Von Kurt R. Leube

„Die bisherigen Versuche, die Eigenthümlichkeiten der naturwissenschaftlichen Methode der Forschung kritiklos auf die Volkswirtschaftslehre zu übertragen, haben denn auch zu den schwersten methodischen Mißgriffen und zu einem leeren Spiel mit äußerlichen Analogien zwischen den Erscheinungen der Volkswirthschaft und jenen der Natur geführt.“

Carl Menger

Von jenen drei großen Gelehrten, die zu Beginn der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, fast gleichzeitig, aber doch unabhängig, die bahnbrechende Grenznutzentheorie formulierten, war der Österreicher Carl Menger gewiß in der ungünstigsten Position. Während sich der Franzose Leon Walras seiner überaus komplizierten mathematischen Darstellung wegen von vornherein nur an einen erlauchten Kreis von Gleichgesinnten richten konnte, sah sich William St. Jevons in England hauptsächlich nur passiver Gleichgültigkeit gegenüber. Carl Menger aber hatte mit aktivem, ja aggressivem Widerstand zu kämpfen. Im wesentlichen sah er sich zum einen der übermächtigen Jüngeren Deutschen Historischen Schule gegenüber, die, von Gustav von Schmoller angeführt, in Deutschland aller Theorie reichlich bis kategorisch ablehnend gegenüberstand. Und zum anderen (mit Auswirkungen bis in unsere Tage) wurde die Besetzungspolitik an den deutschen Universitäten von Friedrich Althoff, einem politischen Weggefährten Schmollers, geradezu systematisch kontrolliert. So blieb Mengers Erstlingswerk, die „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre“ (1871), mit dem er die Grundlagen der klassischen Nationalökonomie aus den Angeln hob, zunächst einmal unbeachtet.

Gewöhnlich gibt erst das langsame Heranreifen der Disziplin dem großen Vordenker die spätere verdiente Würdigung. Daß Carl Menger diesem häufigen Gelehrtenschicksal entging, ist dem seltenen Glücksfall der Kollaboration zweier kongenialer Köpfe zu verdanken, die sein Werk auf gleicher intellektueller Höhe ausbauen und weiterführen konnten: seinen beiden indirekten Schülern Eugen von Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser.

Während die Klassik noch durch die Konfusion von Arbeitswert, Nützlichkeit, Gebrauchswert und anderer Begriffe in hoffnungslosen Widersprüchen verfangen war, gelang Menger der intellektuelle Durchbruch: Aus der Knappheit wirtschaftlicher Güter folgt, daß sich der Wert nicht aus dem Nutzen der ganzen Gütermenge, sondern nur aus dem subjektiven Nutzen einer konkreten Teilmenge des jeweiligen Gutes ergibt. Innerhalb einer subjektiv definierten Bedürfnishierarchie einer gegebenen Gütermenge ergibt sich demnach der Wert aller Einheiten aus dem „Grenznutzen“ (Wieser), dem Nutzenzuwachs der zuletzt befriedigend eingesetzten Teilmenge. Der Umfang des Gütervorrates wird damit zu einem bestimmenden Faktor des subjektiven Wertes. Die kausal-genetischen Beziehungen zwischen subjektiven Erwartungen, Wertungen und Handlungen im sozialen Umfeld stehen im Mittelpunkt des theoretischen Interesses. Menger hat mit seiner systematischen Begründung des Grenznutzenprinzips, des kausal-genetischen Ansatzes, des methodologischen Individualismus, des sich daraus zwingend ergebenden methodologischen Subjektivismus und der Präferenzreihung die Säulen der modernen Nationalökonomie geschaffen.

