Sieger mit 40 Prozent. Die SPD und ihr künftiger Vorsitzender Rudolf Scharping feiern die direkte Parteidemokratie. Und was kommt danach?Mitunter ein wenig nach rechts

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Von Werner A. Perger

Bonn

Die direkte Demokratie erleichtert das Leben, zumindest manchmal. Interne Machtkämpfe verlaufen komplizierter als öffentliche Wahlkämpfe. Und daß sich auf einem Parteitag tatsächlich drei Kandidaten einer Wahl gestellt hätten, ist unwahrscheinlich. Da wäre vorher intern wenigstens eine Begrenzung auf zwei Bewerber erkungelt worden.

Doch selbst das wäre schon ungewöhnlich genug gewesen. Kampfkandidaturen um die Spitzenposition sind in den Volksparteien bisher der Ausnahmefall. In aller Regel scheiterte das an einem etwas vordemokratischen Verständnis von Parteisolidarität. So gab es die letzte Kampfwahl um die Führungsspitze vor 22 Jahren, ausgerechnet in der damals oppositionellen CDU. Helmut Kohl stritt mit Rainer Barzel um die Kiesinger-Nachfolge, warb mit großem Aufwand für die Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur, empfahl Gerhard Schröder (den Exaußenminister der CDU) für den Kandidatenposten und unterlag. Lange her, Geschichte.

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Nun waren es also in der SPD drei Kandidaten, eine zusätzliche Neuheit. Die Urwahl, formell nur eine Befragung der Mitglieder, erleichterte das Nominierungsverfahren besonders auch damit, daß sie eine Stichwahl überflüssig machte. Die Zurückgebliebenen, Gerhard Schröder (der niedersächsische Ministerpräsident) und die Bundestagsabgeordnete Heidi Wieczorek-Zeul, verzichteten. So wurde Scharping Sieger mit nur 40,3 Prozent der Stimmen. Auf einem Parteitag hätte er sich einer Stichwahl gegen Schröder stellen müssen. An wen wären die Stimmen der Kandidatin aus Hessen-Süd gegangen?

Rudolf Scharping, einer „mit Augenmaß“ und „Sinn für Zusammenhalt“, wie eine Kommentatorin der taz sich freute, hat ziemlich freie Hand. „Er ist jetzt, nach dem Mitgliedervotum, so stark, wie er lange nicht mehr sein wird“, sagt ein wohlmeinender Parteifreund und rät ihm, alle wichtigen Entscheidungen möglichst bald zu treffen. Inhaltliche und personelle: über die Haltung der Partei zu weiteren Sparmaßnahmen, zur inneren Sicherheit, zur Außenpolitik und zu Bundeswehreinsätzen. Und über die Person des nächsten Kanzlerkandidaten. Bild allerdings hat, stellvertretend für viele, darüber schon entschieden und Maß genommen: „Wer ist besser, Scharping oder Kohl?“ fragte das Blatt am Tag danach und antwortete nicht.

Gerhard Schröder, „der ernsthafteste Gegner“ für Kohl, wie wiederum ein Kommentator der taz sich ärgerte, verwendete den größten Teil seiner öffentlichen Äußerungen darauf, Scharping zu bedrängen, er solle unbedingt auch Kanzlerkandidat werden. Die Sorge dahinter ist deutlich, der Pfälzer der SPD könnte vor dieser „Bündelung der Kräfte“ zurückschrecken und Oskar Lafontaine die Kandidatur antragen. Alles, nur das nicht! Kaum etwas würde Schröder mehr ärgern. Sein Verhältnis zu „Oskar“ ist so kaputt, daß er das als persönlichen Affront empfände.

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