Ein postkartenschöner Anblick: In schmucker Landestracht stehen die 24 Frauen auf der Bühne. Wie retuschiert leuchten ihre grellbunten Rocktücher auf den weißen Leinenkleidern. Ums schwarze Haar haben sie rote Kopftücher gebunden, mit Papierblumen die Stirn geschmückt. Vielleicht ein Chor der Landfrauen auf großer Jahresfahrt, könnte man vermuten, oder ein Trachtenensemble auf einer Werbetour für die Tourismusindustrie. Aber dann beginnen sie zu singen.

Sie formen Klänge in seltsamster Vokalfärbung, beinahe so, als resoniere da gar kein menschlicher Stimmapparat, sondern ein fremdländisches Instrument. Sie glissandieren, juchzen und ornamentieren, fügen aberwitzige Rhythmen aneinander, türmen ihre Stimmen zu verwegenen Ackorden. Und plötzlich hat das Folklore-Klischee tiefe Risse. „Archaische Klangwelten aus ferner Zeit“ glaubt der eine vernommen zu haben, der andere eine „Vermählung von Avantgarde und Mittelalter“, der dritte fühlt sich an „blökende Ziegenherden“ erinnert. Ist da ein Geheimnis um die bulgarischen Stimmen?

Ein in westlicher Opernkunst erfahrener Gesanglehrer kann ob der sonderbaren Vokaltechnik eigentlich nur entsetzt die Hände vors Gesicht schlagen – alles falsch! Kein einziger Ton ist mit dem Zwerchfell gestützt. Ganz tief nach hinten, in die Enge des Halses scheint den Sängerinnen der Stimmansatz gerutscht. Schneidend, manchmal fast metallisch wirkt ihr Timbre. Hart und brüchig klingen die Registerwechsel. Nicht einmal die Zähne kriegen sie schulgerecht auseinander, wenn sie zu einem Forte ansetzen. Und überhaupt, wie kann man so ausdauernd so kehlige Töne hervorbringen, ohne sich die Stimmbänder zu ruinieren?

Alles richtig! Die 24 Frauen machen das so wie ihresgleichen seit musikalischen Urzeiten. Die Wurzeln ihrer Gesangstechnik liegen im Orient des Mittelalters. Manche vermuten sie gar bei den Thrakern in vorchristlicher Zeit. Es ist eine Technik mit verblüffenden Qualitäten: Ganz leicht und doch mit trompetengleicher Strahlkraft lassen die Sängerinnen ein Forte erklingen. Manche können hinab bis in die tiefen Tenorlagen singen. Und was den vermeintlichen Verschleiß durch den Kehlkopfansatz betrifft – im Gegensatz zu unseren Opernsängern klingen bei den bulgarischen Frauen die Stimmen auch nach sechzig Jahren noch jugendlich und glockenhell. Da dürfen sie sich denn auch einen extravaganten Namen leisten. „Le Mystöre des Voix Bulgares“ nennt sich der Chor, das Geheimnis der bulgarischen Stimmen.

Seit Erscheinen der ersten Plattenaufnahmen Mitte der achtziger Jahre genießt das bulgarische Ensemble einen geradezu kultischen Ruf in der Ethno-Szene, auch wenn das Geheimnis der Stimmen (ein klein wenig zumindest) mit der streng organisierten Volkskunstpflege der ehemaligen sozialistischen Kulturpolitik zusammenhängt.

Dennoch: Den Feldforschern und Musikethnologen muß gerade Bulgarien wie eine lange verborgene Schatzinsel musikalischer Ursprünglichkeit vorgekommen sein. Vom 13. bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fristete das Land ein Schattendasein als Provinz des Osmanischen Reichs. Die Entwicklungen der westlichen Kunstmusik sind nahezu spurlos an ihm vorübergegangen, so daß die Volksmusik sich archaische Einflüsse hat erhalten können. Etliches kommt da zusammen: Tonskalen aus der griechischen Antike, byzantinische Einflüsse, die Vierteltönigkeit der türkischen Musik, diaphonische Stimmführungen, die an die Frühformen der Mehrstimmigkeit im Mittelalter erinnern, oder das reiche Repertoire an asymmetrischen Rhythmen, bei deren Notation sich auch ein Béla Bartók nicht leichtgetan hat.

All das schwingt mit im Mystère Des Voix Bulgares, obwohl wirklich authentische, traditionelle Stücke im neuen Programm gar nicht mehr auftauchen. Was wir hören, ist mal mehr, mal weniger kunstvoll erdachte zeitgenössische bulgarische Musik und eben keine Klangwelt „aus einem anderen Jahrtausend“, wie noch mancher Ethno-Fan bis heute glauben mag. Da gibt es einerseits Werke, die den eher zweifelhaften Charme des sozialistischen Realismus verströmen. Da orientiert sich andererseits manches Arrangement unüberhörbar an angloamerikanischem Pop-Wohlklang. Da gibt es aber auch Komponisten, die der westlichen Avantgarde näherstehen, als der folkloristische Rahmen glauben macht.