Mengers fundamentale Einsichten sind jedoch in keiner Weise nur auf die engeren Wirtschaftswissenschaften beschränkt, sondern sind zum Verständnis aller Gesellschaftstheorie von entscheidender Bedeutung. Dieser Ansatz wurde in Deutschland als Instrument der wissenschaftlichen Analyse für zwecklos gehalten. Während sich in Österreich die Grenznutzen- und subjektive Werttheorie zum vollen System entwickelte, verharrte man unter Schmollers Führung in theorieloser Forschung. Man hielt das Studium geschichtlicher Entwicklung für die allein geeignete Methode, um jene empirischen Gesetze zu entdecken, mit denen dann soziale Erscheinungen, erklärt werden könnten. Dieser Ansatz unterscheidet sich von der heute in den Wirtschaftswissenschaften dominierenden Methode eigentlich nur durch den wesentlich bescheideneren Gebrauch von Mathematik und Statistik und wurde in unserem Jahrhundert von dem Philosophen Karl Popper als „Historizismus“ und von Friedrich A. v. Hayek als „Szientismus“ kritisiert.

Wurden Mengers „Grundsätze“ kaum seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt, so konnte er sich mit seinem zweiten Buch, „Untersuchungen über die Methoden der Socialwissenschaften und der Politischen Ökonomie insbesondere“ (1883), über eine Nichtbeachtung eigentlich nicht beklagen. Dieses Buch ist für das Verständnis moderner Gesellschaftstheorie zumindest ebenso wichtig und trug wahrscheinlich mehr als andere Werke dazu bei, die besondere Natur der sozialwissenschaftlichen Methodik klarzumachen. Mengers bleibendes Verdienst ist es, den Erkenntnis- und Erklärungswert wirtschaftstheoretischer Forschung gegenüber der Empirie der wirtschaftshistorischen Methoden klargemacht zu haben.

Mengers direkter Angriff auf die Methodik Schmollers und dessen Schule forderte diesen zu beispiellosen Gegenattacken heraus. Die von beiden Seiten nicht immer taktvoll geführten Auseinandersetzungen sind als „Methodenstreit“ in die Geschichte eingegangen. Auf Schmollers aggressive Rezension seiner „Untersuchungen“ reagierte Menger 1884 mit der leidenschaftlichen Polemik „Die Irrtümer des Historismus in der deutschen Nationalökonomie“ und brach damit zumindest für seinen Teil die direkte Kontroverse ab. Aller Angriffe auf Mengers Lehren zum Trotz erschienen jedoch allein bis 1889 in rascher Folge eine Vielzahl von Werken, die den Weltruf der Österreichischen Schule begründeten. Angesichts des hoffnungslosen Scheiterns mathematisch-statischer Erklärungsversuche menschlichen Handelns sollte es nicht verwundern, wenn sich – gleichwohl noch zögernd – eine Renaissance dieser Schule abzeichnet. Aber noch möchte man darüber verzweifeln, daß sich jener geistlose „homo oeconomicus“, den Menger so erfolgreich aus der Lehre vertrieben hat, in der Gestalt neuer Planungsansätze wieder einschlich.

Carl Menger wurde am 28. Februar 1840 als Sohn eines Rechtsanwaltes in Neu-Sandez in Galizien (heute Polen) geboren, wo er auf dem Familiengut bis 1849 noch die Reste der Leibeigenschaft erlebte. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern, Anton, einem glühenden Sozialisten, und Max, einem berühmten Parlamentarier, studierte Carl an den Universitäten Wien und Prag. Nach seiner juristischen Promotion in Krakau 1867 betätigte er sich zunächst als Journalist in Lemberg und Wien und trat dann als Beamter in die Presseabteilung des österreichischen Ministerpräsidiums in Wien ein, wo es zu seinen Aufgaben gehörte, Übersichten zur Marktlage zu verfassen.

Wie Menger selbst berichtete, stellte er bei diesen Analysen die Diskrepanz fest, die sich zwischen den gelehrten Annahmen der klassischen Preistheorie und der tatsächlichen Preisbildung in der Praxis auftat. Er kam daher zu dem Schluß, daß die letzte Quelle der Preisbildung beim Austausch von Gütern immer die Wertschätzung der Konsumenten sein muß, die dabei ihrer jeweiligen Nutzenerwartung folgen.

