Am Sonntag stimmen die Mitglieder der SPD über ihren künftigen Vorsitzenden ab. Zwei Männer und eine Frau stellen sich zur Wahl, vor der den Funktionären graustEnkel, zur Sonne, zur Einheit!

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Von Nina Grunenberg

Ob sie wissen, was sie tun – Heidemarie Wieczorek-Zeul und die Herren Scharping und Schröder? Die Unbefangenheit, mit der Willy Brandts politische Enkel in diesen Tagen um höchste Führungspositionen raufen, ist neu in der Jahrhunderttradition der SPD. Wie am kommenden Sonntag das Ergebnis ausfallen wird, ist schwer vorauszusagen.

Die Idee, den Mitgliedern ein Mitspracherecht bei der Bestellung des Parteivorsitzes einzuräumen und die Entscheidung nicht nur dem Führungszirkel der Genossen zu überlassen, wird Wolfgang Clement zugeschrieben, dem Minister in der Düsseldorfer Staatskanzlei und Vertrauten von Johannes Rau. Er hatte den Ausscheidungsmarathon der Präsidentschaftskandidaten im amerikanischen Vorwahlkampf beobachtet und zur Nachahmung empfohlen. Unterstützt wurde sein Vorschlag von Herta Däubler-Gmelin, einer ungeliebten Zuchtmeisterin, die nicht zum ersten Mal dafür plädierte, die SPD für basisdemokratische Elemente zu öffnen. Wäre die Ratlosigkeit in der SPD nur halb so groß, hätten diese beiden Fürsprecher noch nicht ausgereicht, um den Stein ins Rollen zu bringen. Der Mut der Verzweiflung gehörte dazu; Für Günter Verheugen, einen SPD-Politiker, der sich das Recht zum souveränen Urteil nicht nehmen läßt, ist die Mitgliederbefragung „der erste ernsthafte Versuch, die Entwicklung der SPD zur Kaderpartei zu bremsen“.

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Den Funktionären graust vor den Konsequenzen; viele beobachten das Kandidatentheater auch nur mit Trauer. Vergleiche bleiben nicht aus, selbst wenn die Enkel sie sich verbitten: Sie fühlen sich davon ungerecht verkleinert. „Willy Brandt hat schließlich auch nicht als Friedensnobelpreisträger angefangen“, gibt der Mainzer Rudolf Scharping ironisch zu bedenken. Doch ältere Genossen finden, daß sie wenigstens einmal tief durchatmen sollten, bevor sie sich in die Schuhe von Willy Brandt stellen. Als er 1961 Kanzlerkandidat wurde – nicht aus eigenem Machtanspruch, sondern weil Herbert Wehner und Fritz Erler es so beschlossen –, hatte er als Regierender Bürgermeister schon das sowjetische Berlin-Ultimatum überstanden, sich durch seine Vorschläge zur Berlin-Frage weltweit Gehör verschafft und die Amerikaner zu seinen politischen Freunden gewonnen. Außer Konrad Adenauer war er die einzige nationale Figur, die im westlichen Ausland wahrgenommen wurde. Als er 1964 den Parteivorsitz übernahm – Wehner hatte es entschieden, der Rest war Ritual –, war an seiner politischen Autorität nicht mehr zu rütteln.

Wie unfair die Kandidaten das finden! Wie ungerecht! Können sie etwas dafür, daß sie in einer Zeit groß wurden, in der die Lust am Leben größer war als seine Last? „Wir können doch für sie kein Hotel Lux erfinden“, spöttelt Peter Glotz, „damit sie so schön hart werden wie Onkel Herbert.“ Die Enkel schauen nicht gern zurück. Die Welt, die sie meinen, fängt mit ihnen an. Der Blick in die Spuren der Vorläufer erinnert sie zu sehr an die „Träume alter Männer“, die sie abschütteln wollen. Heidemarie Wieczorek-Zeul ist die einzige der drei, die dafür noch empfänglich ist. Sie ist die Traditionalistin unter ihnen. Als sie vor vierzehn Tagen im Kreise der Genossen in Leipzig saß und des 130. Gründungstages der SPD gedachte, schoß es ihr durch den Kopf: „130 Jahre – und wir haben keinen Vorsitzenden.“ Das hat sie erschüttert.

Die Kandidaten tun, was sie können. Wer sie beobachtet, dem fällt nicht Willy Brandt als Vergleich ein, sondern Django, der einsame Revolverheld, der mit dem Sarg unter dem Arm herumläuft. Jeder der drei wirkt, als stünde er allein gegen die Welt und als ginge es für ihn um alles oder nichts. Zwar steht nur der Parteivorsitz zur Diskussion, aber wenn Rudolf Scharping und Gerhard Schröder alleine zu entscheiden hätten, würde die Frage der Kanzlerkandidatur am Sonntag gleich mit erledigt. Beide streben sie an: Rudolf Scharping, weil er noch nicht sicher ist, mit welchem Konkurrenten er am besten leben könnte, wenn er Parteivorsitzender wäre; Gerhard Schröder, weil er eigentlich nur Kanzler werden will. Um den Parteivorsitz bewirbt er sich zur Unterstützung seines Anspruchs. „Ich spüre doch auch die Erwartungen“, sagt er. „Es gibt eine Sehnsucht nach Führung in der SPD und gleichzeitig Angst davor. Die muß man überwinden.“

In diesen Tagen trägt Schröder mit Vorliebe einen Schlips, den ihm seine Frau Hiltrud aus Italien mitbrachte. Er ist von einem Wolfskopf geschmückt und den Worten: „Ich bin ein Freund des Wolfes.“ Das sind Gags, die sich der forsche Niedersachse nur schwer verkneifen kann. Die einzige, die nicht vorgibt, Kanzlermaterial zu sein, ist Heidemarie Wieczorek-Zeul, die erste Frau, die sich in der Geschichte der SPD aus eigenen Stücken um den Parteivorsitz bewirbt. Das Präsidium war perplex, „die Männer glaubten, sich verhört zu haben“. Ihre Mitbewerber, „die Buben“, wie sie sagt, weigerten sich, mit ihr gemeinsam auf Großveranstaltungen aufzutreten. Als Ministerpräsidenten haben Schröder und Scharping bessere Möglichkeiten der Selbstdarstellung. Die „rote Heidi“ will sich im Unterschied zu ihren Kollegen mit dem Parteivorsitz begnügen und hofft darauf, daß ihre Bescheidenheit den Mitgliedern als Zier ins Auge fällt. Mit Pluspunkten kann sie rechnen. Als Karrieretrittbrett hat sich die Partei auch in besseren Tagen nicht gern benutzen lassen.

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