Was kommt nach dem „Ende der Geschichte“? Drei Antworten auf das von Francis Fukuyama verkündete FinaleAnkunft in der profanen Welt

von Andreas Kuhlmann

Von Andreas Kuhlmann

Für Francis Fukuyama war das Geschichtsfinale, das er 1989 in einem Zeitschriftenaufsatz, 1992 in einem dicken Buch verkündete, ein historisches Ereignis. Weltweit – in Südeuropa, in Lateinamerika, in den Wirtschaftswunderländern Südostasiens, schließlich in Südafrika und im ehemals kommunistischen Block – waren in den vergangenen zwanzig Jahren zumindest Ansätze zu einer Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft gemacht worden. Das, so meinte Fukuyama, weise darauf hin, daß sich die „Systemfrage“ nicht mehr stelle: Die Ausstrahlung der westlichen Gesellschaftsform sei so stark geworden, daß keine bedrohliche ideologische und machtpolitische Alternative mehr übrigbleibe.

In Fukuyamas „Endzeit“ hat der Wunsch der Menschen nach Selbstbestimmung seine Erfüllung gefunden. Dadurch unterschied sich seine Sicht von anderen Entwürfen der „Posthistoire“: Nicht in der „Kristallisation“ (Arnold Gehlen) eines allein von wissenschaftlich-technischen Imperativen und von bloßer Wohlstandsverwaltung geregelten gesellschaftlichen Mechanismus, auch nicht in der totalen „Simulation“ (Jean Baudrillard) einer von allen menschlichen Subjekten verlassenen Medienwelt sollten die historischen Konvulsionen ihr Ende finden.

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Längst gehört es zum guten Ton, sich über Fukuyamas optimistische Diagnose und Prognose zu mokieren. Der bloße Hinweis auf „Jugoslawien“ scheint zu genügen, um den Glauben, daß sich politische Gegensätze weltweit zu bloß ökonomischer Konkurrenz abflachen, ad absurdum zu führen. Und die Konflikte, von denen auch die westlichen Gesellschaften heimgesucht werden, sind gravierend genug, um jedes Vertrauen in ihre Stabilität zu untergraben.

Es muß deshalb überraschen, daß sich jetzt gleich drei Autoren nochmals mit großer Pietät der Theorie des Geschichtsendes zuwenden. Die Art und Weise freilich, in der dies geschieht, ist zugleich ein Symptom dafür, was sich seit 1989 veränderte. Damals konnte Fukuyama, der hohe Beamte des Washingtoner State Departments, den Sieg des liberaldemokratischen Systems noch als epochales Ereignis feiern. Zwar führte er Hegel und Alexandre Kojève, auch Platon und Nietzsche als seine Gewährsleute an. Dennoch hat er keine philosophische Abhandlung, sondern eine politische Zeitdiagnose verfaßt. Die Theorien verwendete er recht unbekümmert als griffige Werkzeuge, um dem zeitgeschichtlichen Material eine logische Ordnung zu geben. Der Tadel ist ihm nicht erspart geblieben: Natürlich mußte er sich Einseitigkeiten und Fehler beim Rekurs auf die philosophischen Klassiker vorrechnen lassen.

Doch gerade Fukuyamas Unbekümmertheit im Umgang mit der Theorie zeigte, daß er ganz und gar von der Gegenwart, die er zu verstehen suchte, in Anspruch genommen war. Dieser Impetus politischer Zeitgenossenschaft ist in den neuen Büchern zum Thema nur noch in Schwundform vorhanden. Die Vorzeichen wurden umgekehrt: Nicht mehr das Zeitgeschehen, sondern die Theoriegeschichte steht im Mittelpunkt. Aus der markanten Geschichte vom Ende der Geschichte ist eine unendliche Geschichte geworden. Wir werden in der Ahnenreihe der Endzeitvisionäre bis zu Hesiod zurückgeführt. Insbesondere aber dem säkularisierten Messianismus der Hegeischen Geschichtsphilosophie und ihrer Interpretation durch Alexandre Kojève gilt das Interesse der Exegeten.

Perry Anderson versucht immerhin am Schluß seines Buches, es mit dem diagnostischen Anspruch Fukuyamas aufzunehmen. Er würdigt dessen Entwurf in fairer Weise und weist voreilige Kritik daran zurück. Er selbst macht zwei schwerwiegende, berechtigte Einwände: Erstens fehle es der Demokratie heute auch dort, wo sie formale Geltung erlangt habe, an Vitalität; und zweitens spreche nichts dafür, daß sich das westliche Wohlstandsniveau weltweit ausbreiten werde. Das wäre auch ökologisch gar nicht zu verkraften. „In der wirklichen Welt erleben wir einen offensichtlichen Gegensatz zwischen der Kontinente übergreifenden Ausbreitung der Demokratie und der regional beschränkten Basis kapitalistischen Reichtums.“ Und gerade dort, wo sich die Marktökonomie in jüngster Zeit am rasantesten entwickelte, in Taiwan und in Südkorea, könne von demokratischen Verhältnissen noch keine Rede sein.

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