Dies dürfte für ihn der wohl entscheidende Impuls gewesen sein, ohne Lehrer oder Vorbild, die überkommene Wirtschaftstheorie radikal in Frage zu stellen und die „Grundsätze“ zu schreiben. Bereits ein Jahr nach Erscheinen dieses Werkes konnte sich Menger habilitieren und wurde 1873 zum außerordentlichen Professor an der Universität Wien bestellt. 1876 wurde Menger neben seiner universitären Tätigkeit vom Hof berufen, den achtzehnjährigen österreichischen Kronprinzen, Erzherzog Rudolf, systematisch in politischer Ökonomie zu unterrichten. Menger begleitete Rudolf auch zwei Jahre lang auf ausgedehnten Studienreisen durch weite Teile Europas.

Der tiefe Einfluß von Mengers liberalen Ideen spiegelte sich in einer Reihe politischer Essays wider, die Rudolf der reaktionären Haltung des Hofes wegen zum Teil’anonym veröffentlichen mußte. Besonderes Aufsehen erregte die herbe, aber visionäre Kritik an der politischen Passivität des österreichischen Adels, die 1878 in München „von einem Österreicher“ publiziert wurde. Obwohl man Menger als alleinigen Verfasser dieser Polemik verdächtigte, wurde er 1879 zum ordentlichen Professor an der Universität Wien ernannt, wo seine brillanten Vorlesungen immer mehr Studenten aus allen Winkeln der Donaumonarchie, aber auch aus Italien, Frankreich, England oder den Vereinigten Staaten anzog. 1886 nahm Menger an der österreichischen Studienreform aktiv teil. Von 1884 an wurde Mengers Lehrtätigkeit bis zu seiner freiwilligen Emeritierung 1903 nur noch einmal, 1892, von einer intensiven literarischen Phase unterbrochen. In rascher Folge erschienen eine ganze Reihe wichtiger geldtheoretischer und geldpolitischer Arbeiten. In diesem Jahr engagierte er sich auch in der Österreichisch-Ungarischen Währungskommission, in der einige seiner Schüler vertreten waren. Damit trug er wesentlich zur Wiedereinführung der Goldwährung bei.

Besonders ist hier sein systematischer Beitrag über den Ursprung des Geldes hervorzuheben, bei der er den individualistischen Ansatz und die Grenznutzenanalyse zur Erklärung des Geldwertes heranzog. Für Menger sind Ursprung und Funktion des Geldes aus den lebendigen Bedürfnissen des Verkehrs abzuleiten. Die Zahlungsmittel sind daher nicht ausschließlich durch Satzung bestimmt. Dieser Ansatz wurde dann zwanzig Jahre später von Ludwig von Mises erfolgreich fortgeführt. 1900 wurde Menger aufgrund seiner großen Verdienste auf Lebenszeit ins österreichische Herrenhaus berufen, wo er mitunter zum Gegenpol seiner Brüder wurde.

Abgesehen von gelegentlichen kürzeren Aufsätzen, Besprechungen und biographischen Notizen veröffentliche Menger von 1892 bis zu seinem Tode 1921 praktisch nichts mehr. Seine letzte Arbeit war der Nachruf auf Eugen von Böhm-Bawerk. Mengers scheinbare literarische Inaktivität ist mit seiner Konzentration auf die Vollendung des großen systematischen Werkes über das Wesen und die Methoden der Sozialwissenschaften begründet. Nachdem 1902 Mengers einziger Sohn, der berühmte Mathematiker Karl Menger (unehelich) geboren wurde, zog sich Menger 1903 auch von seiner Lehrtätigkeit zurück.

Menger war niemals mit sich selbst zufrieden. Deshalb schob er die Veröffentlichung seines letzten großangelegten Werkes immer wieder auf. Als 81 jähriger starb er zurückgezogen in Wien am 26. Februar 1921. Einiges Material aus dem Nachlaß wurde von seinem Sohn in die 1923 besorgte Neuausgabe der „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ aufgenommen.

Carl Menger:

Grundsätze der Volkswirtschaftslehre.

Erster allgemeiner Teil (kommentiertes Faksimile der Erstausgabe von 1871); Verlag Wirtschaft u. Finanzen, Düsseldorf 1990; 298 Seiten, 300,– DM