Der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist kein Unbekannter und ein konservativer Mann. Aus seinen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Humanethologie hat er beispielsweise die Ansicht abgeleitet, die Emanzipationsansprüche der modernen Frauen seien mutterschaftsfeindlich und damit irgendwie unnatürlich. Die vom Herd wegstrebenden Frauen seien „irregeführt“. Das sicherte ihm den üblichen Beifall und bescherte ihm zahlreiche neue Feindinnen.

Auffällige Gefolgschaft, darunter die völkischen Maulhelden um den rechten Austropopulisten Jörg Haider, verschaffte ihm seine These, auf Grund unkontrollierter Zuwanderung und vor allem stärkerer Gebärfreudigkeit zugewanderter Frauen – konkret: Türkinnen – komme es beim Gastvolk langfristig „zur Verdrängung des eigenen biologischen Erbes“. Fremdes Blut verändert die Gene des Volkes. Achtung, „Durchrassung“!

Darf so einer auf dem Kirchentag reden? Keinesfalls, meinten die etwa fünfzehn jungen „Antifaschisten“, die gleich zu Beginn der mit Eibl-Eibesfeldt geplanten Diskussion geradezu feierlich das Podium besetzten und Transparente („Kein Rederecht für Rassisten“) entrollten. Es galt offenkundig, akute Volksverhetzung zu verhindern, wenn nötig, mit Gewalt. Die Christenmenschen könnten dem Professor womöglich auf den Leim gehen.

„Wurzeln des Rechtsradikalismus in uns“ hieß die Veranstaltung. Ort: die Aula der Universität München. Daß neben Freimut Duve aus dem Bundestag und Paul Oestreicher aus Coventry der umstrittene Professor sich auf dieses Thema einlassen wollte, interessierte mehr Leute, als in dem Saal Platz finden konnten. Nun wollten sie aber auch wissen, wie es sich mit dem inneren Faschismus verhält, und die Herren auf dem Podium darüber diskutieren hören. Duve und Oestreicher durften sie, nach einigem Hin und Her, dann auch hören. Die kritisierten die Besetzer, der Brite milde und mit Verständnis, der Deutsche böse und mit Empörung („Machtergreifung“). Beide mahnten mit Inbrunst zu Toleranz und demokratischer Vernunft. Nichts da! Als der „Rassist“ an der Reihe war, kam es, wie es kommen mußte: Trillerpfeifen und Gebrüll. Und ein empörtes Publikum, aus dem heraus eine weißhaarige alte Dame sich des Mikrophons bemächtigte: „Ich fühle mich total entmündigt von euch.“

Zu verhandeln gab es nichts:. Die Wächter über das, was – nach Vorbild des modernen Meinungsterrors an amerikanischen Universitäten – politically correct (p.c.) und damit zulässig ist und was als unkorrekt dem Meinungsverbot unterliegt, waren unerbittlich. Die Technik half den Diskutanten noch ein bißchen. Mit Hilfe der sehr effektiven Lautsprecher vermochte Eibl-Eibesfeldt sich und seine (entschärfte) Meinung einem Teil des Publikums noch verständlich zu machen („Wer die andere Meinung unterdrückt, ist selbst faschistoid. Das zeigt, wie leicht wir über das unerkannte Vorprogrammierte in uns stolpern. Wir müssen uns in den Spiegel schauen und sehen, daß wir Wesen sind mit einer Stammesgeschichte ...“). Ihm selbst den Spiegel vorzuhalten war nicht möglich. Die p.c.-Kommissare – selbst Figuren einer langen stammesgeschichtlichen Tradition des Menschengeschlechts – zelebrierten unerbittlich ihr Ritual, und Eibl-Eibesfeldt erhielt die Sympathien des Publikums. Was beides so nicht vorgesehen war.

Werner A. Perger