Von Peter Schüttler

Seit einigen Wochen läuft in den Pariser Kinos ein Historienfilm über die Kindheit Ludwigs XIV.: „Louis, enfant roi“ von Roger Planchon. In opulenten Bildern wird gezeigt, wie schon dem Zehnjährigen – im Kampf gegen die Fronde des Adels – ein königliches Selbstbild eingeimpft wurde. Mit dreizehn wurde der kleine Herrscher, den seine Mutter und sein „Pate“, Kardinal Mazarin, lenkten, politisch und sexuell für erwachsen erklärt. Aber erst mit dem Tod des Kardinals 1661 war seine Ausbildung endgültig abgeschlossen. Fortan regierte Ludwig allein: autokratisch und absolut. Auch darüber gibt es einen hervorragenden Film: „Die Machtergreifung Ludwigs XIV.“ von Roberto Rosselini. Nun hat Peter Burke, der in Cambridge lehrende Kulturhistoriker, das gleiche Thema, nämlich die Selbst- und Fremdinszenierung des „Sonnenkönigs“, zum Gegenstand eines faszinierenden Buches gemacht.

Burkes Studie ist ausdrücklich keine Biographie, eher schon eine Antibiographie. Sie untersucht die Bedingungen, unter denen die Person, das Leben und der Körper Ludwigs XIV. in Szene gesetzt wurden, so daß überhaupt erst das Bild – das „Image“ – eines „großen Königs“ entstand: Louis le Grand. Im Zeitalter barocker Stilisierung war dies nicht eigentlich neu. Aber die Vielfalt, die Virtuosität und – man muß hinzufügen – auch der finanzielle Aufwand dieses quasireligiösen Kultes mit seinen vielen Nebenaspekten, wie etwa der Gründung von Akademien und Zeitungen, stellten alles bis dahin Bekannte in den Schatten. Erst im zwanzigsten Jahrhundert hat man wieder Vergleichbares erlebt.

Dieser König baute nicht nur Schlösser, um zu „repräsentieren“ oder gar darin zu wohnen. Er ließ auch nicht nur seine Geburtstage oder Schlachtensiege feiern. Jeder Schritt, den er tat, jeder Satz, den er sagte, wurde sogleich von einer ganzen Schar willfähriger oder lohnabhängiger Maler und Schreiber festgehalten und als triumphale, geniale Äußerung dargestellt.

Burke zeigt also die Dekorateure, die „Verpackungskünstler“ am Werk. Unter ihnen sind berühmte Namen, wie der Maler Lebrun, der Musiker Lully oder die Dichter Corneille, Racine und Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière. Ludwigs Regierungsform hatte bereits etwas von einer Multi-Media-Show, und der „Superstar“ seines „Theater-Staates“ war natürlich er selbst. Seine Krönung und Salbung, sein feierliches „Entree“ in Paris, sein öffentliches Aufstehen, Zubettgehen oder Sichentleeren, der Bau beziehungsweise Ausbau von Versailles, die Errichtung unzähliger Königsstatuen und Triumphbögen im ganzen Land, die einmalige Prachtentfaltung des Hofes – all dies diente der Zentrierung des Lebens auf den Herrscher.

Dabei spürten schon die Zeitgenossen, daß mit dem Regime etwas nicht stimmte. „Eigenlob stinckt gern“, so lautete der Titel einer 1690 in Deutschland gedruckten Flugschrift gegen den Despoten. Und als Ludwig 1715 endlich starb, atmete ganz Frankreich auf. Denn das reichste Land Europas war mehr noch als durch die kostspielige Hofhaltung durch unzählige, zum Teil aberwitzige Kriege ruiniert. Diese „Kehrseite der Medaille“, die enormen Kriegslasten, die religiöse Intoleranz, die despotischen, ja totalitären Aspekte einer allzu langen Regierungszeit werden von Burke keineswegs verschwiegen. Auf den „Sonnenaufgang“ folgte ein bedrückender „Sonnenuntergang“.

Der Verfall und die Demontage des „großen Ludwigs“ ist in unzähligen Karikaturen und Broschüren, in oppositionellen Erinnerungsmedaillen sowie nicht zuletzt in den monumentalen Memoiren des Herzogs von Saint-Simon dokumentiert. Da er sich selbst für die „Sonne“ hielt, konnte Ludwig nie begreifen, daß „sein“ Jahrhundert auch das der aufkommenden lumières, des Rationalismus und der Aufklärung, war. Und seine Regierungsform ebenso wie die seiner Nachfolger trug nicht unwesentlich zur Krise der Repräsentationen bei, die wir heute mit der Jahreszahl 1789 assoziieren.