Sein Rücktritt war genau geplant – aber für Björn Engholm kam alles anders. Bei den Genossen in Kiel herrschten Trauer und VerwirrungWahrheitssuche im Küstennebel

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Von Gisela Dachs

Kiel/Rendsburg

In Björn Engholms ursprünglichem Drehbuch sollte der Spiegel überhaupt nicht vorkommen. Seit dem 20. April – der Tag, an dem er seinen Anwalt Peter Schulz gänzlich von der Verschwiegenheitspflicht entbunden hatte – arbeitete Engholm an einer Erklärung, in der er die Wahrheit verkünden wollte. Er wollte endlich eingestehen, daß er damals doch noch vor der schleswig-holsteinischen Landtagswahl am 13. September 1987 von den Machenschaften des CDU-Medienreferenten Reiner Pfeiffer gegen ihn erfahren hatte. Auf dieses Szenario hatte sich Björn Engholm in der vergangenen Woche nach Beratungen mit engen Vertrauten jedenfalls geeinigt.

Jetzt aber sieht das Ganze so aus, als habe Engholm mit seinem Rücktritt lediglich auf die Vorabmeldungen des Nachrichtenmagazins vom vergangenen Freitag reagiert. Dort stand, daß „Vertraute des SPD-Chefs“ besorgt seien, der Kanzlerkandidat habe vor dem ersten Kieler Untersuchungsausschuß zur Aufdeckung der Barschel-Affäre „die Wahrheit gebeugt“. Denn Engholm habe ihnen in den letzten Tagen eine andere Version erzählt.

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Nach der Pressekonferenz in Bonn eilte Engholm mit seiner Frau nach Rendsburg, wo die Führungsgremien der schleswig-holsteinischen SPD trauerten. Nicht nur über den Verlust. Gerd Börnsen ist auch traurig und enttäuscht darüber, daß Engholm in der Spiegel-Geschichte nicht einmal ein „honoriger Abschied“ gewährt wurde. Allerdings komme die „Indiskretion“, da ist sich der Kieler Fraktionschef ganz sicher, nicht aus Schleswig-Holstein, sondern aus Bonn. Die „Eiseskälte in der Bonner SPD“ erschrecke ihn zutiefst. Er habe Angst, „daß der Landesverband davon infiziert werden könnte“.

Vor den laufenden Kameras wiederholt Börnsen, was im Laufe des turbulenten Abends untergehen wird, weil es an den Tatsachen nichts ändert: Engholms Pressekonferenz sei ein geplanter Termin gewesen. „Es sollte heute, auf unseren gemeinsamen Wunsch, umfassend dargelegt werden, was Sache ist.“ Neben Börnsen sitzt der Landesvorsitzende Willi Piecyk, der ebenfalls vor einigen Tagen von Engholm eingeweiht wurde. Er habe ihm geraten, sagt er, „das durchzustehen“. Denn eine „spät korrigierte Notlüge“ mache aus dem Opfer keinen Täter, erst recht keinen Mittäter. In Relation zum Anlaß gesehen, sei der Preis für seine „Korrektur hoch“.

Um die „Heckenschützen aus Bonn“ ging es auch bei der Sitzung der etwa siebzig Genossen. Wer hat geplaudert? Und vor allem – warum, wenn er doch wußte, daß Engholm ohnehin vorhatte, sich zu offenbaren? Oder wollte da jemand sicherstellen, daß Engholm auch wirklich zurücktritt und sich nicht vielleicht doch im letzten Augenblick überreden läßt weiterzumachen? Ist da jemand leichtfertig mit Informationen umgegangen? Oder brauchte der Spiegel vielleicht gar keine plaudernden Vertrauten, weil das Nachrichtenmagazin bereits seit der Enthüllung der Barschel-Affäre von dem Wissen Engholms Kenntnis hatte?

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