu seinem Vertrauten, schreibt witzig-ironisch, braucht kein Pathos, wenn er die Augen öffnet für die Abgründe des Alltags in den Zeiten der „großen Säuberung“. Er schlüpft zurück in die Haut des Studenten, des Kindes, des Dorfschulmeisters ...

Da ist er 1947, der Student der Philosophischen Fakultät in Tblissi, der nachgemachte Gedichte schreibt, mit anderen „hungrigen unruhigen Geistern“ und billigem Wein laute Feste feiert und ein wenig leichtfertig dahinleben möchte, wäre da nicht ein dunkles Geheimnis, die Erinnerung an die Mutter, an die Trennung schon seit zehn Jahren. Eines Tages findet er ein Telegramm aus Karaganda, „Komme mit 501. Kuß Mama“. Der 501 ist ein Zug, der nicht im Fahrplan steht und doch, das weiß der schweigsame Nachbar Meladse, einen Namen hat: „501 heißt Fünfhundertfröhlich“. Der Student fegt das Zimmer und überlegt, wie die Mutter wohl aussehen mag, so schön wie auf den alten Photos oder grau und faltig wie Meladse? Was wird er für sie tun können? Er wird, denkt er, er wird sie ins Kino führen, „mag sie dort ihre Seele entspannen“. Es gibt da diesen Beutefilm, von dem die Jugend in Tblissi verzaubert, nach dem sie verrückt ist, Marika Rökk als „Die Frau meiner Träume“. Der Nazi-Film und Stalins Wirklichkeit – in Okudshawas Geschichte schneiden die Parallelen durch die Augen der Mutter: „Sie waren leer und ohne Tränen und weit entfernt.“

Man hat Gogol gepriesen als einen der ersten Schriftsteller, die die Russen mit ihrer eigenen Geschichte bekannt machten. Okudshawa steht, ein Jahrhundert später, in dieser Tradition. Er, der in einem seiner schönsten Lieder den Freund Puschkin zurückzaubert in die Straßen Moskaus, gehört ohne Zweifel zu den ganz großen Geistern, die selbst in diesen Zeiten hervorschlüpfen aus Gogols Mantel.

  • Bulat Okudshawa:

Frau meiner Träume Wahre Geschichten

Aus dem Russischen von Antje Leetz und Jürgen Schlenker; Volk und Welt, Berlin; 202 S.; 29,80 DM