Von Dieter E. Zimmer

Unter all der Literatur, die sich, manchmal forsch, manchmal verzagt, an die Fragen aller Fragen herantastet, an das Problem nämlich, wie die drei Pfund Gehirn das hervorbringen, was wir dann „Geist“, „Psyche“, „Bewußtsein“ nennen, kommt dem Buch „Die Symphonie des Denkens“ von William H. Calvin einer der ersten Plätze zu.

Nicht darum sticht es so wohltuend hervor, weil der Autor – der Neurophysiologe, Psychiater und Ethologe an der Universität des Staates Washington ist – das Rätsel gelöst oder seiner Lösung auch nur entscheidend näher gebracht hätte. Seine Hauptstärke ist eine ganz andere und hat mit seinem Thema so gut wie gar nichts zu tun. In einer Zeit, da einerseits eine mehr fühlende als denkende Öffentlichkeit dem ganzen Projekt wissenschaftlichen Naturerkenntnis immer feindseliger gegenübersteht und andererseits die Naturwissenschaft selber sich immer tiefer in Spezialprobleme verbeißt, bei denen jeder Sinn für das Ganze abhanden kommt, führt Calvin dem Leser den naturwissenschaftlichen Blick, den Erkenntnisgestus der Naturwissenschaften in reinster und sympathischster Form vor.

Es ist ein unaufgeregter, aber stetiger und unnachgiebiger Blick. Er richtet sich immer auf Konkretes und überprüft auch seine allgemeineren Schlüsse immer wieder an Konkretem. Er sieht von vornherein genau hin, gibt sich aber damit nicht zufrieden, sondern folgt der stillschweigenden Überzeugung, daß es immer noch genauer geht. Er trumpft nie mit vorgefaßten Meinungen auf und stellt auch seine Lieblingsmeinungen immer wieder zur Disposition. Er ist davon überzeugt, daß die Natur letztlich einen rationalen Grund hat und dieser durch alle widersprüchliche und scheinbar irrationale Mannigfaltigkeit hindurch erschließbar ist. Er bringt der Welt entgegen, was besser ist als Mitgefühl, Euphorie, Depression oder eine andere Stimmung: wirkliches Interesse, wohlwollend skeptisch, unbegrenzt geduldig.

Die besten Passagen in Calvins Buch sind jene, in denen sein eigentliches Thema ganz im Hintergrund bleibt. Ein Mann geht durch Woods Hole, den Ort an der Wurzel des Cape Cod, wo sich das berühmte Institut der meeresbiologischen Grundlagenforschung befindet. Er geht mit weit offenen Augen, viel biologischem Wissen und einer immer bereiten Kombinationsgabe, beschreibt das Institut, seine Forscher, den Ort, die Küste, den Verkehr der Boote und Autos, die Tiere. Sandstrand; aber der Sand wurde hier erst hergeschafft; und warum gibt es hier eigentlich nur groben Kies? Weil die starke Meeresströmung parallel zur Küste zieht. Die Kormorane sitzen nach jedem Fischzug lange mit ausgebreiteten Flügeln da. Warum? Weil sie sie zum Trocknen aushängen. Warum? Weil sie anders als Gänsevögel keine Talgdrüsen haben. Warum? Weil die Evolution überhaupt nicht immer auf die zweckmäßigsten Lösungen verfällt. Und warum das? Weil sie nicht teleologisch bestimmte Ziele anvisiert, sondern nur in winzigen Schritten blind von dem jeweils Bestehenden aus fortschreitet, durch viele winzige zufällige Änderungen (Mutationen), von denen sich nur ganz wenige behaupten (Selektion), die dann den nächsten Schritt tun können – vielleicht weit an dem vorbei, was im nachhinein als die zweckmäßigste Lösung erschiene.

Calvin hätte dieses Buch aber wohl nicht geschrieben, wollte er nicht auch von seinem Spezialgebiet berichten; und er hätte davon wohl nicht berichten wollen, wenn er aus ihm nicht eine Theorie eben über das „Bewußtsein“ abgeleitet hätte.

Das Spezialgebiet ist die Neurophysiologie der Bewegung. Menschen sind zu außerordentlich schnellen und genauen Bewegungen fähig: Golf, Sprachartikulation, Klavierspiel. Auch die höchstentwickelten Menschenaffen werfen und hämmern ein wenig, aber sehr ungenau. Irgendwie muß sich der neurale Steuerungsapparat auf dem Weg vom Hominiden zum Homo gewaltig verbessert haben. Der Haken ist, daß das tierische Nervensystem eigentlich zu langsam ist für schnelle Präzisionsbewegungen: Die Rückmeldungen von den Muskeln, die dem Gehirn vom Erfolg oder Mißerfolg einer eingeleiteten Bewegung Bericht erstatten, treffen so spät ein, daß an der Bewegung nichts mehr korrigiert werden kann. Das Muskelprogramm für einen genauen Schlag, einen genauen Wurf muß völlig fertig sein, ehe die Bewegung eingeleitet wird: Erst Muskel A bis C soundso stark kontrahieren, dann D dehnen und im Zeitpunkt soundso A und B strecken... Eine lange Befehlskette ist vorzubereiten, die das Gehirn dann ohne weitere Eingriffsmöglichkeit abarbeitet. Ein Speicher zur Zwischenablage von Datenschlangen heißt in der EDV Puffer. Für schnelle Präzisionsbewegungen mußte sich das menschliche Gehirn erst Puffer zulegen, in denen es ganze Befehlssequenzen abrufbereit Zwischenspeichern kann.