Keine Herrscherin in Deutschland war so verkannt und verhaßt wie Victoria, die englische Prinzessin am Hof der Hohenzollern An der Spitze der Frauenbewegung
Die englische Prinzessin am preußischen Hof, die Kronprinzessin Victoria und spätere Kaiserin Friedrich, ist immer noch eine historische Figur, die das Paradoxe verwirklicht, ebenso unbekannt wie verhaßt zu sein. In ihrem Bilde überschneiden sich altpreußische Vorurteile gegen die westliche Zivilisation und deutschnationale Aggressivität gegen alles Fremde. Bis in unsere Tage hat Bismarcks Verdikt über seine mächtigste politische Gegnerin sich ausgewirkt. Die englische Prinzessin hat sich wirklich um die Förderung der Kultur in Deutschland verdient gemacht - von der Körperhygiene bis zum Museumsbau.
Im Jahre 1840 kam die Princess Royal Victoria als erstes Kind der Königin Victoria von Großbritannien und Irland und ihres Prinzgemahls Albert von Sachsen Coburg Gotha zur Welt. Zu einer Zeit, als die Prinzen in Preußen streng und brutal durch besonders sorgfältig ausgewählte Lehrer und Militärs - von ihren Eltern getrennt - zum Gehorsam und Kriegführen erzogen wurden, lebten die Prinzessin und ihre Geschwister eng mit den Eltern zusammen. Die Königin hielt viel von frischer Luft (später führt ihre Tochter den Sandkasten in Deutschland ein), und Vicky Pussy beschwert sich in ihrem ersten Brief bei der Mutter, die abgehalten war, mit ihnen zu spielen: „Ich wünsche mir, daß Du sehr bald zurückkommst "
In Politik übernahm der Vater den Unterricht. Er brannte den beiden ältesten Kindern, Vicky und Bertie (später Eduard VII, König von England), den „Coburger" Plan ein: Der halbfeudale preußische Militärstaat sollte zu einer Monarchie werden, die auf einer liberalen Verfassung steht.
Handel und Wandel, Industrie, Religionsfreiheit und vor allem - keine Kriege „Das öffentliche Wohl und der Frieden Europas gehen vor dem eigenen Gefühl "
„Die Erziehung der königlichen Kinder sollte von frühesten Anfängen an wirklich moralisch sein Bibelkunde unterrichtete die Königin selber. Mit fünf Jahren konnte die Prinzessin in zwei Fremdsprachen, Französisch und Deutsch, sprechen, lesen und zählen (Später sagt ihr Bismarck nach, sie sei der deutschen Sprache, welche Vicky als Kleinkind mit den Eltern sprach, nicht mächtig ) Die kleine elfjährige Prinzessin Vicky begegnet 1851 auf der Weltausstellung in London dem schönen, großen, schlanken, breitschultrigen zwanzigjährigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen. Sie spricht mit ihm deutsch, was seinem mangelhaften Englisch entgegenkommt. Die königlichen jungen Leute laufen miteinander über die Superschau. Vicky erklärt dem höchst erstaunten preußischen Prinzen die Spitzenleistungen der ganzen Welt in Wissenschaft, Technik und Industrie.
Fünfzehn Jahre später wird sie als preußische Kronprinzessin den Wirtschaftsexperten Hermann Schwabe beauftragen, die Gewerbeförderang in England zu untersuchen. Diese Untersuchung war der Grundstein zum Bau des Kunstgewerbemuseums in Berlin (jetzt Martin Gropius Bau). Die Berliner nannten es das verlängerte Kronprinzliche Palais. Am 21. November 1881, dem Geburtstag der Kronprinzessin, wurde es feierlich eingeweiht. Es war damals nicht nur museale Sammlung von Kunstgewerbeerzeugnissen, sondern auch wissenschaftliche und technische Unterrichtsanstalt (Sohn Willy wurde dort im Zeichnen unterrichtet, was ihn als Kaiser später ermutigte, in jeden Architekturentwurf hineinzukritzeln ) Im Jahre 1855 besucht der preußische Kronprinz Schloß Baimoral und ist wild entschlossen, nicht eher abzureisen, bis er sich mit der fünfzehnjährigen Vicky verlobt hat. Er erklärt der Königin, daß er „Vicky allerliebst finde". Er wolle seinen Antrag nicht länger hinausschieben, habe auch die Zustimmung seiner Eltern und des Königs. Er wünsche in die Familie einzutreten, dies sei sein Ziel schon lange. Sprachs, pflückte einen Stengel weißen Heidekrauts - Wahrzeichen des Glücks - und gab es seiner Braut. Der Prinz sei ein glücklicher Bursche, sagte der amerikanische Gesandte, der neben der Jungverlobten speisen durfte. Sie sei das reizendste Mädchen, das er jemals getroffen habe, voller Leben und Geist, Scherz und Witz, mit einem ausgezeichneten Kopf und einem Herzen so groß wie ein Berg. Den einzigen Eindruck, den England von „Fritz" hatte, war der „eines fidelen, netten Leutnants" mit „großen Händen und Füßen" und - im Gegensatz zur Prinzessin - in keiner Weise begabt. Eugenie, Kaiserin von Frankreich, äußerte sich leidenschaftlich über den preußischen Prinzen: „Ein Teutone! Wie bei Tacitus! Die Deutschen sind eine imponierende Rasse!"
„Es war nicht Politik, es war nicht Ehrgeiz, es war mein Herz", äußerte Bräutigam Fritz; er vertraue auf sein häusliches Glück und „habe keinen anderen Wunsch".
- Datum 02.07.1993 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.7.1993 Nr. 27
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